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Radio. Kultur. Aus?

Das Funkhaus in der Argentinierstraße ist nicht nur ein Ort, an dem Radio gemacht wird. Es ist eine urbane Synapse erster Ordnung. Zu den Absiedelungsplänen des ORF.

In einer wild bewegten Medienlandschaft, in der die Gischt des Boulevard jede Intelligenz und Reflexion auszulöschen droht, stellt der ORF-Radiosender Ö1 eine Art Leuchtturm dar. Ein rettendes Eiland, auf dem noch so etwas wie die Fackel der Wahrhaftigkeit brennt, eine der letzten heimischen Bastionen dessen, was guter Journalismus leisten kann und soll. Ö1, so sagen viele Hörerinnen und Hörer, sei für sie der letzte Grund, die ORF-Gebühren doch noch zu bezahlen. Ö1, das ist, mit Zahlen und Reichweiten belegt, der erfolgreichste Kulturradiosender der Welt.

Das wird sich ändern, wenn ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz die Pläne tatsächlich umsetzen darf, die er der Nation, vor allem aber seinem Aufsichtsrat vergangene Woche über die Medien zur Kenntnis brachte. Wrabetz und ORF-Finanzchef Richard Grasl wünschen die Zusammenlegung aller Wiener ORF-Standorte und haben dafür nach langjährigem Ringen den Küniglberg und damit den geografisch ungünstigsten Ort erkoren. Die Zusammenlegung bedeutet unter anderem die Absiedelung von Ö1, FM4 & Co. aus dem Funkhaus in der Argentinierstraße.

Wrabetz allein kann diese Entscheidung nicht durchsetzen. Er braucht dazu seinen Aufsichtsrat, im Falle des ORF Stiftungsrat genannt. Dieser bekam also vergangenes Wochenende über die Zeitungen ausgerichtet, wie er am 6. März abzustimmen habe. Schnell, eh die Brandung wiederkehrt – dennan diesem Tag findet die letzte Sitzung des Gremiums in seiner derzeitigen Zusammensetzung statt. In anderen Aufsichtsräten würde eine solche Vorgangsweise pikante Missstimmung auslösen. Doch was liegt, das pickt,mag sich der General gedacht haben.

Wenn die 35 ORF-Stiftungsräte nur ein Fünkchen Verantwortungsbewusstsein für den ihnen moralisch überantworteten ORF im Leibe tragen, werden sie dem Vorschlag nicht zustimmen, sondern vielmehr zuerst einmal einen präzisen Strategieplan sowie eine wasserdichte Kostenplanung einfordern. Sie werden in ihrer letzten Sitzung nicht die Weichen in eine Richtung stellen, die unweigerlich stichgerade in den Qualitätsverlust führen muss. Denn erstens hat dieKonzentration der Redaktionen selbstverständlich keinen anderen Zweck als einen weiteren Mitarbeiterabbau. Zweitens kann die durch die Zusammenlegung angekündigte langfristige Einsparung von zehn Millionen Euro jährlich ab 2025 nur als schaler Witz verstanden werden.

Die Standortzusammenlegung würde sichmit der Sanierung des bestehenden Roland-Rainer-Baus auf dem Küniglberg sowie mit einem gerade einmal anskizzierten Erweiterungsbau mit kolportierten 300 Millionen Euro zu Buche schlagen. Der Wert der teils denkmalgeschützten Immobilie in der Argentinierstraße von Clemens Holzmeister, später erweitert von Gustav Peichl, wurde in Betriebsversammlungen mit 20 Millionen beziffert. Die Investition würde sich bestenfalls also gerade einmal nach 28 Jahren zu rechnen beginnen – es sei denn, und das ist der springende Punkt, der Medienkonzern verabschiedet sich noch einmal von einer erklecklichen Anzahl seiner Mitarbeiter. Das allerdings wäre nach den bereits erfolgten Einschnitten der vergangenen Jahre sicher nicht mehr ohne weiteren Qualitätsverlust machbar. Schon jetzt laufen auf Ö1 mehr Wiederholungen, als dem Sender guttun.

Dazu kommt, dass der ORF in den vergangenen fünf Jahren bereits 17 Prozent seiner Belegschaft, dassind mehr als 600 Posten, verlustig gegangen ist. Wrabetz verkündete inden jüngsten Betriebsversammlungen, dass dieser Trend weitergeführt werde: Weniger Leute, mehr Output laute die Devise. Als Mittel zum Zweck preist er den trimedialen Newsroom, in dem künftig synergetisch gearbeitet werden soll. Radio, Fernsehen und Internet zugleich sollen dort von emsigen Redakteurinnen und Redakteuren gespeist werden, wogegen auch nichts einzuwenden wäre, wenn genug von ihnen vorhanden wären.

