Zorn des Premiers richtet sich gegen YouTube. Die virtuelle Welt ist für Erdoğan die logische Fortsetzung der realen Welt, die er mit Gesetzesänderungen immer mehr zu kontrollieren versucht.
Er hat Fans, und zwar nicht wenige. Dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan folgen auf Twitter über vier Millionen Nutzer, damit gehört er zweifelsfrei zu den Top-Politikern mit den meisten Followern weltweit. Erdoğan ist nicht unaktiv als Twitterer. Hier wirbt er für Bauprojekte quer durch das Land, stichelt gegen die Oppositionsparteien und neuerdings auch gegen seinen ehemaligen Weggefährten, den Prediger Fethullah Gülen. Twitter ist für Erdoğan ein nützliches Instrument, um auf der virtuellen Ebene seine Fans und Follower schnell und direkt anzusprechen. Twitter ist für Erdoğan aber auch eine lästige Angelegenheit, etwa als bei den Protesten im Istanbuler Gezi-Park wenig Schmeichelhaftes über ihn verbreitet wurde. Damals nannte er den Kurznachrichtendienst einen Störenfried.Nun schlägt der Premier in dieselbe Kerbe – und geht einen Schritt weiter.
Erdoğan denkt laut über ein Verbot von Facebook und YouTube nach. In Letzterem wurden mitgeschnittene Telefongespräche veröffentlicht, die ihn in Bedrängnis bringen. Die virtuelle Welt ist für Erdoğan die logische Fortsetzung der realen Welt, die er mit Gesetzesänderungen immer mehr zu kontrollieren versucht. Ist er unzufrieden, droht und handelt der Premier, ob in der realen oder virtuellen Welt. Twitter zeigt seine Haltung wohl am deutlichsten. Anzahl der Personen, denen er folgt: null.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2014)