Zwischen Onkel Ho und Uncle Sam

(Moped-)Verkehr in Ho-Chi-Minh-City.
(Moped-)Verkehr in Ho-Chi-Minh-City.Felbermayer
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Ho Chi Minh City: Der Name ist jung, das Leben ist es auch, jung und laut. Doch wer da meint, auf den Straßen des vormaligen Saigon sei die Hölle los, der war noch nicht in Hanoi. Vietnam: eine Reise durch Zeit und Raum.

Wenn man über die Straßen will, auf deren sechs Spuren die motorisierten Hundertschaften von allen Seiten heranknattern – vor allem Motrorräder/roller –, dann tut man gut daran, erst Mut zu schöpfen und dann langsam loszugehen, ganz langsam, Ampeln gibt es kaum, Zebrastreifen eher, aber die haben keine Bedeutung. Also langsam durch den brandenden Strom, ganz langsam, er öffnet sich, man kommt heilen Fußes durch, man muss überhaupt kein Moses sein, das Wunder begibt sich alltäglich in der Stadt, die im Namen schon ihre Gesichtslosigkeit trägt – und ihre Geschwindigkeit: HCMC.

Gute Nerven braucht man doch, und eine leichte Harthörigkeit ist hilfreich, bei aller Rück- und Umsicht wird gehupt und gehupt und gehupt, immer, es gibt keine Rushhour, sie tobt rund um die Uhr, offenbar sind alle acht Millionen Stadtbewohner ständig auf zwei Rädern unterwegs. Andere Verkehrsmittel gibt es kaum, auch nicht für den Transport, aber auf so einem Motorrad hat schon etwas Platz, eine fünfköpfige Familie etwa, sechs gehen auch, oder drei Schweine, lebend, übereinandergebunden, oder ein Orangenbaum. Meistens sitzen nur zwei Personen drauf, aber wohin und wozu sie alle unentwegt wollen, erschließt sich dem Fremden nicht, nur so viel: HCMC ist das Akronym für Ho Chi Minh City, der Name ist jung, das Leben ist es auch, jung und laut.

Vor allem laut. Wenn man in etwas Ruhe lernen will, wie die Stadt früher hieß und war, dann muss man zu den Antiquitätenläden, sie liegen alle in einer Straße, gleich beim Museum of Fine Arts. Dort erklärt die oberste Schicht in den verkäuflichen Sedimenten des Erbes, warum die Stadt nicht mehr Saigon heißt: Sie besteht aus Feuerzeugen von US-Soldaten, Sturmfeuerzeugen in jeder Bedeutung des Worts, vorne tragen sie eine Karte des Landes oder das Signet einer militärischen Einheit, hinten ist Persönliches eingraviert, Martialisches meist („Death is my business, and business has been good“), Nachdenkliches auch („Killing for freedom is like fucking for virginity“). Die sich das ausgedacht haben, sind wohl nicht lebend nach Hause gekommen, vielleicht hat man ihnen die Feuerzeuge auch gestohlen, oder sie haben sie eingetauscht oder verspielt, als es in den überstürzten Rückzug ging, am 30. April 1975 flüchteten die Letzten mit dem Helikopter vom Dach der Botschaft in Saigon.

Seitdem heißt die Stadt nicht mehr so. Ihre große Zeit, das vorvorletzte Kapitel, wird in der zweiten Schicht der Antiquitäten gehütet, Jugendstilsammelsurium der französischen Besatzer. Weiter zurück kommt man in HCMC nicht, dazu muss man nach Norden. „Tomorrow I bring you to my son“, begrüßt und überrascht der Guide auf dem Flugplatz von Da Nang, der Stadt am Meer, in der 1965 die Invasion der USA mit einer Szene begann, die die wildesten Fantasien Stanley Kubricks überbot: 6000 Marines stürmten mit Landungsbooten den Strand, empfangen wurden sie von einer Handvoll Vietnamesinnen in traditioneller Tracht und Blumenkränzen. So lustig blieb es nicht lange, Uncle Sam schlug zu, mit seinem gesamten Arsenal, von Napalm bis Agent Orange; Onkel Ho – beziehungsweise sein genialer General Giap, der schon 1954 die Franzosen aus dem Land geworfen hatte – lehnte sich und zog die Seinen zurück, oft nach erbitterten Gefechten.

