Mond-Eklipse: Zinnoberrot, braunrot, blutrot

Dass der treue Begleiter bisweilen abrupt verschwindet respektive blutrot wird, hat die Menschen immer beunruhigt.

Dass der treue Begleiter bisweilen abrupt verschwindet respektive blutrot wird, hat die Menschen immer beunruhigt und Mythen ersinnen lassen, in der nordischen wird der Mond vom Gott Hati („Hass“) gejagt und bisweilen erwischt, dann wird er finster, bei den Ägyptern trieb der böse Seth ein ähnliches Spiel. Wie und wo auch immer, das Blut am Himmel verhieß Unheil auf der Erde, Herodes und Augustus starben bei Mondfinsternissen, Christus vielleicht auch. Zum Hexentrank in Macbeth gehört „Eibenreis, vom Stamm gerissen in des Mondes Finsternissen“ (4.Akt, 1.Szene), und auch sonst haben die Himmelsereignisse prominente Auftritte bei Shakespeare: „Liebe kühlt ab, Freundschaft zerbricht, Brüder gehen auseinander, Meutereien in den Städten, Zwietracht im Land“, und so geht es weiter im Hamlet (1.Akt, 7.Szene): „Diese neuerlichen Verfinsterungen der Sonne und des Mondes bedeuten uns nichts Gutes.“

Inszenierung des Schreckens

Natürlich wusste man zu Shakespeares Zeiten längst, was dahintersteckt, man hatte es sich auch nutzbar gemacht, das berühmteste Beispiel lieferte Kolumbus auf seiner vierten Reise, er lag im Februar 1504 mit seiner Capitana in einer Bucht in Jamaica, hatte keine Vorräte mehr und sich mit den indigenen Katziken zerstritten. Aber einen Trumpf hatte er noch: Eine Kopie von Johann Müllers Calendarium, gedruckt in Nürnberg 1474. Darin waren die kommenden Mondfinsternisse säuberlich verzeichnet, die nächste stand für die Nacht vom 29.Februar auf 1.März an. In dieser Nacht lud Kolumbus die Katziken-Häuptlinge auf sein Schiff, drohte ihnen mit seiner Macht bzw. mit der seines Gottes – Seuchen und Hunger würde er schicken, wenn sie keine Lebensmittel lieferten – und ließ dann das Wunder geschehen.

Der Mond verdunkelte sich, er wurde blutig, und Kolumbus – er verstand von der Inszenierung des Schreckens fast so viel wie Shakespeare – zog sich für eineinhalb Stunden in seine Kajüte zurück. Dann erlöste er die Verstörten, so will es wenigstens die anekdotische Überlieferung. „Es kann auch durchaus so gewesen sein“, urteilt Günther Wuchterl, österreichischer Astronom an der Thüringer Landessternwarte Tautenburg, gegenüber der „Presse“: „Jeder Kapitän hatte ein Verzeichnis der Mondfinsternisse an Bord: Man kann damit die Zeit immer wieder genau justieren.“ Denn Finsternisse lassen sich auf die Minute vorhersagen – und man sieht sie von allen Punkten der Erde, von denen man sie sehen kann, zur gleichen Zeit. Dann zieht der Schatten der Erde wie eine Delle in den Mond hinein – gerade umgekehrt wie bei den Mondphasen, wo er sich konkav darüberlegt –, dann sieht man auf dem Mond, dass die Erde rund ist.

Freund des Lebens

Diese Entdeckung wird Aristoteles zugeschrieben, natürlich hatte sie erst Kolumbus auf seine Reisen gebracht, dem Mond hatte er viel zu danken, dem Mond haben wir alle viel zu danken. Er hat das Leben auf der Erde ermöglicht, weil erst er – er wurde vermutlich vor 4,5 Milliarden Jahren bei einer Kollision aus der Erde herausgeschlagen und begleitet sie seitdem – die Erdachse so stabilisierte, dass der Planet nicht chaotisch hin und her schwankte. Er hat damit für ein lebensfreundliches Klima gesorgt, er hat vielleicht auch für die Entstehung des Lebens gesorgt, durch die Gezeiten: In periodisch gefüllten/austrocknenden Tümpeln an Küsten könnten sich die ersten Biomoleküle aufgebaut haben (Icarus, 168, S.18). Das ist ein Stück weit Spekulation, sicher ist hingegen, dass die vom Mond verursachten Gezeiten die Küstengewässer gut mit Nährstoffen durchmischen und so zur Ernährung beitragen.

Und periodisch trägt er eben auch zur Ergötzung bei: „Erst wird er an einer Seite angeknabbert, von links schiebt sich die Scheibe des Erdschattens hinein“, berichtet Wuchterl: „Nach Fünfviertelstunden ist er komplett verfinstert.“ D.h. zum einen, dass der Rest des Himmels heller wird, man sieht die Sterne besser. Und zum anderen wird der verfinsterte Mond doch noch beleuchtet, von Licht von der Erde, das macht ihn rot, „zinnoberrot, rotbraun, blutrot, es ist jedes Mal anders, weil das Licht von der Erde kommt und vom jeweiligen Zustand ihrer Atmosphäre abhängt“.

Dann muss man sich nur warm anziehen, Wuchterl empfiehlt einen „Finsternis-Spaziergang“: Experten werden Samstagabend erste Zeichen um 22.04Uhr sehen, Laien um 22.30. Komplett verfinstert ist der Mond um 23.44, die prächtigsten Farben bietet er um 0.21. Um 2.11 ist alles vorbei. „Wer alles sehen will, sollte also vier Stunden spazieren und dabei auch auf einer nahegelegenen Sternwarte vorbeischauen.“ Etwa auf der Kuffner'schen in Wien (Ottakring, Johann Staud-Straße 10), sie hat ab 20.00 geöffnet und stimmt mit Vorträgen ein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2007)

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