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ORF in Wien nur mehr am Küniglberg: Aus für Funkhaus

Das ORF-Zentrum am Küniglberg(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Der Stiftungsrat segnete die Zusammenführung der Wiener Standorte am Küniglberg ab. Das Radiokulturhaus bleibt als "Kulturstandort" erhalten.

Nach jahrelanger Diskussion in der Standortfrage hat der ORF-Stiftungsrat am Donnerstag die Zusammenführung der Wiener ORF-Standorte am Küniglberg beschlossen. Der Antrag der Geschäftsführung wurde mit 26 Stimmen dafür, drei dagegen sowie sechs Enthaltungen angenommen. Die Gegenstimmen kamen von den Betriebsräten Gerhard Moser und Christiana Jankovics sowie BZÖ-Vertreter Alexander Scheer. Drei von fünf Betriebsräten stimmten somit dafür. Die Entscheidung fiel in der letzten Sitzung der Amtsperiode des aktuellen Stiftungsrates.

Damit werden in den kommenden Jahren sowohl die Mitarbeiter des Funkhauses in der Argentinierstraße, wo derzeit die Radios Ö1 und FM4 sowie das Landesstudio Wien beheimatet sind, als auch jene von Ö3, Online und Teletext mit aktuellem Sitz in Heiligenstadt ins ORF-Zentrum übersiedeln.

Ein zentraler Punkt ist dabei die Errichtungen eines trimedialen Newsrooms, in dem Redakteure aus Fernsehen, Radio und Online künftig enger zusammenarbeiten sollen.

Funkaus wird aufgegeben, "Kulturstandort" bleibt

Das Funkhaus in der Argentinierstraße wird dafür aufgegeben werden, der Große Sendesaal im Radiokulturhaus driekt daneben bleibt aber als Heimat des Rundfunksymphonieorchesters erhalten. Über ein kleines Stadtstudio wird noch nachgedacht.

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz zeigte sich erleichtert über den Beschluss. Nach dem Motto "drei Medien, ein Standort" stehe man damit vor einer "großen qualitativen Veränderung des ORF", den man so für die Zukunft vorbereiten wolle, so der Generaldirektor.

Ein wesentlicher Punkt bei den abschließenden Überlegungen des Stiftungsrates war die Beibehaltung des Standortes Argentinierstraße als "Kulturstandort". Insgesamt habe es sich um eine "der wichtigsten Entscheidung der vergangenen Jahrzehnte" gehandelt, die nicht zuletzt "die strategische Neuaufstellung des Unternehmens" ermögliche, so Stiftungsratsvorsitzende Brigitte Kulovits-Rupp.

Die jüngst von verschiedenen Seiten geäußerten Bedenken gegen eine Zusammenlegung habe man jedenfalls "sehr ernst genommen", betonte die Vorsitzende. "Die Diskussion dieser Kritikpunkte hat zu Klarstellungen geführt, die heute noch Eingang in den Rahmenbeschluss gefunden haben."

10 Millionen Euro gespart

Insgesamt werden von der Umsiedelung knapp 700 Mitarbeiter im Funkhaus sowie dem Standort in Heiligenstadt betroffen sein. Finanzdirektor Richard Grasl rechnet mit Baukosten von rund 300 Millionen Euro. Pro Jahr ergebe sich durch die Zusammenführung ein Einsparungspotenzial von etwa 10 Millionen Euro.

Visualisierung des ORF-Zentrums mit Zubau(c) APA/ORF (ORF)

Dem Vorhaben positiv gegenüber steht Betriebsrat Robert Ziegler, der dem Antrag in seiner Funktion als Stiftungsrat auch zugestimmt hat. "Ich bin der Ansicht, dass ein gemeinsamer Standort für die Zukunft des ORF und seiner Mitarbeiter der sichere Weg ist. Wir sind vernetzt besser aufgestellt und es ist ganz wichtig, dass es keinen Personalabbau gibt, was die Geschäftsführung auch mehrmals betont hat", erklärte er. "Was wir jetzt brauchen, ist eine ganz intensive Informationspolitik im Haus, damit wirklich alle Mitarbeiter eingebunden werden."

Anders sah es Zentralbetriebsratsobmann Gerhard Moser, der zwar von einem historischen Tag für den ORF sprach. Dieser sei aber "wahrlich kein guter". Es sei nicht entschieden worden, einen trimedialen Newsroom zu bauen, sondern "das Funkhaus als Radiohaus aufzugeben". Die rein finanziellen Aspekte hätten sich ihm nicht wirklich erschlossen. Er warnte "trotz vollmundiger Gegenbeteuerungen der Geschäftsführung" vor "Personalabbau, journalistischen Legebatterien, der Beschädigung gewachsener und erfolgreicher Senderidentitäten und Strukturen, sowie einem verwaisten Radiokulturhaus, in dem kein Radio mehr produziert wird".

Eine kurze Geschichte des Küniglbergs

1938: Die deutsche Wehrmacht lässt am Wiener Küniglberg einen Flakkaserne errichten. Zum Spatenstich am 14. Mai rückt Luftwaffen-Oberbefehlshaber Hermann Göring höchstpersönlich an. Die topografische Lage war für militärische Zwecke ideal. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernahm das britische Militär die Kaserne.

1955: Das Areal wird der Stadt Wien übergeben.

1959: Es gibt erste Überlegungen, den Küniglberg für den ORF nutzbar zu machen.

1965: Der ORF bezieht leer stehende Räume der Kaserne.

1967: Das Grundstück wird dem ORF um 225.000 Schilling verkauft, der Auftrag zur architektonischen Planung wird freihändig an Roland Rainer vergeben.

1969: Das entsprechende Gesamtkonzept wird von ORF-Geschäftsführung genehmigt, in der Folge startet das Bauvorhaben.

1973: Während der Bauarbeiten kommt es zu einem Unfall: Ein Bauelement durchschlägt drei Decken und fünf Arbeiter werden verschüttet. Zwei Tote und drei Schwerverletzte sind die Folge. Danach werden die Arbeiten vorübergehend eingestellt, da laut Baubehörde "Baumängel an den Fertigteilen vermutet werden". Nach einiger Zeit werden die Bauarbeiten wieder fortgesetzt.

1974: Mit einem "Tag der offenen Tür" wird das ORF-Zentrum offiziell eröffnet.

2005: Ein Gutachter ortet aufgrund von Rissbildungen und fortgeschrittener Betonkorrosion an Parapetbalken mögliche "Gefahr im Verzug". Sanierungsmaßnahmen innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahren werden empfohlen. Die Diskussion um einen neuen ORF-Standort intensiviert sich in der Folge.

2012: Im Herbst wird das baufällige Hauptgebäude zwecks Sanierung geräumt und die Mitarbeiter übersiedeln in Container-Dörfer und andere Bürogebäude Wiens. Neben einer Sanierung des ORF-Zentrums und einer möglichen Zusammenführung der Wiener ORF-Standorte am Küniglberg ist auch das Gelände in St. Marx immer wieder ein Thema.

2014: Anfang des Jahres legt sich die ORF-Geschäftsführung auf einen gemeinsamen Standort am Küniglberg fest und formuliert einen entsprechenden Antrag. Nach knapp neun Jahre dauernder Diskussion wird die Zusammenführung der Wiener ORF-Standorte am Küniglberg schließlich Anfang März im ORF-Stiftungsrat beschlossen. Zentrales Element dabei ist die Errichtung eines trimedialen Newsrooms, in dem Redakteure von Fernsehen, Radio und Online stärker verschränkt zusammenarbeiten sollen.

(APA)