Etwa dem um My Son, das ist der Ort, den der Guide als „my son“ ausspricht, in der Lautgebung US-Erbe (der Name klingt in Wahrheitso, wie er sich liest), in der Sache Erbe der Cham, die über Jahrtausendedas mittlere Vietnam beherrschten und in My Son („wunderbare Berge“) eine Kultstätte hatten, sie geriet in Vergessenheit, wurde erst im 19.Jahrhundertvon französischen Archäologen wieder entdeckt: 70 Tempel mitten im Dschungel, der größte ragte 28 Meter hoch. Von den 70 blieben 20, und von den 28 blieben fünf, als die B 52 wieder abdrehten, der Boden ist übersät mit Bombenkratern, auch im Inneren haben die Tempel Einschusslöcher in allen Wänden.

Wieder reagierte Onkel Ho geschmeidig, er hatte Refugien genug, das wichtigste in der Region lag gar nicht weit: Hoi An, eine alte Handelsstadt am Thu-Bon-Fluss. Im Kern ist große Architektur erhalten, hölzerne „Tunnelhäuser“ mit schmaler Fassade, dann geht es tief hinein, vorne Geschäftsräume, hinten Privates. Alle sind um die 200 Jahre alt, eines hat ein Apotheker bauen lassen, es blieb in der Familie, der heutige Vorstand, siebte Generation, zeigt es Touristen. Der Großvater lebt noch, 104 Jahre alt, ihn kann man nicht besuchen, aber Fotos von ihm aus den 1950er- und 1960er-Jahren schmücken die Wände, Fotos von ihm und – General Giap: Hier, im Herzen des besetzten Landes, wurde der Widerstand organisiert, und ausgerechnet hier bombten die Amerikaner nicht, Hoi An hat die am besten erhaltene Altstadt Vietnams.

Weiter nach Norden, weiter zurück, Hue! Von hier wurde, erst 1802, Vietnam in seinen heutigen Grenzen erobert, von Nguyen-Monarchen, sie krönten sich und ihre Metropole mit einer Verbotenen Stadt nach dem Vorbild Pekings. Nur eine von fünf Riesenhallen steht noch, der Rest wurde im Krieg eingeäschert, und vor der Halle stehen große Gefäße, aus Messing, die Kaiser ließen die Waffen unterlegener Gegner einschmelzen. Viele Siege gabes nicht zu feiern, ab 1865 waren die Franzosen die Herren im Land, generöse Herren, sie ließen die Kaiser weiter Kaiser spielen. Die fühlten sich wohl als Marionetten, das Mausoleum des zweitletzten zeigt es, er hieß Kai Din, regierte von 1916 bis 1925 und ließ einen asiatisch/europäischen Wechselbalg errichten, den der Polyglott treffend als „eine Art vietnamesisches Rokoko“ charakterisiert. Sich selbst ließ er eine Fantasieuniform mit französischen Epauletten schneidern, so begeistert war er von Paris, das er zu Beginn des 20. Jahrhunderts besuchte.

Dort hätte er einen Landsmann treffen können, der nicht weit weg von Hue auf dem Land aufgewachsen und dann als Gehilfe in einer Schiffsküche losgezogen war. Auch er hat eine Gedenkstätte in Hue, auch dort stehen Behälter aus Bronze, aber sie sind nicht aus Waffen, in den Kriegen dieses Mannes gab es keine Schwerter mehr: Er hieß beziehungsweise nannte sich Ho Chi Minh, allerorten im Land stehen Reliquiensammlungen, die in Hue hat außer den bekannten Ikonen ein Foto, das man noch nie gesehen hat: Onkel Ho, ganz zivil gewandet, dirigiert ein Orchester – junge Männer in Smokingjacken –, und er dirigiert so gelöst und beschwingt, als wäre erBernstein in seinen ausgelassensten Momenten.

Weiter nach Norden,weiter zurück! Wer dameint, auf den Straßen Saigons sei die Hölle los, der war noch nicht in Hanoi. Hier, wo Vietnam vor 1000 Jahren entstand beziehungsweise die chinesischen Besatzer vertrieb, geht es heute um einiges rauer zu als im Süden, selbst in den engsten Gassen des französischen Quartiers. Dafür sorgen nicht zuletzt PKWs, hier gibt es mehr, und sie sind dick, sehr dick. Onkel Ho würde sich im Grab umdrehen, das heißt, im Mausoleum, wo sie ihn mumifiziert haben, wider seinen Willen, er hatte verfügt, seine Asche über das Land zu verstreuen. Aber sie brauchen ihn noch, mehr als 40 Jahre nach seinem Tod, er soll für die Währung bürgen – milde lächelt er von jedem Geldschein –, er soll Reformen vorantreiben, etwa eine, die „Politburo's Directive 03“ heißt und irgendetwas mit der Polizei zu tun hat: „Ministery of Public Security urged to follow Uncle Ho.“ Damit machen die englischsprachigen „Vietnam News“ am 16. Jänner 2014 auf.

