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Einer von uns

An seiner Größe wird diese Veröffentlichung ebenso wenig etwas ändern wie an seiner Erbärmlichkeit: Martin Heideggers „Schwarze Hefte“ und das schmutzige Erbe unserer Kultur.

Selten ist eine Publikation Monate vor ihrem Erscheinen derart in Grund und Boden rezensiert worden, wie es den Bänden 94 bis 96 der gesammelten Werke Martin Heideggers widerfuhr. Denn der große Philosoph, zugleich erster Nazirektor (Universität Freiburg, 1933–34), glaubte zwar nicht akkurat an die „jüdische Weltverschwörung“, doch immerhin daran, dass es „eine gefährliche internationale Verbindung der Juden“ gäbe. Dies hatte der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers berichtet, und nun soll es sich aus den „Schwarzen Heften“ beweisen lassen, den Denktagebüchern Heideggers, die von Anfang der Dreißiger- bis in die Siebzigerjahre reichen.

Herausgeber Peter Trawny, Jahrgang 1964, Professor für Philosophie in Wuppertal und Leiter des dortigen Martin-Heidegger-Instituts, hatte es nicht zu verhindern gewusst, dass einige Zitate vorab einer Reihe französischer Intellektueller bekannt gemacht wurden. Demnach ist in den „Schwarzen Heften“ vom „Rasseprinzip“ die Rede und davon, dass die Juden eine besondere Begabung für das „Rechnerische“ hätten, ja dass das „uferlose Treiben verstandesmäßiger Zergliederung“ ihrem Wesen gemäß sei.

Trawny bezeichnete im Feuilleton der „Zeit“ Heideggers Ressentiment als „seinsgeschichtlichen Antisemitismus“. Das ist, grob gesagt, die Edelversion zur völkischen Metaphysik Alfred Rosenbergs, des NS-Chefideologen, der, laut Emmanuel Faye, mit Heidegger um die geistige Führerschaft in der nationalsozialistischen Bewegung wetteiferte. Fayes umstrittenes Buch aus dem Jahr 2005 verstieg sich zu der These, „die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie“ sei maßgeblich Heideggers Werk. Demnach wären zentrale Begriffselemente aus „Sein und Zeit“ (1927) nicht erst hintennach vom Autor faschistisch zurechtgebogen worden. Nein, das Werk selbst würde, verborgen unter einer Rückbesinnung auf die Anfänge des abendländischen Denkens, von antisemitischem Geist vorangetrieben.

Trawny pointierend, schrieb der „Zeit“-Redakteur Thomas Assheuer: „Es ist fraglich, ob die Behauptung vom rein ,geistigen‘, offensichtlich ungefährlichen Kultur-Antisemitismus noch länger Bestand haben wird.“ Diese Formulierung gehört zu den absurdesten, die im Vorlauf zu lesen waren. Denn wann hätte jemals irgendwer behauptet, der geistige Antisemitismus sei „ungefährlich“? Aber der Punkt, auf den es hier ankommt, ist offensichtlich: Heidegger war brandgefährlich!

Solche und andere Bemerkungen ließen Jürg Altwegg in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ gleich von einer Bombe sprechen: „Sie platzt in Paris, der unheimlichen Hauptstadt des irrationalsten Heidegger-Kults.“ Die französischen Gralshüter des Seins machten angeblich Druck „auf den Verlag, die Familie, den Herausgeber“. Sie machten, so Altwegg, unheimlich Stimmung, um die „Schwarzen Hefte“ zu verhindern – was, so kommt mir vor, den heimtückischen Parisern erst gar nicht hätte einfallen können, wäre das bombige Zitatenmaterial bis zur Publikation zurückgehalten worden.

 

Das „Schweigen nach Auschwitz“

Der Leser, der auf das Erscheinen der „Hefte“ wartete, musste sich inzwischen fragen, ob die unverdächtigen Heidegger-Leser an einer geistigen Leseschwäche litten. Das französische Spektrum umfasst bekanntlich Existenzialisten und herausragende jüdische Autoren, namentlich Emmanuel Lévinas und Jacques Derrida. Was Österreich betrifft, möchte ich, pars pro toto, Alfred Kolleritsch nennen: Als Herausgeber der Literaturzeitschrift „manuskripte“ bekämpfte er stets den totalitären Ungeist, das Dumpf-Völkische, während sein dichterisches Werk eine tiefsinnige, poetisch inspirierte Lektüre Heideggers bezeugt. Waren alle diese Denker und Dichter unfähig, einen im Pelz gefärbten Antisemiten an seinen philosophischen Versteckspielen zu erkennen?

