Der deutsche Philosoph Hans Magnus Enzensberger empfiehlt der Menschheit seine zehn Regeln für die digitale Welt. Eine Totalverweigerung.
Zugegeben, die Welt kann schon verwirrend sein. Wer in Zeiten der NSA-Spähprogramme nach Wegen aus dem digitalen Glashaus sucht, hat nun allen Grund zu jubeln. Der deutsche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hat für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ die zehn Gebote für den richtigen Umgang mit der digitalen Welt aufgestellt – und einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.
Regel Nummer eins laut seinem Pamphlet „Wehrt Euch!“: „Wer ein Mobiltelefon besitzt, werfe es weg.“ Spätestens hier hat der 84-Jährige wohl 99,9Prozent seiner Leserschaft schon verloren. Auf das Handy verzichten, das ging vielleicht noch zur Jahrtausendwende, aber heute?
Der deutsche Philosoph Hans Magnus Enzensberger stellt in einem Gastkommentar in der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" die zehn Gebote für den richtigen Umgang mit der digitalen Welt auf. Eine Totalverweigerung. EPA
Wer ein Mobiltelefon besitzt, werfe es weg. Es hat ein Leben vor diesem Gerät gegeben, und die Spezies wird auch weiter existieren, wenn es wieder verschwunden ist. Der abergläubischen Verehrung, die ihm zuteil wird, sollte man nichts abgewinnen. Smart sind nicht diese Geräte oder die sie benutzen, sondern die sie uns anpreisen, um unermessliche Reichtümer anzuhäufen und gewöhnliche Menschen zu kontrollieren. (c) Clemens Fabry
Wer immer einem ein kostenloses Angebot macht, ist verdächtig. Man sollte unbedingt alles ausschlagen, was sich als Schnäppchen, Prämie oder Gratisgeschenk ausgibt. Das ist immer gelogen. Der Betrogene zahlt mit seinem Privatleben, mit seinen Daten und oft genug mit seinem Geld. (c) APA/EPA/ANDREW GOMBERT (ANDREW GOMBERT)
Online-Banking ist ein Segen, aber nur für Geheimdienste und für Kriminelle. (c) REUTERS (� Shannon Stapleton / Reuters)
Regierungen und Industrien möchten das Bargeld abschaffen. Ein gesetzliches Zahlungsmittel, das jeder einlösen kann, soll es nicht mehr geben. Münzen und Scheine sind Banken, Händlern, Sicherheitsbehörden und Finanzämtern lästig. Plastikkarten sind nicht nur billiger herzustellen. Sie sind auch unseren Aufpassern lieber, denn sie erlauben es, jede beliebige Transaktion zurückzuverfolgen. Deshalb tut jeder gut daran, Kredit-, Debit- und Kundenkarten zu meiden. Diese ständigen Begleiter sind lästig und gefährlich. (c) REUTERS (� Stefan Wermuth / Reuters)
Dem Aberwitz, alle denkbaren Gebrauchsgegenstände, von der Zahnbürste bis zum Fernseher, vom Auto bis zum Kühlschrank über das Internet zu vernetzen, ist nur mit einem totalen Boykott zu begegnen. An den Datenschutz den mindesten Gedanken zu wenden fällt ihren Herstellern nicht im Traum ein. Der einzige Körperteil, an dem sie verwundbar sind, ist ihr Konto. Sie sind nur durch die Pleite zu belehren. (c) REUTERS (� Steve Marcus / Reuters)
Ähnliches gilt für die Politiker. Alles, was man gegen ihr Tun und Lassen einwendet, ignorieren sie. Den Finanzmärkten begegnen sie unterwürfig, und gegen das Treiben der Geheimdienste vorzugehen, wagen sie nicht. Interessiert sind sie jedoch daran, wiedergewählt zu werden. Solange das Wahlrecht noch existiert, sollte man ihnen die Stimme verweigern, wenn sie die digitale Enteignung dulden, statt gegen sie vorzugehen. (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
E-Mail, zu deutsch Strompost, ist schön, schnell und kostenlos. Also Vorsicht! Wer eine vertrauliche Botschaft hat oder nicht überwacht werden möchte, nehme eine Postkarte und einen Bleistift zur Hand. Handschrift ist von Automaten schwer zu lesen. Niemand vermutet auf einer Ansichtskarte, die 45 Cent kostet, wichtige Nachrichten. Man braucht also nicht zu einem toten Briefkasten zu greifen, wie er in altmodischen Spionageromanen vorkommt. (c) APA (Robert Jaeger)
Waren oder Dienstleistungen via Internet sollte man meiden. Anbieter wie Amazon, Ebay und so weiter speichern alle Daten und belästigen ihre Kunden mit Reklamemüll. Anonymer Einkauf ist besser. Einzelne Adressen, die man gut kennt, können als Ausnahmen durchgehen. (c) Fabry Clemens
