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Genmais, Klonen, Sterbehilfe: Die Tabus der Forschung

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Von der anatomischen Verbesserung des Menschen bis zum Fracking: Wissenschaft bewegt sich vielfach in einem Grenzbereich. Sie ist damit nicht zuletzt oft dem Gesetz voraus.

In der Forschung ist man immer dem Gesetz voraus.“ Dieses Diktum ist für Renée Schroeder geradezu selbstverständlich. Wissenschaftler entdecken neue Technologien, bevor sie überlegen, wo und wie die Anwendung erfolgen soll und ob sie überhaupt dem Recht entsprechen. Die RNA-Biochemikerin, die auch Mitglied des Rats für Forschung und Technologieentwicklung ist, skizziert damit, dass Forschern mögliche Tabus bei ihrer täglichen Arbeit nicht präsent sind. Wenn, dann kommen die Probleme erst später.

Zu eben diesem Thema holte der Club Research am Freitag in Wien die Expertisen von Exponenten aus der Wissenschaft ein. „Tabus in der Forschung: Gibt es noch verbotenes Wissen?“, so lautete die Themenstellung. Die Freiheit der Wissenschaft wird seit 1867 im Staatsgrundgesetz garantiert, gleichzeitig sind aber Wissenschaft und Forschung ihrem Wesen nach Überschreiter von Grenzen. Sie streben nach Neuland des Wissens, das Vergangene ist überholt.

Aktuell zählen gerade in Österreich etwa die Problematik der Sterbehilfe oder der Einsatz von Genmais zu äußerst umstrittenen Themen. Oder das Klonen von Menschen: Für Renée Schroeder ist diese Forschung verboten, aber man könne über das Klonen diskutieren, es gebe also kein Tabu. In Österreich tätige Forscher auf diesem Gebiet kennt sie freilich nicht.

Ständige Selektion.
Österreichische Tabuthemen sind vor allem medizinische Bereiche: die anatomischen Verbesserung des Menschen wie bestimmte Eingriffe ins Gehirn und die menschliche Selektion. Dabei, so Schroeder, würde unsere Gesellschaft ständig selektieren und angesichts der knapper werdenden Ressourcen wird die Selektion noch zunehmen. Die Gesellschaft ist heute von vielen Technologien abhängig, aber Menschen, die da nicht mitkommen, fallen ebenfalls unter eine bestimmte Selektion.

Eine menschliche Selektion wird vielfach auch in den ständig von der Politik vorgegebenen Schulversuchen gesehen, wo „mit Kindern Menschenexperimente gemacht werden“ (Felt). Oder es werden Sozialmodelle propagiert, die Menschen benachteiligen wie auch bevorzugen.

Die Diskussion ist freilich nicht auf Österreich beschränkt. Der Widerstand etwa gegen Fracking, Geothermie und gegen CCS-Speicher schadet dem Forschungsstandort ihres Landes, erklärten vor Kurzem die Geowissenschaftler in Deutschland und warnten vor dem Aus für Pilotprojekte.

Ähnliches trifft auch auf Österreich zu. Die Genmais-Zulassung etwa ist zu einem EU-Thema geworden wie der gesamte Sektor Pflanzenschutz. Da prangerten im November des Vorjahres die Sprecher der österreichischen Industriegruppe Pflanzenschutz bei ihrer Tagung in Ossiach eine durch Umweltorganisationen verursachte Innovationsbremse – nicht nur in Österreich – an. Als Folge sei der europäische Anteil an weltweiter Forschung von zuvor 33 Prozent auf nunmehr 7,7 Prozent zurückgegangen.

Bis zur Selbstbeschränkung.
Was bedeuten nun ein Tabu und ein Verbot? Im Club Research tastete man sich Schritt für Schritt an die tatsächliche Situation heran. Für Ulrike Felt, Professorin für Wissenschafts- und Technikforschung an der Uni Wien, sind Tabus keine klassischen Verbote und Regulierungen, sie seien aber dann gegeben, „wenn Forscher explizit Themen nicht aufgreifen möchten“; wenn etwas nicht gesagt und gedacht werden darf. Da sieht Felt „Herrschaftsmittel“ mit im Spiel, also Institutionen (oder Unternehmen oder bestimmende Einzelpersonen), die soziale und politische (nicht parteipolitische) Kontrollen ausüben. Auch die meisten Wissenschaftler selbst würden in Denkkollektiven arbeiten, in denen ein ähnlicher Denkstil und bestimmte Spielregeln bestimmend sind. Sie wollen dazugehören, also ist eine gewisse Selbstbeschränkung die Folge.