1996 veranstaltete die internationale „Society for the Philosophic Study of Genocide and the Holocaust“ in Bonn einen Kongress, „Contemporary Portrayals of Auschwitz“, an dem ich mich beteiligte. Als Grundlage meines Referats, „Heidegger's Silence revisited“, diente mir allgemein bekanntes Material. Ihm zufolge dachte Heidegger ernsthaft, der Holocaust resultiere aus dem Wesen unserer Kultur, deren „Verjudung“ er bereits in einem Brief vom Dezember 1929 beklagt hatte. Spätestens nach Niederlegung des Rektorats spiegelte für Heidegger sowohl das Jüdische als auch das Nazistische den Triumph des „Gestells“, vor dessen Hintergrund Menschen, ob im Frieden oder Krieg, zum Material riesiger Kalküle, Verrechnungen, technischer Projekte unter dem Willen zur Macht wurden. Folgerecht war, nach dem bitter-grausigen Wort des Philosophen Philippe Lacoue-Labarthe, Heideggers Holocaust ein Fall von „Müllentsorgung“. Und Heideggers berüchtigtes „Schweigen nach Auschwitz“ verkörperte eine Haltung, worin der „motorisierten Ernährungsindustrie“ wahnhaft zugemutet wurde, „im Wesen das Selbe“ zu sein wie die „Fabrikation von Leichen in Gaskammern“ (Bremer Vorträge, 1949).

Kurz, vor zwei Jahrzehnten lagen die Fakten auf dem Tisch. Die jetzt in Umlauf gebrachten Zitate bestätigen einzig die älteren Dokumente. Wenn man wollte, durfte man schon damals behaupten, was Trawny nun als Aufreger präsentiert: dass nämlich Heideggers Antisemitismus ein „seinsgeschichtlicher“ gewesen sei. Angesichts der neuesten Rezeption kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Heideggers Werk endgültig desavouiert werden soll. Bereits am 20. Februar, dem Tag der Auslieferung (es gab keine Vorausexemplare, Sperrfrist war der 22. Februar) vermeldet Jürgen Kaube im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen“: „Jetzt sind sie da, und sie sind ein Schrecken: Heideggers geheime ,Schwarze Hefte‘ dokumentieren in enormer Fülle das intellektuelle Desaster des Philosophen.“

Ja, es gab eine Phase der Überwältigung durch den „Führer“. Im Herbst 1932 notiert Heidegger: „Die große Erfahrung und Beglückung, dass der Führer eine neue Wirklichkeit erweckt hat, die unserem Denken die rechte Bahn und Stoßkraft gibt.“ Doch bereits eine Überblickslektüre des ersten Bandes der „Schwarzen Hefte“ zeigt so deutlich wie kein Dokument zuvor, dass sich Heidegger zur Zeit des Rektorats vom Nationalsozialismus abzuwenden beginnt. Aus der ursprünglichen „Beglückung“ wird im Laufe der Jahre bittere Enttäuschung.

Symptomatisch dafür sind Heideggers Bemerkungen zur Nazi-These vom „Volk ohne Raum“. Raumerweiterung, so eine Notiz aus dem Jahre 1938, bedeute bloße Platzgewinnung, falls mit dem Prozess der Erweiterung nicht gemeint sei, dass das Volk zu sich selbst unterwegs sei, hinein in einen „Entwurfsbereich, in dessen Abgründen es erst die Höhe findet, sich zu überwachsen“. Man mag das für pathetisches Geschwafel halten – es ist Geschwafel; man muss es allerdings zusammen mit Heideggers anderem Vorwurf bewerten, wonach jede „nationalsozialistische Philosophie“, die ganze „arische“ Machtwillensmetaphysik, unehrlicher sei als die Leugnung von Philosophie überhaupt.

„Die neue Politik ist eine innere Wesensfolge der ,Technik‘“, so Heideggers klirrender Befund, worunter er die „biologische Grundbestimmung“ des Volkes subsumierte, samt den Eugenikprogrammen und Züchtungsfantasien. Derlei Äußerungen sind äonenhaft entfernt von jenem Satz, der den Auftakt zu den Notizen des Jahres 1932 bildet: „Ein herrlich erwachender volklicher Wille steht hinein in ein großes Weltdunkel.“ Nun ist stattdessen ernüchtert von „Vulgärnationalsozialismus“ und „trübem Biologismus“ die Rede. Trotzdem will Heidegger nicht davon lassen, dass im tiefsten Elend, in der größten Armut des Denkens, im Zeitalter der Seinsvergessenheit, wo das „Riesenhafte“ über dasEinfache triumphiere, sich eine schicksalhafte Notwendigkeit Bahn breche, eine unausdenkbare, unaussprechbare „Wahrheit“ des Seins. Das freilich ist negative Theologie, nicht Faschismus.

