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AMS Wien streicht sinnlose Kurse

Die Presse
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Arbeitslosigkeit. Das Arbeitsmarktservice reagiert auf die anhaltende Kritik an umstrittenen Schulungen. Künftig können Arbeitslose mitbestimmen, an welchen Kursen sie teilnehmen.

Wien. Ein Karriereplanungskurs kurz vor der Pension, Computerschulungen für IT-Experten, überforderte oder gar abwesende Trainer: Die Kritik an den Schulungen des Arbeitsmarktservice (AMS) reißt nicht ab. Das AMS und Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) sprechen von „Einzelfällen". Aber so vereinzelt dürften die Probleme dann doch nicht sein. Denn das Wiener Arbeitsmarktservice reagiert nun auf die Kritik und gestaltet das Kursangebot neu.

Konkret geht es um die Aktivierungskurse, besser bekannt als Bewerbungstrainings. Bislang folgten die Bewerbungskurse einem starren Schema und wurden vom AMS-Berater für den Arbeitslosen ausgesucht. Künftig sollen die Arbeitsuchenden ihre Kurse selbst zusammenstellen. Geplant sind fürs Erste 20 „Kursbausteine", vom Bewerbungsunterlagen-Training über Gehaltsverhandlungen und Präsentationstechniken bis zum Umgang mit Absagen. Das bisherige sei „anscheinend kein passendes Angebot mehr", sagt Petra Draxl, Leiterin des Wiener AMS. Deshalb wolle man das Kurssystem nun auf völlig neue Füße stellen. Abgeschafft werden die Bewerbungstrainings damit aber nicht. Die „wird es weiter geben müssen", so Draxl am Montag vor Journalisten.
Etwa 300 Beschwerden habe es allein beim AMS Wien im Vorjahr gegeben. In den Beschwerden gehe es fast ausschließlich um die umstrittenen Aktivierungskurse, so Draxl. Die Hälfte sei zumindest teilweise berechtigt gewesen. Man gehe jeder einzelnen Beanstandung nach und führe Vor-Ort-Kontrollen durch. Hält sich ein Kursanbieter nicht an die Verträge - zum Beispiel, weil der Trainer während des Kurses abwesend ist oder sonstige Vereinbarungen nicht erfüllt werden -, werden Strafen verhängt. Im Vorjahr summierten sich diese auf 150.000 Euro.

„Nicht alle sind bildungsfähig"

Beschwerden gingen nicht nur an das AMS. Auch die Volksanwaltschaft hat es regelmäßig mit Menschen zu tun, die sich wegen sinnloser oder unzureichender Schulungen beklagen. Daher hat der zuständige Volksanwalt, Günther Kräuter, im Jänner ein amtliches Prüfungsverfahren eingeleitet. Die Neuerungen beim Wiener AMS begrüßt er als einen „Riesenfortschritt" und einen „grundsätzlichen Wechsel im Zugang zu den Betroffenen, die ja sonst zwangsverpflichtet werden", so Kräuter zur „Presse". Anlass für die Prüfung war u. a. der Fall eines 62-jährigen Wieners, der 53 Tage vor seinem Pensionsantritt in einen Karriereplanungskurs geschickt wurde. Kräuter sieht das nicht als „Einzelfall", sondern als Ausdruck eines „eklatanten Systemfehlers". „Jeder Kurs, der von der öffentlichen Hand finanziert wird und in dem Teilnehmer falsch aufgehoben sind oder die Ausbildungen ins Leere gehen, ist Geldverschwendung."

Für viele Arbeitslose geht es ohnehin weniger um die Bewerbung als um die mangelnde Qualifikation. 55 Prozent der Arbeitslosen in Wien haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Mehr als die Hälfte hat Migrationshintergrund, viele können nicht richtig Deutsch. „Von einer guten Grundbildung kann man bei den Arbeitslosen in Wien nicht ausgehen", sagt Winfried Göschl, stellvertretender Geschäftsführer des AMS Wien. Das treffe zwar nicht auf alle Arbeitslosen zu, aber auf einen hohen Prozentsatz. „Es sind nicht alle bildungsfähig." Ob es da viel nützt, wenn sich jemand seinen Kurs selbst aussuchen darf?

Kurse neu ausgeschrieben

Im Zuge der Umgestaltung werden vom AMS Wien nun alle Aufträge neu ausgeschrieben. Bestehende Verträge mit den Kursträgern werden nicht verlängert. Die Kosten für das neue Kursprogramm belaufen sich auf 16 Millionen Euro im Jahr, so viel, wie die „alten" Bewerbungstrainings gekostet haben. Das Gesamtbudget des AMS Wien betrug im Vorjahr 372 Millionen Euro. 2013 wurden damit 100.000 Arbeitslose betreut. Und der Ansturm dürfte nicht geringer werden. Zumindest heuer wird die Arbeitslosigkeit noch steigen. Ob sie nächstes Jahr zurückgeht, hängt davon ab, wie sich die Wirtschaft entwickelt. Ende Jänner erreichte die Zahl der Arbeitslosen in Österreich den Rekord von 450.000. (hie)

 

(Die Presse. Printausgabe vom 12.3.2014)