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Keynes-Biograf Skidelsky: "Arbeit ist ein Weg, sich die Zeit zu vertreiben"

Robert Skidelsky
Robert SkidelskyMichaela Bruckberger
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Keynes-Biograf Robert Skidelsky träumt vom Leben, das sich nicht nur um die Arbeit dreht.

Sie schreiben in Ihrem Buch viel über das gute Leben, das wir führen könnten, weil wir materiell schon alles haben. Was stellen Sie sich genau darunter vor? Wir führen doch schon ein sehr gutes Leben.

Robert Skidelsky: Sicherheit, Respekt, Autonomie, Harmonie mit der Natur, Freundschaft – und vor allem Freizeit, die einem ermöglicht, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Hat man genügend davon, hat man ein gutes Leben. Fehlt etwas, ist das gute Leben nicht komplett.

 

Wirklich? Den meisten Menschen geht es heute aber doch materiell viel besser als den Menschen vor hundert Jahren.

Das stimmt. Aber dem Großteil der Menschen geht es trotzdem nicht gut. Ich werde immer nur von Menschen interviewt, die interessante Jobs haben. Auf Menschen, die bei Pret A Manger (britische Sandwichkette. Anm.) oder im Amazon-Lager arbeiten, trifft das nicht zu. Viele Jobs sind einfach nicht interessant und befriedigend. Aber es stimmt, der wirtschaftliche Fortschritt hat die materiellen Bedingungen für die Menschen verbessert und vereinfacht. Jetzt müssen wir uns überlegen, wie wir das nützen können.

 

Warum führen wir dieses gute Leben dann nicht schon längst?

Weil wir nicht genügend arbeitsfreie Zeit haben. Unsere Leben sind rund um die Arbeit organisiert. Und das kostet. Wenn man die meiste Zeit der Woche arbeitet, hat man nicht genug Zeit für seine Freundschaften, die Familie, es ist nicht gut für die Gesundheit. Und wir respektieren keine ökologischen Grenzen. Menschen müssen das gute Leben auch wollen. Viele Menschen haben Angst davor, viel Freizeit zu haben.

 

Wer sagt, dass wir die zusätzliche Zeit, die durch weniger Arbeit frei würde, auch sinnvoll nützen würden – und nicht nur mit Fernsehen und Trinken totschlagen?

Niemand kann das garantieren. Genauso wenig ist aber gesagt, dass Menschen in ihrer zusätzlichen Zeit nur Unsinn treiben würden. Viel Arbeit ist auch nicht unbedingt erfüllend. Es ist nur ein Weg, sich die Zeit zu vertreiben. Wobei es gewiss angenehmer ist, acht Stunden am Tag vor dem Fernseher zu sitzen als in einem Restaurant zu arbeiten. Früher musste man arbeiten oder man verhungerte. Jetzt gibt es diese Wahl. Eine kleine Gruppe der Gesellschaft hatte immer diese Wahl. Und sie waren nicht alle ständig betrunken. Sie hatten andere Aufgaben: Politik, öffentliche Arbeit, Kunst, Krieg.

 

Wie hängt diese Vorstellung vom Leben voller Muße mit dem Wirtschaftswachstum zusammen?

Es wäre dann nicht mehr so bedeutend. Wir stellen in unserem Buch die Frage, wann es genug ist. Wir wollen das Wachstum nicht abschaffen. Es wird ein gewisses Wachstum geben. Die Bevölkerung wächst, also braucht es das. Aber ich würde nicht davon ausgehen, dass die westlichen Gesellschaften in den nächsten 50, 100 Jahren mehr als ein Prozent im Jahr wachsen werden. Und wir wollen nicht zu viel Wachstum, weil wir an Grenzen stoßen. Physische, ökologische. Wir brauchen auch moralische Grenzen. Wachstum heißt nicht nur, mehr Güter und Dienstleistungen zu produzieren.

 

Aber nur durch dieses Wachstum entstehen Arbeitsplätze.

Ja, natürlich. Aber diese Arbeitsplätze sollen nicht so viel Zeit fressen. Das ist nicht notwendig. Das ist der große Nutzen vom Produktivitätszuwächsen.

 

Viele Menschen können es sich schlicht gar nicht leisten, weniger zu arbeiten.

Es werden auch nicht Millionen wunderbarer Jobs entstehen, weil viele Menschen keine wunderbaren Talente haben. Aber auch die durchschnittlichen Menschen sollten die Möglichkeit haben, weniger zu arbeiten. Ohne finanzielle Einbußen.

 

Wie lässt sich das organisieren?

Das ist eine Frage der Verteilung. Eigentlich ist es logisch: Wenn die Produktivität steigt, sollte die Arbeitszeit bei gleichen Einkommen sinken. Die Gesellschaft muss sich organisieren.

 

Aber wir wollen doch alle konsumieren, also müssen wir arbeiten. Viele Menschen würden nach wie vor mehr Geld zusätzlicher Freizeit vorziehen.

Durch den ständigen Vergleich mit anderen entsteht Gier. Das Feld dafür ist riesig geworden. Früher verglich man sich nur mit Menschen aus dem Dorf, es gab kaum Unterschiede. Der Lord hatte so viel, sich mit ihm zu messen, fing man gar nicht an. Heute vergleicht man sich über das Internet international. Die Menschen stehen ständig unter Druck.

 

Würden Sie den Chinesen, Indern und Vietnamesen auch raten, weniger zu arbeiten? Die fangen gerade erst an, sich ihren Wohlstand zu erarbeiten.

Sie müssen nicht durch denselben Prozess gehen wie wir. Vielleicht lässt der Planet den gleich hohen Lebensstandard für sieben Milliarden Menschen gar nicht zu. In diesem Fall haben wir schwierige Tage vor uns. Entweder sie versuchen, uns etwas wegzunehmen – also Krieg. Oder sie entwickeln sich in eine ganz andere Richtung als die Europäer.

 

Führen Sie selbst das gute Leben?

Teilweise. Ich habe eine liebe Familie, meine Arbeit macht mir größtenteils Spaß. Vieles ist nicht bezahlt, zum Beispiel dieses Interview. Ich werde oft zu prestigeträchtigen Konferenzen eingeladen, die von Banken organisiert werden. Das macht mir keinen Spaß, ich mag die Themen nicht, die sie mir geben. Das ist Arbeit. Vielleicht habe ich noch unbefriedigte Konsumbedürfnisse.

Keynes-Kenner

Robert Skidelsky ist Wirtschaftshistoriker und wurde durch seine monumentale Biografie über John Maynard Keynes bekannt. Mit seinem Sohn Edward schrieb er das Buch „Wie viel ist genug?“. Er war Redner beim heurigen Symposion Dürnstein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2014)