Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

"Burg"-Reaktionen der Presse: "Generation Gier"

AUSTRIA THEATER
(c) APA/EPA/ROBERT JAEGER
  • Drucken

Auch in Deutschland und in der Schweiz ist die fristlose Entlassung des Burgtheater-Direktors Matthias Hartmann ein Aufreger. Die Zeitungs-Kommentare fallen zum Teil drastisch aus.

Auch in Matthias Hartmanns Heimat Deutschland sowie in der Schweiz, wo man den nun fristlos entlassenen Burgtheaterdirektor in Zürich als Chef des Schauspielhauses erlebte, analysieren die Kommentaren die Causa - teils in scharfem Tonfall.

Ein Presse-Überblick:

"Süddeutsche Zeitung" (Wolfgang Kralicek):

"Ans Burgtheater geholt worden war Hartmann einst vom damaligen Staatssekretär Franz Morak, einem ehemaligen Burgschauspieler. Morak präsentierte ihn damals als Vertreter einer 'neuen Generation von Theaterleitern'. Tatsächlich steht Hartmann für die Generation Gier, der die eigene Karriere im Zweifelsfall wichtiger ist als das Wohl ihrer Mitarbeiter. Zugleich ist Matthias Hartmann die Raubkopie eines Theaterfürsten vom alten Schlag. Er gab sich egozentrisch und großmäulig wie Peymann oder Zadek, konnte diesen Vorbildern aber inhaltlich nicht das Wasser reichen. Wenig Größe zeigte Hartmann dann auch, als es eng wurde: Es ging ihm nur noch darum, seinen Kopf zu retten. Mein Königreich für ein Pferd."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" (Gerhard Stadelmaier):

"Dabei ist dem Egomanen Hartmann, der jetzt so tief fällt, dass man sich fragen mag, wer von ihm überhaupt noch ein Gebrauchttheater kaufen würde, der Hauptfehler aller Ego-Künstler widerfahren: auch dann noch aus dem Vollen zu schöpfen, wenn die Leere bereits gähnt. Das Haus schleppt einen Schuldenberg von 8,5 Millionen Euro mit und schuldet dem Finanzamt rund fünf Millionen aus einbehaltener Abgeltungsteuer, die beim Engagement auswärtiger Gäste fällig wird. Belege wurden gefälscht, zum Teil, wie mehrfach berichtet, mit den Unterschriften von Toten (Schlingensief) versehen; Beträge scheingebucht, Etatlöcher mit Luftbuchungen gestopft."

"Münchner Abendzeitung" (Robert Braunmüller):

"Das 1776 gegründete Wiener Burgtheater gilt als eine der wichtigsten Bühnen im deutschsprachigen Raum. Sollte Hartmanns Kündigung einer Rechtsprüfung standhalten, könnte das Folgen für München haben: Residenztheater-Chef Martin Kusej, der schon eine Reihe von Burgschauspielern abgeworben hat, ist als gebürtiger Kärntner und Professor des Wiener Reinhardt-Seminars ein sehr heißer Kandidat für die Nachfolge."

"Tagesspiegel" (Peter von Becker):

"Die Entlassung Hartmanns ist der vorläufige Höhepunkt eines Finanzskandals, der seit Ende Februar die österreichische Kulturszene erschüttert und in seinen Folgen inzwischen ein zumindest mitteleuropäisches Theaterbeben auslösen dürfte. (...) Die stolze Burg eine Titanic des Theaters?"

"Frankfurter Rundschau" (Ulrich Seidler):

"Ja, richtig gelesen! Der Burgtheaterdirektor ist entlassen worden! Zu solch einer Schlagzeile hat es einst nicht einmal der 1999 in Ehren verabschiedete Skandalsucher Claus Peymann gebracht. Jetzt muss der ungleich bravere Matthias Hartmann wegen eines Millionendefizits gehen. (...) Ostermayer hatte die Pferde ruhig gehalten und sich hinter Hartmann gestellt, so lange sich externe Buchprüfer durch die unübersichtlichen, lückenreichen und wohl auch gezinkten Bilanzen wühlten. Nun ist das Gutachten erstellt und der Schleudersitz entsichert."

"Stuttgarter Zeitung" (Mirko Weber):

"Wie unverhältnismäßig teuer Hartmanns Theater tatsächlich war, schien der Intendant, dem Großherrlichkeit wenn nicht Größenwahn stete Begleiter gewesen sind, erst im letzten Jahr vage erkannt zu haben, als er bei Burgtheaterfeierlichkeiten darauf aufmerksam machte, dass Österreich sich seine Vorzeigebühne wohl bald nicht mehr leisten könne. (...) Hartmann jedenfalls igelte sich sofort ein wie Richard III., dessen Leben in der Fassung von Hans Henny Jahnn heute Premiere hat (Regie: Frank Castorf, auch kein Billig-Import)."

"Tagesanzeiger":

"Lief in Zürich alles korrekt? Sollte Hartmann nun tatsächlich vor Gericht gehen, wird dort auch seine Zeit in Zürich aufgerollt werden. In den vergangenen Tagen wurde bekannt, dass er bereits von 2006 bis 2009 Geld aus Wien bekommen hatte: als Vorbereitungshonorar und für eigene Inszenierungen, die er aus Zürich ans Burgtheater mitnahm. Das Geld wurde ihm bar ausgezahlt und in Wien von Stantejsky aufbewahrt. Er habe damals noch kein Konto in Österreich gehabt, rechtfertigte sich Hartmann: Es sei jedoch alles ordentlich versteuert worden. Hartmann war damals noch in Zürich steuerpflichtig."

"Die Welt" (Karin Cerny):

"Dass Hartmann allein Kraft seines Amtes eine Mitverantwortung an der Finanzmisere des Burgtheaters zu tragen habe, wollte er partout nicht einsehen. Sein bisheriges Lebensmotto hatte doch immer bestens funktioniert: Die Leute wollten ein Großmaul, Hartmann gab den Intendanten, der sich niemals selbst in Frage stellt. Aber beim fehlenden Geld hört schließlich sogar im heurigenseligen Wien die Musi auf. Ostermayer begann seine Amtszeit nämlich erstaunlich schnörkellos und unösterreichisch: Er teilte der versammelten Presse mit, dass Hartmann entlassen worden wäre."

"Neue Zürcher Zeitung" (Barbara Villiger Heilig):

"Die Amtsenthebung des Direktors ist ein Novum in der Geschichte des Burgtheaters und nach der wüsten Eskalation um die liederliche Buchführung - der KPMG-Bericht darüber lässt sich online studieren - ein drastischer Showdown. Demnächst dürfte es nun um Schadensbegrenzung gehen, damit die Kunst nicht unter die Räder gerät."

(APA)