Eine Meta-Analyse des Forschungsstands findet eine „starke Assoziation“ und ruft nach Klärung der Kausalität.
Dass im Heiligenkalender just ein gewisser Raimundus Nonnatus für Gebärende und Hebammen zuständig ist, kann einen schon nachdenklich stimmen, der um 1202 in Spanien zur Welt Gekommene trägt es ja im Namen, dass er selbst nicht geboren wurde. Sondern herausgeschnitten. Das war nicht unüblich damals als Ultima Ratio, aber es ist viel älter, eine Lex regia der Römer aus Zeiten lange vor Christi Geburt formuliert es so: „Ein königliches Gesetz verbietet, dass eine Frau, die schwanger verstorben ist, beerdigt werde, bevor die Leibesfrucht aus ihr herausgeschnitten werde.“
Wenigstens das Kind sollte gerettet werden durch den Gewaltakt: Das lateinische „caedere“ changiert zwischen „opfern“ und „zerhauen“, auch „zerschneiden“ spielt hinein, vielleicht steht die ganze Mischung hinter der „sectio caesarea“ – dann kam der Kaiserschnitt gerade nicht vom Kaiser, von Caesar ohnehin nicht, das ist nur ein Mythos, sondern der Kaiser kam vom Schnitt. Wie auch immer, heute geht es oft nicht mehr um die Rettung der Kinder, sondern darum, dass Mütter nicht unter Schmerzen gebären müssen. Das wollen immer weniger, in Österreich entbinden 35 Prozent mit Kaiserschnitt, das liegt etwas über dem Durchschnitt der Industrieländer, überall haben sich die Zahlen in den letzten 25 Jahren mehr als verdoppelt.
Der Weltgesundheitsorganisation WHO gefällt das nicht, sie sieht medizinische Gründe für den Schnitt bei maximal 15 Prozent und empfiehlt, die Rate nicht zu überschreiten. Denn der Schnitt ist riskant, die Sterblichkeit der Neugeborenen ist höher, es werden auch viele Spätfolgen befürchtet, etwa bei Asthma und Diabetes und im Verhalten – schon beim Saugen –, vieles ist umstritten. Nicht auf der Liste ist ein ganz anderes Problem, das der WHO seit Jahren schwerste Sorgen bereitet, die zunehmende Verfettung der Weltbevölkerung: 1997 konstatierte die WHO eine „epidemiology of obesity“, um die Jahrtausendwende gab es auf dem Erdenrund erstmals mehr übergewichtige Menschen als unterernährte. Dahinter steht natürlich die Lebensweise mit hohem Input an Energie (Fast Food, Softdrinks) und geringem Output (Bewegung). Aber das erklärt nicht alles, man sucht andere Ursachen.
Fehlen Bakterien aus Geburtskanal?
Zwei Hauptkandidaten gibt es: Parallel zur Fettleibigkeitsepidemie hat die Schlafdauer abgenommen, das könnte die inneren Uhren und den Stoffwechsel durcheinandergebracht haben; abgenommen hat über die gleiche Zeit auch der Kontakt der Menschheit mit uralten Begleitern: Bakterien. Die werden seit 50 Jahren bei geringen Anlässen mit Antibiotika vertrieben, und viele Menschen begegnen den allerersten Bakterien im Leben gar nicht mehr: Der Kaiserschnitt umgeht den Geburtskanal, in dem Gebärenden ihre Kinder mit Bakterien versorgen, die das Leben lang den Stoffwechsel mitbestimmen, das Immunsystem auch. Zudem sorgt der Druck im Geburtskanal dafür, dass bestimmte Gene im Fötus aktiviert werden.
Beides könnte hinter dem stehen, was Matthew Hyde (Imperial College) aus einer Meta-Analyse von 35 Studien mit 163.753 Beteiligten herausliest: „Es gibt eine starke Assoziation zwischen Kaiserschnitt und erhöhtem Body/Mass-Index bei der Geburt, und Übergewicht und Fettleibigkeit im Erwachsenenalter“ (PLoS One, 26. 2.). Eine „Assoziation“ ist keine Kausalität, es könnte viel hineinspielen – übergewichtige Mütter etwa werden oft mit Kaiserschnitt entbunden –, aber die Assoziation ist so stark, dass Hyde „dringend“ die Klärung einer möglichen Kausalität fordert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2014)