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Literarische Hausapotheke für Sorgenvolle

Literarische Hausapotheke für Sorgenvolle
RomantherapieInsel Verlag
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Bibliotherapie nennen die Britinnen Ella Berthoud und Susan Elderkin das, was sie in der Londoner School of Life anbieten. Ihre "Romantherapie" ist soeben erschienen.

Leicht zu erreichen ist Traudl Bünger nicht unbedingt. Die deutsche Literaturkritikerin steckt in den Endzügen der Vorbereitungen für die lit.cologne. Als Programmdirektorin der etwas anderen Buchmesse, die Mitte März bereits zum 14. Mal in Köln stattfindet, muss sie nicht nur die Autoren, Schauspieler und Kritiker aussuchen, die dort auf der Bühne lesen und diskutieren, sie sollte auch die Werke der Schriftsteller gelesen haben. 300 Bücher konsumiert die Literaturkritikerin pro Jahr, wie sie schätzt. Eigentlich die beste Voraussetzung, um den Lesestoff nach seiner Wirkung einzuordnen und Therapievorschläge zu machen.

Als im Vorjahr die zwei britischen Literaturexpertinnen Ella Berthoud und Susan Elderkin ihre „Novel Cure“ auf Englisch herausbrachten, begab sich der Insel Verlag für die deutsche Ausgabe auf die Suche nach einer ebenso versierten Leserin, die die Therapiefibel mit deutschsprachigen Werken aufpeppelt. Berthoud und Elderkin lernten einander beim Literaturstudium in Cambridge kennen, die eine widmete sich danach der Kunst, die andere dem Schreiben. Seit 2008 präsentieren sie die von ihnen erfundene Bibliotherapie in der Londoner School of Life, die der Philosoph Alain de Botton mitgegründet hat. In Klassen-, Einzel- oder Kindertherapiesitzungen bieten die beiden ihre Dienste an. Nun erscheint mit ihrer „Romantherapie“ die dazupassende literarische Hausapotheke für Sorgenvolle. Von A wie Alternde Eltern („Die Korrekturen“, Jonathan Franzen oder „Haus der Schildkröten“, Annette Pehnt) über E wie Existenzangst („Siddhartha“, Herman Hesse“) oder Erschöpfung („Alexis Sorbas“, Nikos Kazantzakis) bis zu P wie Pensionierung („Das Rätsel der Ankunft“, V.S. Naipaul) und Z wie Zahnschmerzen („Anna Karenina“, Lew Tolstoi) ordnen sie die unterschiedlichsten körperlichen und psychischen Leiden in kleine Kapitel und empfehlen die passende Lesemedizin dafür. Der versierte Leser könnte enttäuscht sein, weil er viele bekannte Werke darunter finden, wenige Neuentdeckungen machen wird. Somit sei vorweg gewarnt: Dieses Buch ist eine Apotheke für Leseeinsteiger.

Dass sich die Lektüre der „Romantherapie“ dennoch lohnt, ist der liebevollen Schreibweise der Autorinnen zu verdanken und den amüsanten, zum Teil nicht ganz ernst gemeinten Problemen, oder wie sonst sollen wir das Kapitel „Ei auf der Krawatte“ („Zeit der Sinnlichkeit“ oder „Adieu, Sir Merivel“, Rose Tremain) verstehen? Dazwischen listen die Bibliotherapeutinnen die Top Ten für jedes Lebensjahrzehnt (von den Zwanzigern bis zu den über Hundertjährigen) oder für besondere Ereignisse wie Flugreisen, Zugfahrten, Erkältungen auf. Dem französischen Anthropologen Pierre Bourdieu folgend empfehlen sie auch „Die zehn besten Romane, um einen belesenen Eindruck zu machen“. Ein Hauch Selbstironie darf nicht fehlen, wenn die Autorinnen für die undefinierbare Krise im Leben gleich ihr eigenes Nachschlagewerk nahelegen.


Manches Leiden ist deutsch. Traudl Bünger hat für die deutsche Ausgabe ein gutes Drittel der Texte neu verfasst und um deutschsprachige Werke angereichert. So empfiehlt sie bei „Abschiedsschmerz“ den gleichnamigen Roman von der österreichischen Autorin Friederike Mayröcker. Manche Symptome sieht sie stärker in der deutschen Psyche verankert. Etwa „sich in der biografischen Sackgasse befinden“, weil sich, Theodor W. Adornos Sentenz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ folgend, besonders viele Werke damit auseinandersetzen würden (etwa „Grenzgang“ von Stephan Thome oder „Kleine Fabel“ von Kafka).