Tatsächlich arbeiten viele ORF-Journalistinnen und Journalisten bereits seit Jahren zugleich für Hörfunk, TV und Web. In einer Welt, die ohnehin bis in den hintersten Winkel von Datenleitungen zusammengehalten wird, stellt das auch gar kein Problem dar. Viele von ihnen sind übrigens freie Mitarbeiter. Ö1 beispielsweise könnte ohne „Freie“ einen Großteil des Programmes gar nicht bewältigen. So viel zur Mär, man verdiene sich goldene Badewannenarmaturen beim Staatsfunk. Diese Zeiten sind längst vorbei.

Die Strategie geht vielmehr in Richtung Kontrolle und, ja, Ausbeutung: Wozu beispielsweise zwei Leute auf eine Pressekonferenz schicken, wenn einer allein schnell die Radionachricht erledigen, den Fernsehbeitrag zusammenfizzeln und rasch auch noch die Internetmeldung in die Tasten klopfen kann? Wozu nachdenken, wenn Medienprodukte aller Art gleich unverdaut ausgespien werden können? Guter Journalismus, wie ihn beispielsweise die quirlige, umtriebige und vielen politischen Vertretern dieses Landes äußerst unangenehme Ö1-Truppe liefert, lebt vor allem von zwei Faktoren: Sachkenntnis und Recherche. Dafür braucht man Zeit.

Die besten Journalisten sind diejenigen, die jede Menge Kontakte pflegen, mit den unterschiedlichsten Leuten reden, Hintergrundinformationen zusammentragen und eben nicht die über die Nachrichtenagenturen frei Haus gelieferten Botschaften unreflektiert weiterverbreiten. Diese Leute sind unangenehm. Genau von solchen Leuten speist sich jedoch die Kraft von Ö1, und es wäre demokratiepolitisch katastrophal, würde hier auch nur der geringste Abstrich gemacht. Wrabetz wird also seinen Stiftungsräten sehr wohl erklären müssen, warum er ein bestfunktionierendes System zerstören und durch ein schlechteres und teureres ersetzen will. Es wird ihm nur schwer gelingen.

Doch gefragt sei künftig der Allrounder, nicht der Spezialist und Analytiker, skizzierte der Schweizer Soziologe und Publizistikprofessor Kurt Imhof bereits vor Jahren in der „Neuen Zürcher Zeitung“ die düstere Zukunft der Journalisten: „Der Abbau der Ressortstrukturen verändert das Berufsbild, er zerstört einschlägige Kenntnisse und mutiert die medienvermittelte Kommunikation vom klassischen analytisch-normativen Modus des vielfältigen Ressortjournalismus zum moralisch-emotionalen Journalismus der fröhlichen Einheitsbrei-Redaktionen.“ Was sich in vielen Zeitungsredaktionenbereits bewahrheitet hat, darf nicht auch noch den Staatsfunk vernichten. Der ORF hat kraft des Rundfunkgesetzes den öffentlich-rechtlichen Kernauftrag der Information, zugleich ist er per Gesetz „soweit seine Tätigkeit im Rahmen des öffentlich-rechtlichen Auftrags erfolgt, nicht auf Gewinn gerichtet“. In Zeiten, in denen der Wert des Geldes die einzige gültige Währung zu sein scheint, in denen sich milliardentiefe Budgetlöcher auftun, die ebenso wenige zu verantworten gedenken wie die Abschiebung milliardenschwerer Bankendebakel auf jeden einzelnen Bürger dieses Landes, darf man sich schon die Frage stellen: Was ist uns die gewissenhafte Information über einen Radiosender wie Ö1 wert? Was ist es uns wert, einen lebendigen, gut funktionierenden Kommunikationspunkt im Zentrum der Bundeshauptstadt zu erhalten? Das Funkhaus ist nicht nur ein Ort, in dem Radio gemacht wird. Es ist eine urbane Synapse erster Ordnung, an der Konzerte und Publikumsdiskussionen stattfinden, wo einander täglich Künstler, Fachleute verschiedenster Richtungen, Intellektuelle und andere kluge Menschen über den Weg laufen. Im Funkhaus, sagt ein altgedienter Mitarbeiter, fallen dir Philosophen, Literaten, Intellektuelle regelrecht zu.

