Papandreou will "Erasmus für Arbeitslose"

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Der ehemalige griechische Premier, Georgios Papandreou, fordert in Wien EU-Unterstützung für Arbeitslose und einen "grünen Marshallplan". Es sei aber auch an der Zeit, auf die EU-Skeptiker offen zuzugehen.

Wien.Der ehemalige griechische Premierminister, Georgios Papandreou, fordert eine „europäische Lösung“ für das weiterhin große Problem der Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland und anderen südlichen europäischen Ländern. In Griechenland stehen trotz einer leichten Erholung der Wirtschaft noch immer 60 Prozent der Menschen ohne Arbeit da. „Diese Menschen stellen sich die Frage: Was tut Europa für mich? Und die Antwort lautet derzeit: nichts“, so Papandreou im Interview mit der „Presse“ am Rand des „Fonds professionell“-Kongresses auf dem Wiener Messegelände.

Papandreou war als Redner zum Kongress geladen. Er stand als Premierminister von 2010 bis 2011 im Mittelpunkt der Eurokrise, die vom überschuldeten Griechenland mitausgelöst worden war. Es war die Regierung des Sozialisten Papandreou, die erstmals zugegeben hatte, dass die offiziellen Haushalts- und Schuldenzahlen Griechenlands nicht korrekt waren und dass sein Land in Wahrheit schlechter dasteht. Papandreou gilt seit der Krise als einer der bekanntesten Politiker Griechenlands. Er stammt aus einer reichen und einflussreichen griechischen Familie. Schon sein Großvater und Namensvetter Georgios Papandreou war dreifacher griechischer Premierminister.

 

„Jede Krise ist eine Chance“

Papandreou nennt seinen Vorschlag zur Milderung der Probleme mit der Arbeitslosigkeit in Europa „Erasmus für Arbeitslose“. „Warum sollten griechische Arbeitslose nicht in Österreich auf eine technische Fachhochschule gehen können, mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union?“, fragt er. Europa brauche auch ein „europäisches Sozialsystem“. Die Arbeitslosenzahlen in Europa (und in Griechenland im Speziellen) würden zwar langsam besser werden, aber eine langsame Verbesserung sei gerade im Fall von Jugendarbeitslosigkeit nicht genug, so Papandreou: „Es darf nicht nur ein bisschen besser werden – es muss viel besser werden. Sonst riskieren wir eine verlorene Generation in Europa. Und das können wir uns nicht leisten.“ Deswegen greift Papandreou auch die Idee eines „grünen Marshallplans“ wieder auf. Der Marshallplan war ein Konzept zum Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg – entworfen vom US-Außenminister George Marshall. Papandreou wünscht sich diesmal aber keine US-Hilfe, sondern ein EU-Investitionsprogramm in grüne Energie. „Jede Krise kann eine Chance sein.“

„Wir müssen uns unsere Energieversorgung genau ansehen, und die Lage in der Ukraine sollte uns nachdenklich machen.“ Der ehemalige griechische Premierminister sieht in der Ukraine-Krise einen entscheidenden Moment für die EU. Wie Europa reagiere, sei entscheidend, so Papandreou: „Das ist ein Moment der Wahrheit für Europa, um festzustellen dass Europa einen langfristigen Plan für mehr Energieunabhängigkeit braucht.“ Ein „grüner Marshall–Plan“ wäre ein richtiger Schritt in dieser Richtung. „Wir sind immer noch entlang der Grenzen des Kalten Krieges geteilt. Wenn wir aus Griechenland grüne Energie nach Deutschland schicken wollen, dann scheitern wir an den unterschiedlichen Stromnetzen. Dabei sollten wir einen gemeinsamen Markt in Europa haben.“

 

Wachsende EU-Skepsis

Papandreou gesteht aber, dass weder für die Idee des „Erasmus für Arbeitslose“ noch für die des „grünen Marshallplans“ derzeit viel politischer Wille vorhanden sei. Ein großes Problem sei auch die wachsende EU-Skepsis in Europa.

„Wir haben zu lange als gesichert angesehen, dass in den europäischen Eliten eine Pro-EU-Meinung vorherrscht“, so Papandreou. Es sei an der Zeit, das Gespräch und die Debatte mit EU-Skeptikern zu suchen, um „zu sehen, was sie wollen“. „Wir haben bisher schlicht unterschätzt, dass die EU auch ein Projekt von Menschen für Menschen sein muss.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2014)