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Das Gefühl, das durch den Körper wandert

Inspirierend: Ulrich Greiner untersucht in seinem anregenden Buch „Schamverlust“ den Wandel von der Schuldkultur zu einer Kultur der Peinlichkeit.

Es beginnt irgendwo in der Herzgegend, steigt über den Hals in den Kopf bis zur Stirn, wandert den Nacken hinab über die Schulterblätter, den Rücken bis zu den schwächelnden Knien und endet – mitunter tödlich. So wie beim Rechtsanwalt Jakoby in Thomas Manns Erzählung „Luischen“, der von der „endgültigen Demütigung“ durch seine Gattin und deren Liebhaber während eines Festbanketts tödlich getroffen zusammenbricht. So stark konnte die Scham in der damaligen „Schuldkultur“ noch sein, dass sie – wie bei Josef K. in Kafkas „Prozess“ sogar über den Tod hinaus wirkte. „,Wie ein Hund‘,sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“

Ein Gefühl der Scham in einem solchen Ausmaß, so Ulrich Greiner, gibt es heute nicht mehr. Niemand stirbt mehr aus Scham. Nicht einmal den gesellschaftlichen Tod. Hier zitiert er medial kalkulierte Schamereignisse, wie das der beliebten ARD-Sportschau-Moderatorin Monica Lierhaus, die am 5. Februar 2011 – nach einer langen, schweren Krankheit erstmals in der Öffentlichkeit auftretend – ihrem langjährigen Lebensgefährten vor laufenden Fernsehkameras einenHeiratsantrag machte. Vom TV-Publikum wurde sie dabei als ferngesteuerte, offensichtlich medikamentös ruhiggestellte, alles andere als gesunde Person wahrgenommen. Solche öffentlichen Entblößungen seien Inszenierungen einer Gesellschaft, in der die Scham im Aussterben begriffen ist.

Wann hat das begonnen? Mit den 68ern, die sich und ihre Körper von der Scham als vermeintlich reaktionärem, kapitalistischem Moralschrott befreiten? Oder schon früher, als in der beginnenden Moderne die alte Schuldkultur des bürgerlichen Zeitalters brüchig geworden war? Heute jedenfalls, so die Grundthese des Autors, ist „an die Stelle der alten Schuldkultur und der noch älteren Schamkultur eine neue Kultur getreten: die Kultur der Peinlichkeit“. Zu Hause ist diese Kultur der Peinlichkeit, sagt Ulrich Greiner, in den Medien und sozialen Netzwerken, den Kleinverlagen und Coworking Spaces, den Hinterhofgalerien und Kreativschmieden, in denen eine Fülle von fein distinguierten Verhaltensregeln den alten Vorstellungen von Moral und Gewissen gewichen ist.

Greiner analysiert die Geschichte eines Gefühls, das wie kaum ein zweites zum Menschsein gehört. Mit unzähligen Romanstellen von Hawthorne bis Sartre, von Dostojewski bis Franzen, von Pirandello bis Charlotte Roche und einer Fülle von philosophischen Definitionen rückt der ausgewiesene Literaturkenner dem Gefühl der Scham zuleibe. Die Scham setzt Selbsterkenntnis voraus. Für Kierkegaard ist sie die Entdeckung der Freiheit, das Böse zu wählen. Durch diese „anfängliche Schuld“ erlangt der Mensch die Fähigkeit der Reflexion und des Denkens. Doch nicht jeder, der in den Spiegel schaut, schämt sich. Die Scham ist Narziss fremd, und bei sehr jungen und sehr alten Menschen ist sie schwach ausgebildet.

Der Blick spielt bei der Scham eine zentrale Rolle. Sie ist ohne das Gegenüber – auch wenn es das eigene Selbst ist, das von seinem Ich beobachtet wird – nicht denkbar. Für Sartre ist es der andere, der das Ich gestaltet. „So wie ich dem anderen erscheine, so bin ich.“ Die Scham entsteht in der Abhängigkeit von diesem Blick. Scham wird von Machtdifferenzen produziert und hat auch eine anthropologische Dimension: Bewegen wir uns in einer Schamkultur oder einer Schuldkultur? Greiner definiert den Unterschied so: „Wer ein unerwünschtes, unerlaubtes Verhalten aus Furcht vor Liebesentzug oder Strafe unterlässt, bewegt sich in den Mustern der Schamkultur. Unterlässt er es jedoch, weil sein Gewissen ihn dazu bestimmt, weil er quasi gar nicht anders kann, folgt er einer Schuldkultur.“

Fasziniert folgt man dem Autor bis in die letzten Windungen der intimsten Regungen von Scham, Schuld und Peinlichkeit, leidet mit den verschiedenen Protagonisten Höllenqualen und begegnet sich in jedem Absatz selbst. Die Lektüre ist äußerst inspirierend, auch wenn Greiners Hauptthese von der Ablösung der bürgerlichen Schuldkultur durch die Peinlichkeitskultur durch die Fülle von Literaturbeispielen mehr illustriert als bewiesen wird. Da und dort verliert man den Überblick: Sprechen wir jetzt von Scham oder von Peinlichkeit? Zu vielschichtigscheint das Gefühl, zu wenig leicht lässt sich das eine vom anderen abgrenzen. Aber man will lieber nicht genauer nachforschen. Vielleicht steckt hinter der Unsicherheit ja die Unfähigkeit, Begriffe messerscharf voneinander zu trennen. Und das wäre peinlich. Oder vielleicht doch eher beschämend? ■

Ulrich Greiner

Schamverlust

Vom Wandel der Gefühlskultur. 350 S., geb., €23,60 (Rowohlt Verlag, Reinbek)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2014)