In welchen Geldbeträgen kann man allein das messen? Die Vorstellung, eine solche Publikumsfrequenz auf dem Küniglberg zu etablieren, ist absurd und wird sich nicht bewahrheiten. Deshalb bleibt die Frage: Wie viel ist uns dieser Ort der Kommunikation und des kulturell-intellektuellen Austauschs wert? Die Funkhaus-Leute haben viele Antworten darauf. Sie haben jede Menge Ideen, wie man den Standort noch weiter aufwerten könnte, doch bedauerlicherweise werden sie nicht danach gefragt.

Kurzfassung der Redaktionen: „Das ORF RadioKulturhaus ist Begegnungsstätte zwischen den ORF Radiosendern Ö1, FM4, Radio Wien und dem Publikum. Im Sinne des öffentlich-rechtlichen Kulturauftrags des ORFist es Experimentierfeld für innovative Ideen. Der Große Sendesaal ist einer der bemerkenswertesten Veranstaltungsorte Wiens. Mit dem RadioCafe, das vor und nach den Veranstaltungen zum Verweilen einlädt, und dem KlangTheater, speziell für das Hören gebaut, ergibt dies ein Kulturareal, an dem mehr als 350 Veranstaltungen im Jahr in Form von Konzerten, Lesungen, Gesprächen und Diskussionen über die Bühne gehen, und die in ihrer Vielfalt und hohen Qualität den Kernauftrag der Hörfunksender des ORF dokumentieren. Von den insgesamt rund 16.500 Sendeminuten, die im RadioKulturhaus produziert wurden, sendete Ö1 allein rund 13.500 Minuten. Damit stellt das RadioKulturhaus einen wichtigen Teil des Ö1-Programms dar. Zukunft: das Programm trimedial verwerten; interne Sendersynergien nutzen; Stärkung der ORF-Kulturkompetenz als Veranstalter für Kunst und Kultur!“

„Andere Medien- und Kulturunternehmen würden sich derzeit um einen so attraktiven Standort prügeln“, sagt eine Mitarbeiterin: „Wir haben ihn!“ Vielleicht zieht ja Krone HitRadio oder ein anderer Privatsender ein, wenn dann die Studios in den oberenGeschoßen verwaist sind, denn viel mehr lässt sich mit dem Funkhaus, das vor 75 Jahren als „Radiokulturhaus“ errichtet wurde, nicht anfangen. Der Große Sendesaal sowie andere Teile des Gebäudes stehen unter Denkmalschutz. Die will Wrabetz nach Verkauf zurückmieten.

Immobilienentwickler werten den Standort gleich hinter der Karlskirche zwar als fantastisch, zum Beispiel für Wohnungen. Sie berichten auch, dass man ihnen „bereits nahegelegt“ habe, „sich dafür zu interessieren“, doch habe man einerseits kein Interesse daran, „wegen der Mithilfe zur Vernichtung von Ö1 dauernd in der Zeitung zu stehen“, zum anderen mache der Denkmalschutz die Verwertung des Hauses letztlich so gut wie unmöglich. Doch auch der, so wird in der Immo-Szene gemunkelt, könne ja irgendwann fallen, man wisse ja, wie so etwas funktioniere. Ein paar Jahre leer stehen lassen, dann warm abtragen. Sei nicht das erste Mal.

Am 6. März also wird der Stiftungsrat entscheiden. 970 Millionen Euro beträgt das ORF-Gesamtbudget. Rund zwei Drittel davon stammen mittlerweile aus den Rundfunkgebühren. Tendenz steigend. Im Jahr 2006 lag der Anteil noch unter 50 Prozent. Irgendwie gehört der ORF und damit das Funkhaus ja doch auch uns . . .

Das findet auch die intellektuelle Elite des Landes: Zwischenzeitlich organisiert sich in der Künstlerschaft Widerstand gegen eine geplante Absiedelung. „Eine Aufgabe dieses Standortes bedeutet Eingriffe in die Qualität des Journalismus und einen kulturellen Kahlschlag“, richteten 30 namhafte Kulturschaffende wie Nikolaus Harnoncourt, Robert Menasse, Christoph Ransmayr, Elfriede Jelinek der ORF-Führung samt Stiftungsrat über Inserate in Tageszeitungen aus. Möglicherweise liegt es jetzt an uns, den Ö1-Hörerinnen und -Hörern. Knapp 9000 haben die Online-Petition für den Erhalt des Funkhauses jedenfalls schon unterzeichnet: http://petition.rettet-das-funkhaus.at.. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2014)