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Dopingfall könnte das Ende des Langlaufs bedeuten

(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
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Der 26-jährige Niederösterreicher Johannes Dürr wurde des EPO-Missbrauchs überführt und vom ÖSV sofort ausgeschlossen. Langlauf-Chef Markus Gandler spricht von "Betrug eines Schurken".

Wien. Am Vortag war die olympische Welt der Österreicher noch in Ordnung. Da wurde über fünf Medaillen, davon zwei aus Gold, ausgelassen gejubelt, im Austria Tirol Haus bis fast in die frühen Morgenstunden gefeiert. Und auf einmal war er wieder da, dieser dunkle Schatten der Vergangenheit. Denn Johannes Dürr, Österreichs erfolgreichster Langläufer der Gegenwart, wurde des EPO-Missbrauchs überführt. Das Internationale Olympische Komitee hat das ÖOC kurz nach Mitternacht davon in Kenntnis gesetzt, der Athlet musste aus dem olympischen Dorf ausziehen, seine Akkreditierung abgeben und die Heimreise antreten. Dürr hat das Vergehen nach einer Konfrontation durch den ÖOC-Ärzteteamleiter Wolfgang Schobersberger sofort zugegeben, eine Öffnung der B-Probe hat sich damit erübrigt. Der Skiverband schloss Johannes Dürr mit sofortiger Wirkung aus, der Langläufer hat damit keine sportliche Zukunft mehr.

Der 26-jährige Niederösterreicher selbst wirkte bleich und total verunsichert. „Es bleibt mir nichts anderes über, als mich bei allen zu entschuldigen, bei meiner Familie, bei meiner Frau“, sagte Dürr in einem ORF-Interview. „Ich kann das nicht mehr gutmachen, so viele Leute haben sich den Arsch für mich aufgerissen und ich habe sie enttäuscht mit meiner Blödheit.“ In gewisser Weise zeigte sich Dürr aber auch erleichtert. „Ich bin auf der anderen Seite froh, dass das ein Ende hat, ein Ende genommen hat.“

Johannes Dürr war nach seinem ersten Olympia-Einsatz für die Vorbereitung auf den geplanten zweiten Start (50 km) nach Österreich heimgereist – und wurde am 16. Februar bei einer Trainingskontrolle positiv auf ein EPO-Präparat getestet. Zuvor hatte der Sportler laut ÖOC-Präsident Karl Stoss 14 Proben negativ absolviert. „Aber das Netz kann nicht so engmaschig sein, dass es nicht trotzdem Menschen gibt, die es schaffen zu betrügen“, erläuterte Stoss. „Wir haben gedacht, jetzt haben wir das endlich im Griff. Acht Jahre lang nichts, was ja auch eine lange Periode ist.“

Neun von 26 Dopingsündern aus Österreich

Bei Winterspielen hat es bisher 26 Dopingfälle geben, neun davon gehen auf das Konto von Österreich, alle im Lager der Langläufer und Biathleten. Dürr ist der sechste positiv getestete Sportler der Sotschi-Spiele. Zuvor sind die deutsche Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle, der lettische Eishockey-Spieler Vitalijs Pavlovs (beide Methylhexanamin), der italienische Bobfahrer William Frullani (Dymethylpentylamin), die ukrainische Langläuferin Marina Lisogor (Trimetazidin) und der schwedische Eishockey-Spieler Nicklas Backstrom als Betrüger entlarvt worden.