Ohne Heideggers Obsession verharmlosen zu wollen, muss eingeräumt werden, dass es der Autor des Humanismusbriefes (1946/47) war, der unbeirrt um die ursprüngliche Würde und Autonomie der Philosophie gerungen hat. Andere ernteten weltweit Applaus dafür, dass sie die Philosophie für tot erklärten, zur Begriffsanalyse verdünnten, auf Wissenschaftstheorie verengten oder sich, statt zu philosophieren, mit Ideologiekritik begnügten. Im Widerstandgegen den Zeitgeist liegt nicht zuletzt ein Teil der zeitlosen Bedeutung von Heidegger. An seiner Größe werden die „Schwarzen Hefte“ ebenso wenig etwas ändern wie an seiner Erbärmlichkeit; sie werden uns indes sein persönliches und philosophisches Leiden näherbringen.

Das zeigt sich in dem nun veröffentlichten Band unter anderem darin, dass Heidegger von der Idee, alles neu denken zu müssen, geradezu besessen war. Ende 1931 notiert er: „Alles erst tiefer legen; so erst reif machen zur Verwandlung. Alles – d. h. zuerst und einzig den Anfang der Philosophie.“ Philosophie hatte für Heidegger zuinnerst mit Verwandlung zu tun. Man wird hier an das religiöse Motiv der Apokatastasis erinnert, an die Wiederherstellung aller Dinge in ihrem ursprünglichen Reinheitszustand, ihrer originalen Fülle.

 

Die Welt – ein verlorener Ort

Umgekehrt erschien Heidegger die Welt, wie sie sich ihm betriebsam darstellte, als ein verlorener, verriegelter Ort, eigentlich ein Un-Ort der Weltlosigkeit. Sein Ringen um den „letzten Gott“, der sich, nachdem die alten „Götter“ geflohen waren, im großen Kunstwerk verborgen hielt – bei Hölderlin, Cézanne, van Gogh oder, kurios genug, alten Haiku-Meistern –, riss den Dichter-Denker aus jenen akademischen Verankerungen, dieihn seinen Fachkollegen einst als einen der Ihren erkennbar machten.

Das mir vorliegende „Schwarze Heft“ weist viele begriffliche Suchbewegungen auf, die esoterisch wirken, ins Leere zu laufen scheinen und dann – plötzlich – nicht die Philosophie in den „Diskurs“ zurückholen, sondern den Verdrossenen flach exponieren. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Heidegger sich über eine Bürokratie ärgert, die das Geistesleben auf das Abzählen der Nazibonzen beschränkt, welche die Universitätskantine frequentieren. Solche Reizlagen wirken lächerlich, aber sie zeigen die verletzliche Seite eines Egomanen, der an anderer Stelle auf den „Großen Gegner“ hofft, dessen Widerspruch „Sein und Zeit“ erst in den apokalyptischen Rang erheben würde.

Dabei sollte man bedenken, dass hinter Heideggers Größenfantasien wohl der kindlich-kindische Wunsch steckt, aus einer Endschlacht siegreich hervorzugehen: als geschundener und letztlich strahlender Messias des Geistes. Dass den Juden dabei die Rolle heilsgeschichtlicher Blockierer zugewiesen wurde – wurzelt darin etwa Heideggers „seinsgeschichtlicher Antisemitismus“? –, ist zumindest ein theologisches Ärgernis. Aber es ist eines, das durch den christlichen Antijudaismus über die Jahrhunderte hinweg vorbereitet und in der infantilen Tiefe des epochalen Denkers abgelagert wurde.

Heideggers Verirrungen gehören zum schmutzigen Erbe unserer Kultur – jener Kultur, die uns noch trägt und bindet, indem wir sie verleugnen. Wenn Nietzsche, der sich als Antichrist selbst ans Kreuz nagelte, ein Schicksal war, dann ist es Heidegger erst recht. Er ist einer von uns. ■

Martin Heidegger

Überlegungen II–VI

„Schwarze Hefte“ 1931–1938. Band 94 der Gesamtausgabe, herausgegeben von Peter Trawny. 536 S., geb., €58 (Klostermann Verlag, Frankfurt/Main)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2014)