Schnellauswahl

Von der Entdeckung der Geduld

Von der Entdeckung der Geduld – und wie ein renommierter Ökonom eine komplexe Sache einfach und dennoch seriös darlegt.

Konsumieren oder Sparen? Was soll man mit seinem schwer verdienten Einkommen machen: Soll man es im Hier und Jetzt ausgeben und sich ein Leben ermöglichen, wie man es am liebsten führen will? Oder soll man den heutigen Konsum zurückschrauben, um später einmal mehr zu haben – etwa in der Pension? Diese Frage ist eine von jenen Problemen, die in der Ökonomie als „intertemporale Wahlentscheidungen“ bezeichnet werden. Interessante Antworten liefert in jüngster Zeit die Verhaltensökonomie. Dieser aufstrebende Zweig der Wirtschaftswissenschaften thematisiert die Grundlagen von Entscheidungen, die – wie man heute weiß – nicht nur von rationalen Überlegungen bestimmt werden, sondern auch von Emotionen, „verkürztem“ Denken oder Charakterunterschieden.

Matthias Sutter, einer der renommiertesten Verhaltensökonomen Europas, der an der Universität Innsbruck forscht, untersucht diese Mechanismen seit Langem. Zeugnis davon legt auch das eben erschienene Buch „Die Entdeckung der Geduld: Ausdauer schlägt Talent“ (167 Seiten, 22,95 Euro, Ecowin Verlag) ab. Darin beschreibt und analysiert er in leicht verständlicher Sprache viele Versuche, die sein Team an Nord- und Südtiroler Schulen durchgeführt hat. Bestätigt wurde dabei etwa, dass Kinder mit zunehmendem Alter geduldiger werden (also auf eine höhere Belohnung warten können) und dass es riesige individuelle Unterschiede gibt.

Das ist nicht nur für sich gesehen ein interessanter Befund, er hat auch weitreichende Folgen: „Das Ausmaß an Geduld und Selbstkontrolle in der Kindheit hat eine bemerkenswerte Vorhersagekraft für den weiteren Lebensweg“, so Sutter. In Kürze: Menschen, die als Kind geduldig waren, absolvieren eine besser Ausbildung, haben bessere Berufschancen, verdienen mehr, bekommen seltener ungewollt Kinder, landen seltener im Kriminal, zeigen seltener Suchtverhalten und sind zudem gesünder.

Aber hier bringt Sutter – hoch seriöser Wissenschaftler, der er ist – eine Warnung vor vorschnellen Schlüssen an: Erstens sind das „nur“ statistische Schlüsse, im Einzelfall kann es ganz anders sein. Denn zweitens ist Geduld zwar ein wichtiger Faktor, aber bei Weitem nicht der einzige – auch Intelligenz, Talente, familiärer oder sozialer Hintergrund spielen eine große Rolle. Sutter hofft, dass die Erkenntnisse praktisch angewendet werden können, um Menschen bessere Chancen im Leben zu ermöglichen. Wie das geschehen kann, ist Gegenstand weiterer Forschungen. Man darf auf die Ergebnisse gespannt sein.


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazin“.

martin.kugler@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2014)