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Das Leben in der klaustrophobischen Welt

Das Leben in der klaustrophobischen Welt
"Redemption is not the only reason to look up into the night sky"Reuters
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Die Inderin Bharti Kher thematisiert mit ihrer Kunst Gewalt gegen Frauen und Tradition.

Bharti Khers direkter, fast herausfordernder Blick signalisiert Selbstbewusstsein. Kein Zweifel, diese Frau weiß, was sie will. Die 44-jährige Künstlerin zählt zu den berühmtesten Künstlerikonen des Subkontinents. Als Tochter wohlhabender Emigranten aus dem Punjab hatte sie in London, wo sie geboren wurde und Kunst studierte, eine behütete Kindheit und Jugend. Eine Ferienreise nach Indien im Alter von 23 wurde ihr zum Schicksal. In Delhi lernte sie den indischen Künstler Subodh Gupta kennen. Ein Jahr später heiratete das Mädchen aus der Welt-Metropole den aufstrebenden Künstler aus einer Kleinstadt in Bihar. Dieser Mix funktioniert auch nach fast 20 Jahren Ehe: Subodh, heute ein Kunst-Star, und Bharti leben mit ihren beiden Kindern in Gurgaon, einer Satellitenstadt Delhis.

Wenn die Künstlerin nicht gerade um die Welt jettet, arbeitet sie täglich diszipliniert in ihrem dreistöckigen Studio, wenige Meter von Subodhs Studio entfernt. Beide gelten als schillerndes Power-Paar der indischen und internationalen Kunstszene, doch Bharti Kher ist nicht im Fahrwasser ihres prominenten Künstlerehemannes berühmt geworden. Ihre Arbeiten prägt eine eigene, unabhängige Handschrift. Kher, die sich selber als Feministin bezeichnet, stellt die weibliche Sexualität in den Mittelpunkt ihrer Werke. Sie prangert Indiens soziale Ungerechtigkeit, Unterdrückung der Frauen und Scheinheiligkeit der Gesellschaft an. Dabei bezieht sie ihre künstlerischen Ideen nicht selten aus dem Spannungsfeld ihrer eigenen Herkunft: als moderne, westliche Frau in einer traditionellen Gesellschaft. In Skulpturen wie „Arione“ oder „The Girl with the Hairy Lips said NO“ – hybride Frauenfiguren mit Tiergesichtern und Hufen – thematisiert sie die klaustrophobische Welt der Frauen, die ihre Zeit zu Hause verbringen müssen.

Bindi in Spermaform. Der Aufstieg in die internationale Kunstszene gelang Kher mit dem Werk „The Skin speaks a language Not its Own“. Die Skulptur zeigt eine auf dem Boden liegende, kollabierte Elefantenkuh aus Fiberglas. Nicht nur der atemberaubende Preis von rund zwei Millionen Dollar, den die Arbeit auf einer Sotheby-Auktion erzielte, sorgte für Aufregung. Es ist die einzigartige Bearbeitung der Elefantenhaut: Durch die Applikation tausender Bindis in Spermaform wird die Oberflächenstruktur verändert. Bindis, die kleinen, bunten Schmuckteile, die sich verheiratete Inderinnen auf die Stirn kleben, symbolisieren das dritte Auge, Konzentration und Weisheit. Das traditionelle Accessoire steht für soziale und kulturelle Identifikation.

Durch den unkonventionellen Einsatz von Bindis in Bildern und Skulpturen hinterfragt Kher die Rolle der Frau. Nicht erst seit den jüngsten Vergewaltigungen in Indien ist Gewalt gegen Frauen ein zentrales Motiv in Khers Arbeiten. Ihre Entscheidung, aus England nach Indien zu kommen, hat Kher nie bereut: Indien habe ihr den Raum gegeben, sich zu entfalten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2014)