Die großen Internetkonzerne finanzieren sich, ebenso wie das sogenannte Privatfernsehen, hauptsächlich durch Reklame. Damit stehlen sie ihren Kunden Zeit und Aufmerksamkeit. Wer einen, in welcher Form auch immer, andauernd anbrüllt oder belästigt, den sollte man abstrafen. Auf alle Angebote, die auf diese Weise vermarktet werden, zu verzichten ist empfehlenswert, ebenso wie Sender, die einen durch Werbung terrorisieren, ein für alle Mal abzuschalten. Das ist nicht nur aus hygienischen Gründen ratsam. Bekanntlich arbeiten besonders amerikanische Großkonzerne eng mit den Geheimdiensten zusammen, um möglichst jede menschliche Regung auszuspähen und zu kontrollieren. (c) REUTERS (� Pawel Kopczynski / Reuters)
Netzwerke wie Facebook nennen sich „sozial“, obwohl sie ihren Ehrgeiz daransetzen, ihre Kundschaft so asozial wie möglich zu behandeln. Wer solche Freunde haben will, dem ist nicht zu helfen. Wer bereits das Unglück hat, einem solchen Unternehmen anzugehören, der ergreife so schnell wie möglich die Flucht. Das ist gar nicht so einfach. Was ein Krake einmal erbeutet hat, gibt er nie wieder freiwillig her. >> Mehr zu Enzensbergers Geboten (c) REUTERS (� Beck Diefenbach / Reuters)
Die digitale Welt des Hans Magnus Enzensberger
Entsprechend boshaft fielen die Kommentare der Online-Leserschaft aus: Viel mehr sei von alten Männern eben nicht zu erwarten, so der Tenor. Wieder einmal bestätigte sich das alte Motto: Was vor der eigenen Geburt erfunden wurde, ist selbstverständlich, was bis zum 30.Geburtstag erfunden wurde, ist der Höhepunkt der (technischen) Evolution, und alles, was danach kommt, Teufelszeug.
So verallgemeinernd das auch ist, auf den ersten Blick klingen Enzenbergers Regeln tatsächlich nach Totalverweigerung. Regel Nummer sieben befasst sich mit dem Ende der E-Mails: „Wer eine vertrauliche Botschaft hat oder nicht überwacht werden möchte, nehme eine Postkarte und einen Bleistift zur Hand.“ Zu glauben, dass man mit Stift und Papier die Geheimdienste ausbremsen könnte, ist fast schon putzig. So genügt ein Anruf bei der österreichischen Post, um sicherzugehen, dass die meisten analogen Postkarten auch von der Post längst digital fotografiert werden. Nur für ein paar Stunden und nur zur Erfassung der Adresse, versteht sich. Aber auch Google speichert die Daten ja nicht offiziell dafür, dass die NSA zugreifen kann.
Regel Nummer zwei: „Man sollte unbedingt alles ausschlagen, was sich als Schnäppchen, Prämie oder Gratisgeschenk ausgibt. Das ist immer gelogen.“ Nicht ganz falsch. Natürlich wollen Unternehmen etwas für ihre Leistung. Im Internet ist das Geld oder Daten. Wirklich neu ist das aber nicht. Denn auch im „echten“ Leben gibt es (von Unternehmen) nichts geschenkt.
Regel Nummer drei: „Onlinebanking ist ein Segen, aber nur für Geheimdienste und für Kriminelle.“ Schon wieder richtig. Aber schon wieder nur zur Hälfte. Dank des Swift-Abkommens haben die Geheimdienste selbstverständlich auch dann Zugriff auf unsere Finanzdaten, wenn wir unsere Überweisungen ganz altmodisch per Formular tätigen.
Kreditkarten sind für Enzensberger „lästig und gefährlich“. Dem „Internet der Dinge“ könne man nur mit „totalem Boykott“ begegnen. Je tiefer man in seine Welt eintaucht, desto klarer wird: Hier spaltet sich jemand von der Realität ab, in der er lebt, oder macht verdammt gute Satire.
Dabei hat er in manchen Punkten recht. Natürlich sind viele „Segnungen“ der modernen Technologie verzichtbar und potenziell gefährlich. Aber die Lösung ist nicht der Gang ins Funkloch, sondern erst zu denken, bevor man ein Gerät anfasst. Alles, was durch die neue, vernetzte Welt besser wird, ignoriert er schlichtweg – und macht sich so zu einfach angreifbar. Nur einen Vorwurf hat er wirklich nicht verdient: Dass er zu alt sei, um zu wissen, worüber er schreibt. Regel zehn zu Facebook: „Wer solche Freunde haben will, dem ist nicht zu helfen. Wer das Unglück hat, einem solchen Unternehmen anzugehören, ergreife so schnell wie möglich die Flucht. Das ist gar nicht so einfach.“ In dem Punkt spricht er wohl aus Erfahrung. Hans Magnus Enzensberger findet man auch auf Facebook. Und auch wenn es ihm nicht gefällt: Er hat dort 2186 „Freunde“.