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Wie ginge es den Armen ohne Umverteilung?

Occupy Boston protestors shout slogans outside the Bank of America building in Boston
REUTERS
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Der Ökonom Charles B. Blankart fragt sich, ob Einkommenskonzentration schlecht ist und ob sich Reichtum umverteilen lässt.

Kritik kapitalistischer Habgier verbreitete sich, als die Presse berichtete, dass in Ländern wie den USA und Grossbritannien die 1% reichsten Einwohner 20% des nationalen Vorsteuereinkommens auf sich vereinigen, ganz zu schweigen vom Vermögen, das vermutlich noch ungleicher verteilt ist. In der Schweiz reagierte man erleichtert, als mit der Studie von Christoph Schaltegger von der Universität Luzern bekannt wurde, dass es mit der Einkommenskonzentration hierzulande "nicht so schlimm" steht und die 1% reichsten Schweizer nur knapp 10% des Gesamteinkommens auf sich ziehen.

Doch es fehlt nicht an Warnern, die Schlimmeres kommen sehen. Schon Karl Marx hielt die Konzentration des Kapitals für einen stets fortschreitenden unausweichlichen Prozess des Kapitalismus: "Die durch die Zentralisation über Nacht zusammengeschweissten Kapitalmassen reproduzieren und vermehren sich und werden damit zu neuen mächtigen Hebeln der gesellschaftlichen Akkumulation."

Ökonomen von heute lehnen die Konzentration des Kapitals nicht per se ab. Es komme auf die Ursachen an. Abzulehnen sei Konzentration, die auf Privilegien beruht. Denn Privilegien vermindern das Bruttoinlandprodukt (BIP). Doch sie entstehen nicht durch den Kapitalismus, sondern regelmässig durch den Staat, wenn Regierungen einflussreichen Gruppen ausschliessliche Rechte zuteilen. So etwa Rohölfelder in Russland oder Wasserressourcen in Israel. In der Schweiz sind die meisten Privilegien mit der Französischen Revolution abgeschafft worden, die verbliebenen kantonalen Rechte fielen mit der Bundesverfassung von 1848. Restposten wie kantonale Gebäudeversicherungen, Heilpraktiker oder Augenärzte bestehen da und dort bis heute, sind aber im Ganzen unbedeutend.

Pioniergewinne statt Privilegien

Von Privilegien zu unterscheiden sind Pioniergewinne. Wenn ein Unternehmer in einem verlassenen Bergtal auf einen Berg wie das Matterhorn stösst, ihn durch Investitionen in Hotellerie und Verkehr zu einer lukrativen Touristenattraktion entwickelt und so zur Einkommenskonzentration beiträgt, so ist dies ein Ergebnis des Wettbewerbs, nicht eines gewährten Monopols. Denn das Matterhorn stellt nicht die einzige Naturschönheit in der Schweiz dar. Konzentration entsteht hier durch Nachfrager und Anbieter, die zwischen verschiedenen Naturschönheiten abwägen, und nicht durch einen Rechtsakt des Staates. Mit Pioniergewinnen steigt das BIP für alle.

Zudem ist der am Markt erzielte Reichtum vergänglich. Am Lebensende muss der Pionierunternehmer seinen Reichtum vererben. Oft sind die Erben weniger geschäftstüchtig, sodass das Vermögen von Generation zu Generation schrumpft und am Ende liquidiert werden muss. Der Schriftsteller Thomas Mann zeigt dies anschaulich am Beispiel des Kaufmanns Johann Buddenbrook, der einst ein grosses Vermögen erwirtschaftet hat, das in den Händen seiner Nachfahren aber allmählich schrumpft und sich in der vierten Generation auflöst.

Über die Zeit gesehen ist wohl eine Erbfolge wie 4:3:2:1 bedeutender als eine momentane Einkommenskonzentration von 1:10. Der Gesellschaftskritiker Joseph Stiglitz glaubt, durch Verwirklichung der Gleichheit der Bildungschancen eine Perpetuierung der Reichtumskonzentration zu vermeiden. Bei gleichen Bildungschancen, schreibt er, wären die Einkommen der Kinder mit den Einkommen ihrer Eltern unkorreliert. Doch Stiglitz übertreibt, denn der Reichtum der Eltern beruht in der Regel auf ihren Genen, die sich auf die Kinder weitervererben: ein Faktor, der sich durch noch so gleiche Bildungschancen nicht aus der Welt schaffen lässt. Was soll also getan werden?

Sozialreformer bezeichnen die Einkommenskonzentration von 1:10 als "Gerechtigkeitslücke", die durch Umverteilungssteuern geschlossen werden müsse. Das ist aus zwei Gründen nur beschränkt möglich. Zunächst kann der Staat von einem Individuum nur sein verdientes Einkommen, also das Produkt aus der unsichtbaren Anstrengung A und dem Lohn L besteuern. Als Reaktion auf die Steuer wird das Individuum das A reduzieren. Dem Staat entgeht Steuerertrag in der Höhe der verminderten Anstrengung.

