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Wenn Netrebko und Beczala sich's noch einmal überlegen

Absagen schockieren die Opernfreunde, und die Frage stellt sich: Wie früh müssen Stars wissen, welche Partien sie wann wo singen möchten?

Das hat es in der Wiener Operngeschichte noch nicht gegeben. Gleich zwei Stars sagen Vorstellungen ab, weil sie sich's überlegt haben. So flapsig, wie diese Formulierung klingt, lesen sich auch die offiziellen Schreiben von Anna Netrebko und Piotr Beczala: Die Sopranistin wird ihre Auftritte in den geplanten Aufführungen von Gounods „Faust“ nicht absolvieren, der Tenor wird uns nicht als E. T. A. Hoffmann allerhand zu Offenbach-Melodien „erzählen“. Beide begründen ihre Entscheidungen damit, die Partien nicht „in ihr Repertoire aufzunehmen“.

Dem Opernfreund bescheren derlei kuriose Meldungen allerlei Déja-vu-Erlebnisse. Man erinnert sich an die Aussage von Carlos Kleiber, dass er einfach nicht wisse, ob er in drei oder vier Jahren Lust haben werde, den „Rosenkavalier“ oder „Tristan und Isolde“ zu dirigieren. Er nahm deshalb immer weniger und bald gar keine Engagements mehr an.

Es stimmt schon: Die langen Planungszeiten zwingen zu Entscheidungen, die im Ernstfall nur brachial zu lösen sind. Und doch haftet den Fällen Netrebko und Beczala ein Hautgout an, ist man doch von beiden höchste Professionalität gewohnt. Die Fans verlassen sich drauf, buchen Tickets zu oft aberwitzig hohen Preisen, die sie im Fall einer Sängerabsage ja nicht zurückgeben dürfen.

Die Staatsoper spielt natürlich „Faust“ und „Hoffmann“, aber ohne Netrebko und Beczala. Ähnlich wird es Netrebko-Verehrern in London und Baden-Baden gehen, wo ebenfalls „Faust“-Aufführungen geplant sind.

In Wien wird man immerhin namhafte oder vorhersehbar aufsehenerregende Einspringer erleben können: Neil Shicoff hat sich bereit erklärt, anlässlich der „Hoffmann“-Wiederaufnahme seine Paraderolle noch einmal zu durchleben und -leiden. Das wird das treue Publikum vermutlich ebenso freuen wie die Wiederbegegnung mit Sonya Yoncheva, die im Vorjahr, apropos Gounod, ein umjubeltes Debüt als „Juliette“ absolviert hat.

Die glückliche Hand des Staatsopernchefs bei der Rekrutierung junger Sängerinnen hat sich ja gerade anlässlich des Opernballs gezeigt, auf dem Anita Hartig und Margarita Gritskova bewegende bzw. fulminante Beispiele exquisiter Vokalartistik lieferten.

Dass jemand rechtzeitig die Notbremse zieht, ist im Übrigen ja eine löbliche Sache. Es stellt sich zwar die Frage, was im – siehe oben – langfristig getakteten Opern-Business „rechtzeitig“ genannt werden kann. Aber die Aufführungsgeschichte kennt ja das eine oder andere Beispiel von übermütigen Auftritten, die zu noch übermütigeren Karrierestarts führten.

So war es, als einstens eine Diva am Theater in Brünn beim hohen C durch den schöneren Spitzenton einer Choristin übertrumpft wurde. Das höhensichere Mädchen aus dem Chor hieß am folgenden Tag nicht mehr Mizzi Jedlitza, sondern Maria Jeritza.

Eine geplante Premiere hat sie dann nie platzen lassen müssen. Aber das lag wohl auch daran, dass zu Kaisers Zeiten noch viel kurzfristiger geplant werden konnte. Man musste ja nicht die Bedürfnisse von größenwahnsinnigen Regisseuren und Bühnenbildnern bedienen. Wenn ein Star bereit war, eine Rolle zu singen, setzte man das entsprechende Stück an. Zum Beispiel „Faust“; oder eben nicht „Faust“, sondern was genehm war ...

E-Mails an:wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2014)