Psychologie: Fortwährende Macht der Magie

Dieses Foto von Marilyn Monroe von 1957 wollten viele ersteigern. Aber auch das, was sie trug, und viele andere ihrer Kleidungsstücke kamen irgendwann unter den Hammer. Und wirkten dann Wunder.
Dieses Foto von Marilyn Monroe von 1957 wollten viele ersteigern. Aber auch das, was sie trug, und viele andere ihrer Kleidungsstücke kamen irgendwann unter den Hammer. Und wirkten dann Wunder.(c) Reuters (Philippe Wojazer / Reuters)
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Würden Sie einen Pullover tragen, den Hitler getragen hat, oder einen von Marilyn Monroe? Irgendetwas klebt daran, was tiefe Abwehr auslöst – oder hohes Begehren.

Als am 26. April 1996 bei Sotheby's in New York nach vier Tagen zum letzten Mal der Hammer fiel, waren 34,5 Millionen Dollar zusammengekommen. So viel hatten um die 3000 Gegenstände aus dem Nachlass von Jacqueline Onassis gebracht: Kleidung und Schmuck von ihr, Gebrauchsgegenstände ihres ersten Mannes, John F. Kennedy. Sein Schaukelstuhl ging für 453.000 Dollar weg, sein Schreibtisch, an dem er den Atomwaffensperrvertrag unterschrieben hatte, für 1,43 Millionen. Aber auch Belangloses war umkämpft: 48.875 Dollar brachte ein simples Maßband. Wie das? Die Experten von Sotheby's rieben sich die Augen, sie hatten der Wert der Fuhre auf bloße 4,6 Millionen geschätzt, und natürlich war ein Prominentenbonus einkalkuliert. Aber die Macht der Magie bzw. die des „magischen Gesetzes der Ansteckung“ hatten sie vergessen.

„Einmal berührt, immer berührt“


So nannten Sozialforscher wie James Frazer und Marcel Mauss Ende des 19. Jahrhunderts, was Ethnologen aus vielen Ecken zusammentrugen: Bei Hindus in Indien hing die Qualität des Essens davon ab, wer es zuvor berührt hatte. Die Hua in Neuguinea glaubten, dass bei solchen Berührungen die „Essenz eines Menschen“ auf Dinge übergeht, Polynesier nannten die Essenz „mana“, US-Indianer hatten andere Namen. „Einmal berührt, immer berührt“, fasste Mauss zusammen, aber das Phänomen war natürlich eines von Exoten, die in finsteren Zeiten lebten. Im aufgeklärten Westen gab es dergleichen nicht, und schon gar nicht in der Speerspitze der Aufklärung, der Wissenschaft. Na ja, in den Achtzigerjahren entdeckte Paul Rozin (Penns) das Ganze wieder, an Studenten, die als Testpersonen dienten. Am bekanntesten wurde das Experiment mit Hitlers Pullover: Würde man den überstreifen, selbst wenn er noch so oft gewaschen worden wäre?

Die Studenten wandten sich mit Grausen ab, und Journalisten, die später darüber berichteten, taten es auch. Aber hat es das Experiment überhaupt gegeben? Ausgiebige Fischzüge im Netz ergeben nichts. Aber auch wenn es so passiert wäre – Hinweise erbeten! –, es hätte wenig Aussagekraft besessen, hätte man die Testpersonen nicht auch befragt, was sie denn von Hitler halten. Nicht jeder reagiert mit dem Reflex „ekelhaft“, es dürfte Menschen genug geben, die ihr letztes Hemd für eines von Hitler gäben (das sie dann nicht tragen, um es nicht zu entweihen).

Wie auch immer: In Rozins dokumentierten Experimenten ging es schon um Pullover, aber dann wurde es realitätsnäher. Würde man den eines individuell zu benennenden „Freundes“ tragen, den eines „Feindes“, eines „Bösen“, eines HIV-Infizierten? „Freundschaft“ brachte leicht positive Werte, das Böse und HIV schlugen extrem ins Negative. Deshalb suchte Rozin die Erklärung im „Ekel“, der sich gattungsgeschichtlich früh einstellte, zur Vermeidung gefährlicher Speisen – die Böses in sich tragen –, und der später auf viele Felder übergriff.
In Experimenten zeigte es sich überall: Von einer Suppe will niemand kosten, wenn darin auch nur für Sekunden eine Kakerlake war, eine tote und obendrein sterilisierte; im Kaufhaus ist man einem Kleidungsstück, das schon jemand anprobiert hat, weniger gewogen; und im Supermarkt bzw. Einkaufswagen sollen Tampons und Babywindeln – höchst hygienisch verpackte – Lebensmittel lieber nicht berühren. Aber all das waren gestellte Situationen, Experimente im Labor.

Deshalb hat George Newman (Yale) die alte Auktion von Jacqueline Onassis' Nachlass ausgegraben, und eine von Marilyn Monroes Erbe 2005, und die Zwangsversteigerung des Besitzes von Bernard Madoff 2010. Madoff. Madoff, wer war das doch gleich? Ach ja, der Finanzbetrüger, der 65 Milliarden Dollar ergaunerte und dafür 150 Jahre ausfasste. Ein Böser also, einer (fast) wie Hitler, vor dem muss man sich doch grausen, dessen Objekte müssen geringere Erlöse bringen als die der Kennedys und der Monroe! Bzw. sie müssen von den Schätzungen der Auktionsexperten nach unten abweichen! Das fand Newman auch, eine leichte Tendenz (Pnas, 24. 2.).
Aber sagt die irgendetwas? Wer war wohl auf der Zwangsversteigerung von Maddof? Das weiß niemand, Newman hat es nicht abgefragt. Er unterstellt, dass es Menschen waren, die Madoff für böse halten. Aber damit unterwirft nur er, der Forscher, sich der Macht der Magie: Für ihn klebt am Namen Madoff Ekel. Zu Madoffs Versteigerung wird aber kaum jemand gegangen sein, der ihn widerwärtig findet. Eher waren es Schnäppchenjäger oder heimliche Bewunderer.

Pendant zum Macbeth-Effekt?


Denn auch Böse können faszinieren, das Netz ist voll mit Auktionen von „Murderabilia“, Devotionalien von Massenmördern. Charles Manson ist stark vertreten, sogar von Jack Unterweger findet sich etwas. Wer da zuschlägt, tut es nicht aus Ekel, er hat die gleichen Motive wie Monroe-Verehrer. Und diese Motive – man weiß nicht, wie man sie nennen soll, es gibt keine positive Emotion/Reaktion, die der negativen des Ekels entspräche – werden durch einen flüchtigeren Stoff ausgelöst: Sowohl bei den prominenten Guten als auch bei den prominenten Bösen sinkt der Wert, wenn das Objekt gewaschen/geputzt ist. Dann ist einmal berührt nicht mehr immer berührt. Beim Ekel ist das anders, die Flecken gehen nie heraus, das heißt Macbeth-Effekt. Der positive Gegeneffekt wartet weiter auf Namen und Erklärung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2014)

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