Deswegen wird in diesem Zusammenhang vom "lecken Eimer" gesprochen. Auf dem Weg von den Reichen zu den Armen rinnt ein Teil der den Reichen entzogenen Ressourcen aus dem Leck. Der Fiskus entzieht den Reichen A mal L, kann aber am Schluss nur die verminderte Anstrengung A (minus) mal den Lohn L besteuern. In der Literatur wird das Verhältnis von Steuer zu Leck mit 2:1 veranschlagt. Für 1 Fr. Steuerertrag muss der Fiskus im Durchschnitt mit einem Leck von 0.50 Fr. rechnen.

Eine Umverteilungssteuer ist also ineffizient. Doch überzeugte Sozialreformer werden sich durch solche Argumente nicht abschrecken lassen. Sie wenden ein, das Leck sei der Preis der Gerechtigkeit. Diese sei eben nicht gratis zu haben. Man müsse den Weg der Umverteilung unbeirrt weitergehen. Der Hunger nach Umverteilung werde in dem Masse abnehmen, als die Gerechtigkeitslücke sich schliesse. Leider ist auch diese Hoffnung unrichtig. Warum sollte der Anspruch auf Umverteilung bei Annäherung an die Einkommensgleichheit zurückgehen?

Selbst wenn die Reichen einmal arm und die Armen reich sind, gibt es gute Gründe, die Umverteilung weiterzuführen. Denn solange es beim Nachbarn etwas zu holen gibt, ist es rational, sich dies anzueignen. Umverteilung ist ein Gut ohne Sättigung. Erst wenn alle Menschen nichts mehr haben, mag eine Umkehr eintreten. Ein solcher Nullpunkt wurde in den ehemaligen Ostblockstaaten nach vierzig bzw. siebzig Jahren Sozialismus erreicht.

Es fragt sich, wem diese Umverteilung letztlich dient. Dass es den Sozialreformern um das Schicksal der Armen geht, ist zum Grossteil Heuchelei. Wäre das Los der Armen Ziel der Umverteilung, so müsste der schweizerische Transferhaushalt voll an die ärmsten der Welt in Tadschikistan, Niger, Malawi, Eritrea, Guinea-Bissau, Liberia, Sierra Leone, Burundi und Äthiopien verteilt werden. Tatsächlich werden aber die vergleichsweise reichen Armen in der Schweiz bedacht. Die Armen in der Nähe sind politisch einflussreicher als die Armen in der Ferne.

Sozialreformer glauben an politisch-ökonomische Verteilungsgleichgewichte, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Jede Umverteilungskoalition kann durch eine Gegenkoalition umgeworfen werden. Dennoch ist mit den Sozialreformern noch besser auszukommen als mit den Neidern. Diese sind reformunfähig. Der Neider sagt zum Reichen: "Ich gönne dir nicht, was ich selbst haben möchte." Gleichheit ist dem Neider völlig fremd. Er hat nichts gegen die Relation von 1:10. Aber er möchte selbst das Einkommen der reichsten 1% beanspruchen. Dies soll der Staat durchsetzen. Der Neider bringt die Politik also zurück zur Privilegienwirtschaft, die am Anfang dieser Analyse verworfen wurde.

Viel Heuchelei

Es bleibt die Frage: Wie ginge es den Armen, wenn es keinen Umverteilungsstaat gäbe? Diese Frage lässt sich nicht national, sondern nur global angehen. Weltweit verkehren die Staaten marktwirtschaftlich untereinander. Abgesehen von nationalen Entwicklungshilfeprogrammen gibt es keinen Überstaat, der eine weltweite Sozialpolitik betreibt.

Berechnungen des spanisch gebürtigen Ökonomen Sala-y-Martin zufolge mussten 1970 noch 700 Mio. Menschen mit einem Einkommen von bis zu 1.50 $ pro Tag auskommen. Im Jahr 2000 waren es preis- und bevölkerungsbereinigt nur noch 400 Mio. Das sind immer noch viel zu viele. Aber es zeigt sich, dass im Schatten des Gezänks um den relativen Reichtum von 1:10 oder 1:20 die Ärmsten der Welt ihre Lage ohne Staat doch verbessert haben. Daher sollte die Politik wohl besser den Markt zulassen und so die absolute Armut bekämpfen und sich weniger um die relative Armut kümmern.

Der Autor

Charles B. Blankart ist Senior-Professor für Öffentliche Finanzen an der Humboldt-Universität zu Berlin und Ständiger Gastprofessor an der Universität Luzern. Er war Gastprofessor an der Universität Rom, Hayek-Gastprofessor an der Wirtschaftsuniversität Wien, Fellow des Center for Study of Public Choice VPI in Blacksburg und des Wissenschaftszentrums Berlin sowie des Centers for Study of Public Choice der George Mason University in Fairfax. Derzeit nimmt er einen Lehrauftrag an der Bucerius Law School in Hamburg wahr. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Öffentliche Finanzen, Public Choice und Föderalismus.

Kooperation

Dieser Artikel wurde für "Ökonomenstimme", die Internetplattform für Ökonomen im deutschsprachigen Raum, erstellt. Die Presse ist exklusiver Medienpartner der Ökonomenstimme.