Subjektive Auswahl. Dass ausgerechnet drei Frauen dieses Buch verfasst haben, hält Bünger nicht für Zufall. „Es ist ein eher weiblicher Wesenszug, über Probleme zu reden und sich analytisch-spielerisch mit dem Leben zu befassen.“ Die Therapievorschläge würden einem undogmatischen Ansatz folgen, zudem sei die Auswahl der Werke „völlig subjektiv“. Zwanzig Prozent der aufgelisteten Bücher, schätzt sie, seien Klassiker, der Rest neuere, zeitgenössische Literatur. Was auch daran liege, dass nur wenige Klassiker auf heutige Leiden eingehen würden.

Wie wirksam die Lektüre von Hochliteratur auf die Psyche des Menschen sein kann, bestätigte im Herbst 2013 eine Studie der New Yorker New School, die wahrscheinlich die erste empirische Erhebung zur Verknüpfung von Literatur und Psychologie ist. Die Sozialpsychologen Emanuele Castano und David Kidd fanden heraus, dass die Lektüre gewisser Werke die Fähigkeit zur Empathie beim Leser stärkt. Dabei unterschieden sie in ihrer Untersuchung zwischen Trivialliteratur von Rosamunde Pilcher oder Danielle Steel und anspruchsvolleren Romanen. Der Effekt halte allerdings auch bei Hochliteratur nur einige Stunden und maximal einen Tag nach der Lektüre an, fanden die Forscher heraus.


Immerhin Aufmunterung. Auch vom Konsum der „Romantherapie“ wird hoffentlich kein Leser ernsthaft eine andauernde oder gar komplette Heilung erwarten. Das Buch ist vielmehr ein Statement der Autorinnen. Die sind nämlich davon überzeugt, dass Bücher in fast jeder Lebenslage Aufmunterung oder Zuflucht bieten können.

„Manchmal ist es die Geschichte selbst, manchmal der Rhythmus der Sprache, manchmal die Idee oder Einstellung einer der Figuren, die sich in ähnlichen Situationen befinden wie wir, die uns Leser verzaubern oder ihre Wirkung auf unsere Seelen entfalten.“

Und was passiert bei einer Überdosierung oder unerwünschten Nebenwirkungen? Diese Gefahr bestehe, anders als bei Filmen oder Musik, kaum. Denn schließlich kann der Leser, sobald er emotional von einem Roman überfordert ist, das Buch weglegen. „Die Lektüre regelt den Umgang mit dem Leid gewissermaßen von selbst.“

Gegen Schreibkrisen liest Traudl Bünger Loriot. Doch ihr aktuell größtes Leiden als berufstätige Mutter von Zwillingen ist der Zeitmangel. Auch dafür hat sie eine Therapie parat: die Geschichte von Hanney aus dem Roman „Die 39 Stufen“ von John Buchan. Der junge Mann weiß nach der Rückkehr aus dem Rhodesischen Bürgerkrieg nichts mit sich anzufangen, bis er über einen Toten stolpert und auf den folgenden Kapiteln auf der Flucht ist. „Und sie sind es auch – vor ihrer üblichen Geschäftigkeit.“

Auch wenn die „Romantherapie“ Gedächtnisauffrischung von bereits Gelesenem sein kann, fühlt man sich angesichts der Fülle der gelisteten Werke an einen Satz von Arthur Schopenhauer erinnert: „Es wäre gut, Bücher zu kaufen, wenn man die Zeit, sie zu lesen, mitkaufen könnte, aber man verwechselt meistens den Ankauf der Bücher mit dem Aneignen ihres Inhalts.“ Statt die Therapie zu lesen, könnte man auch gleich zu einem jener Bücher greifen, die man schon so lange lesen wollte.

Therapie-ABC

Welches Buch für welches Leid?
•A wie Abschiede: „Die Abschiede“ von Friederike Mayröcker
•B wie Bindungsangst: „Die Stadt der Blinden“ von José Saramago
•H wie hinschmeißen wollen, alles: „Hasenherz“ von John Updike – oder H wie Heuschnupfen: „20.000 Meilen unter dem Meer“ von Jules Verne
•N wie nicht zum Punkt kommen: „Die Straße“ von Cormac McCarthy
•Z wie Zeit, zu wenig: „Die 39 Stufen“ von John Buchan

Das Buch

„Die Romantherapie
253 Bücher für ein besseres Leben“

Von Ella Berthoud & Susan Elderkin mit Traudl Bünger für die deutsche Ausgabe

Insel Verlag
430 Seiten, 20,60 €

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2014)