Er soll endlich das ganze Land zusammenhalten. Das wird schwer, man sieht es auf der Fahrt von Hanoi zu einem der großen Naturwunder Vietnams, der Ha-Long-Bucht. Kaum ist man aus dem Treiben der großen Stadt, wo noch das hinterste Kaffeehaus mit WLAN lockt, sieht man Wasserbüffel die Pflüge ziehen. Dann sieht man auch aus der Nähe, was man beim Anflug schon von Ferne gesehen hat: Vietnam ist kein Land, sondern Wasser, das der großen Flüsse und das von Menschen geflutete, Kokospalmen, Bananen und Reis, vor allem der, Vietnam ist zweitgrößter Exporteur (nach Thailand). Hier wächst der Reichtum des Landes, geerntet wird er hier nicht, die Eliten der Metropolen saugen ihn ein, Stadt und Land driften stark auseinander.

Aber erst noch einmal ein Halt, eine riesige Verkaufshalle mit all dem Touristenplunder, über den man schon im ganzen Land denKopf geschüttelt hat – Lackmalereien, Stickbilder, Buddhas und Drachen aus Marmor in jeder Größe, ostasiatische Herrgottsschnitzerei halt –, aber es ist nicht nur eine Verkaufshalle, es ist auch eine Behindertenwerkstatt, in der angebliche Opfer von Agent Orange arbeiten. Das sind sie eher nicht, sie sind leicht behindert, das Entlaubungsmittel richtete anderes an, extrem missgestaltete Geburten. Das lag an einer ungewollten Verunreinigung, Dioxin, und der das als Erster publizierte, der US-Amerikaner William Hasseltine, war gerade zum ersten Mal in Vietnam, er bedauert die Vergangenheit in „Word“ – einem aufwendig gemachten Magazin, das gratis in teuren Hotels aufliegt –, und er lobt die Gegenwart, Vietnam sei ein „friedliches Land“. Das ist es, zumindest im Inneren – viele Ethnien und Religionen kommen miteinander aus –, nach außen ist das Bild trüber, die Region rüstet hoch, von China über Japan bis zu den beiden Korea, Vietnam ist dabei, es hat gerade sein erstes U-Boot in Dienst gestellt.

Noch ist es relativ ruhig, geopolitisch. Und für die Reisenden kommt endlich auch Ruhe, absolute, die Ha-Long-Bucht. Mit dem Schiff geht es hinein in eine verwunschene Welt von 2000 Inseln, die als lotrechte Blöcke aus dem Wasser steigen, Dutzende bis Hunderte Meter hoch, lebensfeindlich, aber nicht bedrohlich, als strecke ein gigantischer Drache auf dem Meeresgrund Teile des Rückenpanzers heraus; das klingt auch im Namen an, „Ha Long“ ist der „herabsteigende Drache“. Nun ruht er, Zeit zur Rast, zum Öffnen der Ohren und der Augen auch: In der Behindertenwerkstatt haben sie einen Raubdruck verkauft, „The sorrow of war“ von Bao Ninh. Von dem hat man bei uns noch nie gehört, aber sein Roman über den Krieg ist stark, stärker als der von Remarque. Held ist der Nordvietnamese Kien, er hat das fürchterlichste Schlachten überlebt: „Now we had won, Kien thought, then that meant, justice had won. Or had it, think carefully. And look who won the war.“

Die Frage ist tief gemeint – sie geht auf die Überlebenden, die nicht fertig werden mit ihrem Überleben –, man kann sie aber auch flach verstehen: Wer hat nun gewonnen, Onkel Ho oder Uncle Sam? Onkel Ho kämpfte – erst gegen die Japaner, dann gegen die Franzosen, dann gegen die US-Amerikaner – für die Unabhängigkeit des Landes und den Kommunismus. Erreicht hat er beides, an seinem Kommunismus allerdings – dem, den er in Moskau lernte – wäre das Land fast zugrunde gegangen. Hier triumphierte – und rettete – Uncle Sam. Er ist überall, gerade hat in HCMC die erste Filiale der Ikone der Globalisierung eröffnet, McDonald's. Das mag man bedauern oder begrüßen, je nach Geschmack, so großartig ist die vietnamesische Küche nicht (vor allem beim Fleisch). Wieder empfiehlt sich der gemächliche Gang, diesmal nicht über die Straßen hinüber, sondern an ihnen entlang, mit offenen Augen und Nasen vorbei an unzähligen Suppenküchen mit zwergenhaften Tischen und Sesseln. Irgendwo findet sich Platz – und Feines. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2014)

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