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Venezuelas unbequeme Richterin

Venezuelas unbequeme Richterin
María Lourdes AfiuniReuters
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María Lourdes Afiuni hat sich vor Jahren mit dem damaligen Machthaber Hugo Chávez angelegt. Dafür musste sie teuer bezahlen – und bezahlt noch immer.

Natürlich kann sie sprechen. Aber sie darf nicht. Immer noch nicht. Wenn María Lourdes Afiuni Besuch von Berichterstattern bekommt, dann empfängt sie diese auf einem zweisitzigen Sofa sitzend, daneben nimmt jeweils derjenige Platz, der alle Fragen beantwortet, ihr Bruder oder ihr Anwalt. Dass diese Frau, die bis 2009 eine engagierte und geachtete Richterin war, nicht mehr reden und nicht mehr arbeiten darf, gehört zu den obszönsten Akten rechtlicher Willkür, die in der bolivarischen Republik Venezuela begangen wurden. Afiuni übte zehn Jahre lang das Richteramt aus, eine alltägliche Erscheinung in Venezuela, wo Frauen seit Jahrzehnten hohe Posten im Staat und im Bildungswesen besetzen. Sie hatte eine hauptamtliche Stelle, was heute schon eher selten ist, denn die Justizverwaltung besetzt seit Jahren alle Richterämter provisorisch, was die Absetzung des Juristen wesentlich einfacher macht, sollte dieser gegen den Regierungswillen urteilen. Genau das tat María Lourdes Afiuni – und sie bezahlte teuer dafür.

Am 10. Dezember 2009 wurde sie von der Geheimpolizei verhaftet, nachdem sie kurz zuvor einen Bankier auf freien Fuß gesetzt hatte. Dieser, ein prononcierter Kritiker der Regierung von Hugo Chávez, hatte auf Entlassung aus der Untersuchungshaft geklagt, weil die gesetzlich zulässige Höchstdauer von zwei Jahren ohne Prozess bereits um zehn Monate überschritten war. Richterin Afiuni ließ den des Devisenbetruges verdächtigen Banker – gesetzeskonform – laufen, aber dieser entschwand, alle richterlichen Auflagen ignorierend, postwendend nach Miami. Das machte den Comandante so wütend, dass er via Live-TV die Richterin Afiuni beschuldigte, Geld für die Freilassung des Bankers genommen zu haben. Und er forderte die Justiz seines Landes ultimativ auf, die höchste Strafe gegen die Juristin auszusprechen, die das venezolanische Gesetz vorsieht: „Ich fordere 30 Jahre für diese Richterin, sperrt sie 30 Jahre ein!“ Was darauf folgte, war ein absurder Prozess, der bis heute nicht eingestellt wurde, obwohl die Ermittler trotz heftigster Suche nichts finden konnten, das die Richterin belastet hätte.

Weibliche »Los Machos«. „Die Gefangene des Comandante“ heißt das 2012 erschienene Buch, das den Horror beschreibt, den die Richterin im Gefängnis von Los Teques erleben musste. Dort saßen viele Frauen ein, welche die Richterin in den Jahren zuvor verurteilt hatte – und die nun auf Rache sannen. Fast 1000 Gefangene waren in der Anstalt zusammengepfercht, die für gerade mal 300 Personen ausgelegt war. Das Kommando führte eine Gruppe Schwerverbrecherinnen, die wegen ihres maskulinen Habitus „Los Machos“ genannt wurden. Diese Frauen machten sich alle Neuzugänge gefügig – für alle nur vorstellbaren Handlungen.

Anstaltsleitung und Wachpersonal hätten, so berichtet Afiuni, sowohl sexuell als auch finanziell vom Regiment der „Machos“ profitiert, die regelmäßig weibliche Insassen zahlenden männlichen Besuchern zuführten. Schauplatz dieser Orgien war die Krankenstation, die direkt über Afiunis Zelle lag. Sie musste alles mitanhören.

Nachdem sich Afiuni weigerte, vor einen Richter zu treten, und noch dazu regierungskritischen Medien Interviews gab, begannen die körperlichen Misshandlungen, offenbar angeordnet von Staats wegen. Sie wurde geschlagen, getreten, mit Messern und Rasierklingen gefoltert – und auch von Männern vergewaltigt. Die darauf folgende Abtreibung wurde derart miserabel ausgeführt, dass die Blutungen nicht aufhörten, weshalb man ihr schließlich die Gebärmutter entfernen musste. Später mussten weitere Unterleibsoperationen durchgeführt werden.

Nach 13 Monaten Tortur wurde die Gefängnishaft in Hausarrest umgewandelt. Damit das Verfahren nicht in einem Freispruch endet und damit ihre Geschichte als warnendes Beispiel für alle anderen Richter erhalten bleibt, haben die Behörden den Prozess ohne Urteil ausgesetzt. Sie darf bis heute nicht mit der Presse sprechen. Auch ein Jahr nach dem Tod von Hugo Chávez bleibt María Lourdes Afiuni die Gefangene des Comandante.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2014)