Derzeit sind fast alle Branchen an den Aktienmärkten gleich günstig. Nach billigen Titeln muss man gründlicher suchen als noch vor wenigen Jahren.
London/Wien. Branchen, die an den Börsen deutlich günstiger bewertet wären als andere, gibt es nicht mehr, stellt Sarah Arkle, Chief Investment Manager der Investmentgesellschaft Threadneedle Investments, Großbritanniens zweitgrößter Publikumsgesellschaft, fest. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bewege sich bei allen Branchen in Großbritannien zwischen 10 und 20.
Chancen in Mexiko
Zum Vergleich: Vor vier Jahren waren die Titel von Softwarefirmen mit einem KGV von fast 90 um ein Vielfaches teurer, auch die Aktien von Telekommunikationsfirmen waren mit einem KGV von 55 nicht gerade Schnäppchen. Billig - zwischen 10 und 20 - waren damals nur Banken und Lebensmittelproduzenten. "Heute", so Arkle, "kann man durch Über- bzw. Untergewichtungen einzelner Branchen oder Regionen nicht viel Geld verdienen."
Threadneedle sucht daher nach günstig bewerteten Titeln - in "langfristigen Wachstumsmärkten, die günstig bewertet sind". Solche gibt es freilich. In Mexiko etwa haben Telekommunikationsaktien große Zukunft: Zum einen ist in Lateinamerika die Handy-Dichte noch relativ gering, sodass Wachstumspotenzial vorhanden ist. Auch sei der Wettbewerbsdruck in Lateinamerika für etablierte Monopol- oder Duopol-Firmen nicht besonders groß, sagt Jules Mort, Manager des "Latin America Growth Fund". So werde die mexikanische Mobilfunkfirma America Movil über kurz oder lang die "Vodafone Lateinamerikas" werden. Ein boomender Sektor in Lateinamerika, vor allem im größten Markt Brasilien, seien auch Rohstoffe (Erz, Zellstoff, Eisen).
Interessante US-Titel
Auch in den USA gibt es noch Branchen mit Zukunft. Cormac Weldon, bei Threadneedle für nordamerikanische Aktien zuständig, sieht als solche die Pharmaindustrie - auch die US-Gesellschaft altert, wenngleich nicht so stark wie die europäische -, sowie Technologie- und Energiewerte: Entwickelte Nicht-Opec-Märkte hätten momentan gutes Wachstumspotenzial.
"Europa ist billig"
In Europa - für Threadneedle so "billig" wie seit Jahren nicht mehr - setzt man auch auf "unbekannte" kleinere Unternehmen wie etwa Lindt, Puma, R©my Cointreau. Doch auch bei großen Unternehmen sei derzeit "Stock Picking" angesagt: Denn innerhalb der Branchen und Regionen gebe es Gewinner und Verlierer, sodass pauschale Aussagen nur begrenzt möglich seien: So sei die Automobilindustrie in Europa und in Japan zwar grundsätzlich ein boomender Sektor, meint Jeremy Podger, Fondsmanager des "Global Select Growth Fund" von Threadneedle Investments. Dennoch habe sich die Porsche-Aktie seit Jahresbeginn nach oben, die VW-Aktie dagegen nach unten entwickelt.
Lange im Keller, erholen sich derzeit Hongkongs Immobilienmärkte. Die Zahl der chinesischen Hongkong-Touristen soll 2004 um 42 Prozent auf 12 Millionen steigen, auch die Wohnungs- und Büropreise klettern wieder. Für ganz Asien gelte das jedoch nicht, sagt Vanessa Donegan, Fondsmanagerin für asiatische Märkte. In China sei derzeit übrigens fast jede Branche als wachsend zu bezeichnen.