Die Bäuche von Florenz & Berlin

Seit dem 19. Jahrhundert gehören Markthallen fix zum Metropolen-Inventar.

Florenz/Berlin.Les Halles, die legendären Markthallen von Paris, sind längst ein Einkaufszentrum, ihr von Emile Zola gestifteter Kosename ist aber internationale Blaupause geblieben: Denn der „Bauch von Paris“ hat im Mercato Centrale (Florenz), der Marheinekehalle (Berlin), La Boqueria (Barcelona) oder Központi V¡s¡rcsarnok (Budapest) ähnlich verbal gehätschelte Nachfolger gefunden.

Tatsächlich gibt es, anders als eben in Wien (siehe Artikel oben), in vielen europäischen Städten noch große und funktionierende Markthallen. Die bekannteste der fünf Budapester Hallen etwa zieht täglich 5000, an Feiertagen bis zu 8000 Menschen an. Auch der Mercato Centrale in Florenz ist frühmorgens mit Einheimischen gut gefüllt, bevor ihn Touristen auf der Suche nach David- und Pinocchio-Figuren stürmen. Wobei Markthallen selbst generell sehenswert sind: Sie erinnern an die Bahnhofshallen des 19. Jahrhunderts und stehen oft, wie die Marheinekehalle in Berlin, unter Denkmalschutz.

Neue Konzepte gesucht

Der Entstehung nach sind die meisten Kinder der Industrialisierung: Für die rasch wachsende, urbane Bevölkerung musste eine hygienisch akzeptable Versorgung mit Lebensmitteln gefunden werden. Platziert wurden die Hallen nahe an Verkehrsadern. Der Mercato Centrale ist fünf Minuten vom Hauptbahnhof entfernt, die Zentrale Markthalle von Budapest hatte früher sogar einen eigenen Bahnanschluss und einen Verbindungskanal zur Donau.

Apropos damals: Natürlich haben Supermärkte & Co in der jüngeren Vergangenheit hohen Tribut gefordert, in Berlin kämpfen die drei verbliebenen Markthallen – Marheineke-, Arminius- und Eisenbahnhalle – seit den Neunzigern mit Umsatzeinbußen: Die Eisenbahnhalle weist sichtbar Leerstände auf, in der Arminiushalle wiederum musste man zusammenrücken, um Platz für Neon-ausgeleuchtete Filialen großer Handelsketten zu machen. Nach den großen, neuen Konzepten für die Zukunft wird noch gesucht. Vielleicht könnte die Marheinekehalle zeigen, wie's geht.

Geht der Charme verloren?

Sie wird derzeit saniert, die Händler sind im Jänner in Container gezogen: Die neue Marheineke soll eine Glasfront erhalten und in verschiedene Zonen (Dienstleistungen, Handwerker, Frische Multi-Kulti-Gastronomie etc.) unterteilt werden. Nicht alle finden das gut. Der Charme, die bunte Mischung, so wird bereits geklagt, gehe dadurch verloren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2007)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.