Jeder Wissenschaftler ist Teil einer Forschungsgruppe. Felt zitiert hier den „Semmelweis-Reflex“, das ist die Ablehnung bestimmter Hypothesen, ohne sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ursprung war das Kollektiv und das von diesem ausgehende unausgesprochene Tabu. Für den Fortschritt seien aber Tabubrüche äußerst wichtig, sie lösen Diskussionen und in der Folge Veränderungen aus. Tabubrüche sind sozusagen Bestandteil der Wissenschaft. Felt glaubt aber an die Kraft der Forschung: „Wissen ist nicht wirklich aufhaltbar.“

Tabus hat es immer gegeben, die Epoche der Aufklärung hat diese weitgehend beseitigt, freilich sind neue hinzugekommen. „Es gibt viele Fälle von Tabus, die uns gar nicht bewusst sind“, sagt die Biochemikerin Schroeder. Christian Druml, Juristin und Bioethikerin und seit dem Jahr 2007 Vorsitzende der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt, führt den in Österreich fehlenden Diskurs über Beginn und Ende des Lebens an. Es soll und kann zwar sehr wohl geforscht werden – die Frage ist aber, wer von den Ergebnissen erfahren soll, kann und darf.

Im Unterschied zur Medizin und Biologie sieht Doris Steinmüller-Nethl, FEMTech-Expertin und Geschäftsführerin der Technologiefirma DiaCoating GmbH, in der theoretischen Physik keine Tabuschranken. Die Gedanken seien frei. Freilich müsse jeder für sich selbst die Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Allerdings: Die in der Nanotechnologie entwickelten Produkte werden von weltweit agierenden Konzernen vertrieben, und da gehe es nicht mehr um eine Forschungsethik, sondern nur noch um Profit.

Konservative gegen Liberale.
Eine deutliche Abstimmung zwischen Wirtschaft, Politik und Forschung ist nicht vorhanden. Wie bewertet die Gesellschaft Forschungsergebnisse, was ist für sie wichtig? Bei der Reproduktionsmedizin stehen sich Konservative und Liberale diametral gegenüber.

Die Tabufrage ist in der Forschung wie in vielen anderen Bereichen ein gesellschaftspolitisches Thema. Die Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt sollte eine übergeordnete Plattform sein. Sie berät den Bundeskanzler und die Bundesregierung in allen gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen und rechtlichen Fragen aus ethischer Sicht, die sich im Zusammenhang mit der Entwicklung der Wissenschaften auf dem Gebiet der Humanmedizin und -biologie ergeben. Die 25 Mitglieder gaben im vergangenen Jahr Empfehlungen und Stellungnahmen zur Forschung an nicht einwilligungsfähigen Personen und zur Reform des Fortpflanzungsmedizinrechts heraus. Was die Politik daraus macht oder nicht macht, ist freilich eine andere Sache.

Ethik und Forschung.
Die Ethik kann mit dem Recht in der medizinischen Forschung in Konflikt geraten und hat nicht nur die Aufgabe, Grenzen zu setzen. Für Ulrich Körtner vom Institut für Systematische Theologie an der Uni Wien kann es geradezu zu einer moralischen Verpflichtung werden, Forschung auch im medizinischen Grenzbereich zu betreiben. So könne die Ethik fordern, sich verstärkt auf die Erforschung seltener Krankheiten zu konzentrieren.

Es sei naheliegend, dass die Ethik in der klinischen Forschung etwa individuelle Studien begutachtet und damit die Forschung begrenzt, doch man dürfe nicht vergessen, dass sie jene auch begründen könne.

Der Tabubereich beschränkt sich nicht nur auf die Forschung. Ein besonders delikater Tabufall im Bereich der Wissenschaftspolitik spielte sich in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ab: Bei der Wahl zum Präsidenten im Jahr 2006 gab es erst nach fünf Wahlgängen eine Entscheidung. Der umstrittene Wahlvorgang wurde untersucht, das Expertenpapier lag vor – und verschwand in einer Schublade. Es soll erst nach 30 Jahren publik werden.

DRANG ZU NEUEM WISSEN

Grenzen der Forschung. Die Diskussion, was erlaubt ist, wo eine Tabuzone besteht, ist von der gegenwärtigen Forschungsszene nicht wegzudenken. Viele Wissenschaftler fühlen sich hier als Grenzgänger.

Der Club Research ist eine offene Diskussionsplattform, die aktuelle Wissenschaftsthemen aufgreift. Zum Thema „Tabus in der Forschung“ haben Wissenschaftlerinnen (aus Anlass des Frauentages am 8. März ausschließlich weibliche Teilnehmer) über ihre Erfahrungen mit offenen und versteckten Forschungsverboten diskutiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2014)