Die Krim ruft bei den Russen heroische Erinnerungen hervor. Dabei ist diese Halbinsel vor allem ein Symbol für schwere Verluste.
Wie ist der Krim-Krieg ausgegangen, der 1853 als angeblich erster total moderner Krieg durch Übermut begann? Ich schlage im meisterhaften Buch „Crimea. The Last Crusade“ (2010) des britischen Historikers Orlando Figes nach, weil ich tatsächlich vergessen habe, wer damals gewonnen hat.
Meine Ahnung des Unbestimmten trügt nicht. Wer spricht von Siegen? Lauter Verluste. Die besonders dumme Fortsetzung irrer Großmachtpolitik mit untauglichen Mitteln sollte uns eine Warnung sein. Briten, Franzosen und Türken kämpften vereint gegen Russland, um zu verhindern, dass dieses Reich zum Mittelmeer vordrang.
In nur drei Jahren starben Hunderttausende. Am Ende gab es keine Gebietsgewinne, sondern Waffenstillstand. Die kranken Truppen auf beiden Seiten waren einfach nicht mehr einsatzfähig. 1856 garantierte der Friede von Paris die Integrität des Osmanischen Reiches, es war aber so angeschlagen, dass bald wieder Befreiungskriege auf dem Balkan begannen.
Lord Tennyson jedenfalls verherrlichte 1854 im berühmt-berüchtigten Gedicht „The Charge of the Light Brigade“ ein Massensterben englischer Truppen, die ins Verderben rannten. Fontane hat es unter dem Titel „Balaklawa“ übersetzt: „Vor, in Sturmeseil', / Vor, zur Attacke. / Zählt nicht der Kanonen Zahl, / Hinein, hinein ins Todestal...“ Diese Passage beschreibt ziemlich genau eine Schwäche von Offizieren, aus missverstandenen Befehlen die ihnen anvertrauten Soldaten zu Kanonenfutter zu machen.
Schlichte Patrioten gab es auch später. Als die Krim, die Sowjet-Führer Chruschtschow 1954 mit einem Federstrich der Ukraine zugeschlagen hatte, 1991 bei deren Unabhängigkeit Teil des neuen Staates blieb, konstatierte ein Dichter namens Nikolajew in holprigen Versen ein großes Paradox, das „auf den Ruinen unserer Supermacht“ liege: „Sewastopol, die Stadt des russischen Ruhms / befindet sich außerhalb russischen Territoriums“.
Jetzt fehlt nur ein Dichter, der herausfindet, was sich auf Putin reimt. Hoffentlich nicht „alles ist hin“. Figes nämlich schreibt im Epilog von „Crimea“, wie stark die Helden von Sewastopol in Russland noch immer verehrt werden, wie dieser Mythos noch heute wirkt, wie tief der Verlust der Krim die Nation kränkt. Putin jedenfalls hat ein Porträt von Nikolaus I., der Russland 1825 bis 1855 regierte, längst ins Vorzimmer seines Büros hängen lassen – angeblich weil, dieser reaktionäre Zar Opfermut im „gerechten Krieg“ zeigte.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2014)