Putins Propaganda-TV

Russia-Today-Moderatorin Abby Martin übte im Fernsehen Kritik an Moskau.
Russia-Today-Moderatorin Abby Martin übte im Fernsehen Kritik an Moskau.Russia Today

Der TV-Sender Russia Today macht Stimmung für Russland und Putins Ansichten. Kritik kommt auch aus den eigenen Reihen.

Ich kann nicht für einen Sender arbeiten, der von der russischen Regierung bezahlt wird und der die Taten Putins beschönigt. Ich bin stolz, eine Amerikanerin zu sein und glaube an die Verbreitung der Wahrheit. Deshalb kündige ich nach dieser Nachrichtensendung.“ Als wäre es das letzte Thema auf der Liste der aktuellen News kündigte Russia-Today-Moderatorin Liz Wahl diese Woche gefasst ihren Job vor laufender Kamera. Sie arbeitete im Washingtoner Studio des international ausgestrahlten russischen Senders, der nach eigenen Angaben 22 Büros weltweit betreibt – darunter in New York, London und Berlin – und der neben Russisch auch auf Englisch, Spanisch und Arabisch empfangen werden kann.

Russia Today versteht sich als russische Alternative zu CNN, BBC oder Euronews und hat dabei vor allem ein Ziel vor Augen: Stimmung für Russland und Putins Ansichten zu machen. RT, wie der Sender heute heißt, stellt sich ganz in den Dienst der Propagandamaschinerie: Das Gesetz gegen „homosexuelle Propaganda“? Längst nicht so drastisch wie im Westen immer dargestellt! Der Umsturz in der Ukraine? Aktivisten tragen ebenfalls Schuld am Blutvergießen auf dem Maidan. Und der Westen? Der macht sich nach Ansicht von Russia Today der Doppelmoral schuldig.

Um diese Diktion zu verbreiten, macht der Kreml große Summen locker. Der Ende 2005 auf Sendung gegangene TV-Kanal wird aus dem russischen Staatshaushalt finanziert. Im vergangenen Jahr waren es 11,2Milliarden Rubel (umgerechnet 222,5Millionen Euro). Der russische Präsident Wladimir Putin persönlich hat seinen Finanzminister beauftragt, die Finanzierung von RT in vollem Umfang zu garantieren.


Larry King, Julian Assange moderieren. Eigenen Angaben zufolge hat der Sender heute eine Reichweite von mehr als 644 Millionen Zusehern und beschäftigt mehr als 2000 Journalisten. Zu den bekanntesten Moderatoren gehören etwa der legendäre US-Journalist Larry King oder Julian Assange. Der Wiki-Leaks-Gründer moderiert seit 2012 die Talkshow „The World Tomorrow“. Gegründet wurde „Russia Today“ mit dem Ziel, das Image Russlands im Ausland zu verbessern. Der Tenor der Berichterstattung ist jedoch vor allem antiamerikanisch. Das Selbstbild von RT geht allerdings weit über die Rolle eines simplen Kreml-Sprachrohrs hinaus: „Wenn Russland Krieg führt, ziehen wir mit in die Schlacht“, sagte RT-Chefredakteurin Margarita Simonyan im August 2013 in einem Interview für Spiegel Online. Der Sender vermittle „eine alternative Position jenseits des Mainstreams“, behauptet sie.


Zweifelhafte Ansichten. Jenseits des Mainstreams beginnt jedoch oft ein ideologisch zweifelhaftes Terrain. So ist RT-Moderatorin Abby Martin, die diese Woche in ihrer Sendung „Breaking the Set“ den russischen Einmarsch in der Ukraine scharf kritisierte, in der Vergangenheit immer wieder mit Behauptungen aufgefallen, hinter dem Attentat auf das World Trade Center stehe eine Verschwörung der US-Regierung. In Russland störte das niemanden.

Im Gegenteil: Martins Chefin Simonyan macht eine steile Karriere. Sie wurde auch zur Chefredakteurin der neuen Nachrichtenagentur Rossiya Segodnja (Russland Heute) befördert, die aus der Nachrichtenagentur RIA Novosti und dem Radiosender Stimme Russlands entstand, die im Dezember auf Erlass von Präsident Putin aufgelöst wurden. Über Struktur und Inhalt der neuen Agentur wird seit Monaten gerätselt. Die Bestellung von Dmitri Kiselyow zum Direktor lässt aber wenig Spielraum für Interpretationen. Er gilt als Unterstützer der Politik Putins und erregte zuletzt internationale Aufmerksamkeit, als er öffentlich forderte, die Herzen homosexueller Opfer von Autounfällen zu verbrennen, damit diese ja nicht zur Organspende verwendet würden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2014)