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Ungelobtes Land: Japans Frauen im Hintertreffen

Japanerinnen im Kimono
Japanerinnen im Kimono(c) APA (Oliver Multhaup)
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In kaum einer reichen Nation machen Frauen so selten Karriere wie in Japan. Dabei werden sie dringend gebraucht. Doch Beruf und Familie sind nur schwer vereinbar.

Wer Reiko Yamada nach Familie fragt, erhält eine schroffe Antwort. „Das würde mir vor allem Nachteile bringen“, sagt die 22-jährige Jurastudentin, die im Sommer die Uni abschließen wird. Klassenbeste war sie schon im Bachelorstudium, im Master könnte das jetzt wieder klappen, und dann soll ein Job in einer großen Anwaltskanzlei her. Aber um die Hürden als Frau weiß sie Bescheid. „Deshalb will ich keine Kinder. Damit wäre meine Karriere ja beendet.“ Reiko Yamada sagt das so, als wäre es der selbstverständlichste Zusammenhang der Welt.

Gewissermaßen ist er das in Japan, Yamadas Heimatland, auch wirklich. Nur 62 Prozent aller Japanerinnen sind in den Arbeitsmarkt integriert, deutlich weniger als in anderen wohlhabenden und liberalen Ländern. Weniger als ein Prozent der Aufsichtsratsplätze japanischer Aktiengesellschaften ist weiblich besetzt. Von 135 Ländern im „Gender Gap Report“ des World Economic Forum, der die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern misst, belegt Japan aktuell Platz 105. Hinter Burkina Faso, Indonesien und Malaysia.

Es ist ein Bild, das sich durch alle möglichen Vergleichsstudien zieht: Japans Frauen sind zwar gut ausgebildet, aber das bringt ihnen meist wenig. Es mangelt an Aufstiegsmöglichkeiten und politischer Teilhabe. Für gleiche Arbeit verdienen Frauen um ein Drittel weniger als Männer. Diese Lücke ist doppelt so groß wie der OECD-Durchschnitt. Kritiker dieser Situation werden nicht müde, die ökonomischen Nachteile zu erwähnen. Die Großbank Goldman Sachs errechnete vor acht Jahren sogar, dass Japan durch eine stärkere Förderung von Frauen sein Bruttoinlandsprodukt langfristig um 16 Prozent erhöhen könnte.

Denn wegen niedriger Geburtenraten schrumpft Japans Bevölkerung von heute 127 Millionen bis ins Jahr 2050 auf 90 Millionen. Entsprechend schrumpft die Arbeitsbevölkerung. Auch deswegen verharrt Japan seit zwei Jahrzehnten in einer Stagnation.


Nicht vor dem Chef heimgehen. Allmählich scheint die Politik die Lage zu begreifen. Im Juni brachte Japans Premierminister Shinzo Abe ein Reformpaket durchs Parlament, um die nach seinen Worten „größte ungenutzte Ressource“ freizusetzen – Frauen. Abe versprach, 250.000 neue Kindergärten zu schaffen, damit junge Mütter nicht zu lange aus dem Job scheiden müssen. Izumi Yamaguchi hält Schritte wie diesen für einen Anfang, mehr aber nicht. „Wenn das die ganze Reform sein soll, wird sich kaum etwas ändern“, sagt sie. Yamaguchi, die ihren wahren Namen aus beruflichen Gründen nicht nennen darf, arbeitet für Unternehmen als Mediatorin. „Der Kindergarten geht mit drei Jahren los und endet mit sechs Jahren. Was passiert, wenn das Kind eingeschult wird? Braucht es seine Mutter dann nicht mehr?“

Viele Angestellte haben keine regelmäßigen Arbeitszeiten. Rechtlich ist zwar eine 40-Stunden-Woche vorgeschrieben, inoffiziell wird aber deutlich länger gearbeitet. Wer Karriere machen will, so eine ungeschriebene Regel, sollte nie nach Hause gehen, bevor der Vorgesetzte das Büro verlassen hat. So müssen sich Frauen oft zwischen Karriere und Familie entscheiden.


Sich im Unternehmen emporarbeiten. Merle Aoki Okawara hat deswegen keine Kinder. Die Chefin des Lebensmittelherstellers JC Comsa war in den 1990er-Jahren erst die zweite Frau, die ein japanisches Unternehmen an die Börse führte. Heute beschäftigt sie 2000 Mitarbeiter, aber der Weg dorthin war voller Hürden. In den 1960er-Jahren, als junge Gründerin, musste sie pro forma ihren Vater zum Chef machen, damit sie Kunden und Kredite von Banken bekommen konnte. „Ich musste lange um mein Ansehen kämpfen, weil Kunden und Lieferanten davon ausgingen, ich würde irgendwann Mutter werden und dann den Betrieb nicht mehr weiterführen.“

Die traditionelle Philosophie japanischer Unternehmen ist die der Generalisten und der innerbetrieblichen Rotation. Wer als junger Mensch einen Job antritt, bleibt seinem Arbeitgeber bis zum Ruhestand treu und durchläuft über die Jahre alle möglichen Abteilungen. Wer länger aus dem Tagesbetrieb ausscheidet, macht sich verzichtbar.

Hinzu kommt gerade in den großen Betrieben eine paternalistische Mentalität. Frauen werden seltener auf Fortbildung geschickt, und wer verheiratet ist, bekommt häufig weniger Gehalt – mit der Begründung, dass es im Haushalt ja einen Mann gebe, der für fixes Einkommen sorgt.

Wer eine gute Ausbildung hat und sich bewusst für die Karriere, gegen Familie entscheidet, heuert nicht selten bei ausländischen Arbeitgebern an. Gerade bei US-amerikanischen Unternehmen sind Japanerinnen beliebt. Sie gelten als ehrgeizig, belastbar und obendrein billiger als männliche Kandidaten. In internationalen Organisationen sind schon mehr japanische Frauen als Männer beschäftigt.

in Zahlen

127

Millionen. So viele Menschen leben heute in Japan.

90

Millionen. So viele Menschen werden im Jahr 2050 in Japan leben.

33

Prozent. Um so viel verdienen japanische Frauen für gleiche Arbeit weniger als Männer.

105

Diesen Platz belegt Japan im „Gender Gap Report“ des World Economic Forum unter 135 Ländern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2014)