Karl Stoss hat den Dopingfall jedenfalls als „Paukenschlag, der uns wie eine Keule getroffen hat“ bezeichnet. Völlig fassungslos war Markus Gandler, der ÖSV-Sportdirektor und Langlauf-Chef, der noch immer unter dem Dopingskandal von Turin 2006 leidet. „Da gibt es gar keine Beschreibung dafür. Das ist das Schlimmste, von dem ich mir nie mehr erträumt habe, dass das passiert. Wir haben für diesen Athleten alles getan, wirklich alles“, so Gandler. „Wir haben uns den Arsch aufgerissen für den Hund. Und dann wirst du so betrogen. Das ist ja nicht irgendetwas, das ist schwerstes Doping, das verurteilt gehört bis zum Letzten. Das sind Betrüger, aus, fertig.“ Der Langlauf-Chef rang nach Worten. „Dann haben wir so einen Schurken, von dem ich noch vor einem Tag gesagt habe: ein Traumbursche. Und was sage ich heute? Man lernt nicht aus im Leben. Betrüger gibt es.“ Mehr noch. „Ich habe das Vertrauen verloren.“

Schröcksnadel überdenkt Förderung

Peter Schröcksnadel, der ÖSV-Präsident, der schon die Affären 2002 in Salt Lake City und 2006 in Turin mitgemacht hat, muss sich nun mit dem nächsten Dopingskandal herumschlagen. Ihm scheint nun endgültig die Geduld zu reißen, zumindest stellte er gestern den Fortbestand des Langlaufsports im ÖSV infrage. „Wenn man mit den Langläufern nur Probleme hat, muss man überlegen, wie weit die noch gefördert werden sollen.“ Zwischen 800.000 und 900.000 Euro hat der ÖSV zuletzt in den Langlauf gesteckt.

Ob sich der Fall Dürr auch negativ auf die Bewerbung von Seefeld um die Nordische WM 2019 auswirken könnte? „Natürlich wollen wir Seefeld, natürlich wollen wir die Bewerbung positiv abschließen und da muss man sehr sensibel mit dem Thema umgehen.“ Schröcksnadel betonte, wie enttäuscht er sei. „Bei Olympia ist scheinbar die Bereitschaft zum Betrug größer.“ Peter Schröcksnadel hat Dürr erst bei seiner Ankunft in Sotschi kennengelernt. „Ich habe ihm versprochen, ich komme zum 50-km-Rennen. Wenn ich das alles gewusst hätte, wäre ich lieber nach Hause gefahren. Wenn man ihn anschaut, hätte ich ihm das nie zugetraut. Er ist aber der Betrüger, es tut mir leid, so ist es und mit Betrügern können wir nichts anderes tun als sie ausschließen“, präzisierte Schröcksnadel die Nulltoleranzpolitik. Dürr werde sich bei den strengen Antidopinggesetzen in Österreich eine Gerichtsverhandlung kaum ersparen können. „Er wird einen guten Rechtsanwalt brauchen.“

Mit der Geduld ist der Tiroler am Ende. Turin hat ihm gereicht. „Und dann macht so ein Dummer wieder so einen Blödsinn. Wenn man betrogen wird, hast keine Chance. Das kannst du nicht verhindern, du kannst nur hinterher bestrafen.“

ZUR PERSON

Johannes Dürr (geboren am 12. März 1987 in Melk). Wohnorte: Göstling an der Ybbs, Antholz/Südtirol. Größe/Gewicht: 1,77 m/65 kg. Familienstand: verheiratet, ein Sohn (Noah). Verein: SC Göstling-Hochkar. Hobbys: Sport, Familie, Lesen, Homepage: www.joeduerr.at.

Größte Erfolge: WM: 15. Skiathlon 2013 Val di Fiemme. Weltcup: 3. Tour de Ski 2013/14 mit zwei Etappen-Weltcupsiegen (35 km Toblach, 9 km Berglauf Val di Fiemme), 4. Etappen-Weltcup 15 km Verfolgung 2013 Kuusamo, 7. 30 km Dezember 2013 Davos, 8. 15 km Februar 2013 Davos. Junioren-WM: Bronze Staffel, 4. Skiathlon 2007 Tarvis.

Johannes Dürr wurde vom ÖSV ausgeschlossen: „Es ist ein Betrug gegenüber allen anderen Sportlerinnen und Sportlern, der vonseiten des Verbandes auf das Schärfste verurteilt wird.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2014)