Potsdamer Platz: "Wir sind einfach nicht gut genug"

Da sich das "Wunder von Bern" nicht wiederholte, erlosch mit Schlusspfiff auch die Partylaune - ein Fußball-Abend in Berlin.

BERLIN. Rausgeknödelt, aus der Traum! Deutschland ist nur noch Mittelmaß, wie die Wirtschaft, so auch der Fußball. Von wegen Deutschland sei eine Turniermannschaft, raunten ältere Mitglieder der bangenden Fußball-Gemeinde zu. Manche von ihnen, mit einem Hang zur Ironie ausgestattet, schon augenzwinkernd. Unverstellte Begeisterung konnte dennoch erleben, wer zum Potsdamer Platz im Herzen Berlins pilgerte. 2000 Menschen in Fußballdressen und schwarz-rot-gelber Kriegsbemalung drängten sich vor einer Großleinwand, jubelten und trösteten den Fernsehbildern zu, als hätten sie per umgekehrter Satellitenübertragung televisionär Einfluss nehmen können auf ihre Mannschaft.

Kurz vor 20 Uhr gellte erstmals ein Pfeifkonzert durchs in Glas und Stahl gefasste Oval. Osama bin Laden war auf dem Bildschirm aufgetaucht, nur ein schwacher Auftakt zur Begleitmusik, mit der die in Flaggen und Bierfahnen gehüllten Anhänger wenig später das Spiel verfolgten. Die Stimmung war aufgeheizt. Als zwischendurch ein stürmisches Hagelgewitter durch die Hochhausschluchten im ehemaligen Todesstreifen an der Berliner Mauer brauste, fassten es die wackeren und wetterfesten Fans als Herausforderung auf, nicht als böses Omen. Irgendwie glaubten sie an den Sieg.

Einer lief mit einem Fußball-Leibchen, Stil der 54-er-WM, herum, auf dem in antiquierter Schrift "Wunder von Bern" stand. Warum sollte es nicht wieder, 50 Jahre danach, klappen? Jetzt wollten alle an ein Wunder glauben. Um 21:06 Uhr lagen sich im Sony-Center 2000 Menschen hüpfend und schreiend in Armen. Schweinsteiger hatte den Ball abtropfen lassen, Ballack schoss unhaltbar zum 1:0 ein. Ein herrliches Tor.

Doch nur die Jubelmasse auf dem Potsdamer Platz setzte nach, nicht die Kicker. "Wayne Rooney", grölte ein Betrunkener unter der Ausschank des "Lindenbräu" hervor. Ja, so einen Brummer hätten die Deutschen bitter nötig gehabt. Doch sie hatten nur Kuranyi. Und in Minute 30 waren alle deutschen Schlachtgesänge blitzartig verstummt - Marek Heinz hatte seinen Freistoß zum 1:1 versenkt. Ausgerechnet Heinz, der weder bei HSV noch Bielefeld sonderlich aufgefallen war. Der Blick wanderte umher im Ersatzstadion, blieb an einem Filmplakat für "Hanging in the Ropes", dem neuen Streifen mit Meg Ryan, hängen - aber auch Deutschland hing in den Seilen.

Nach Wiederanpfiff fasste die Fangemeinde neuen Mut. Lukas Podolski, 19-jähriger Kölner Wunderknabe, kam, der Tausch wurde mit Freudenschreien quittiert. "Ruuudi!" Es folgte die Drangperiode der Deutschen, der Stangenschuss Ballacks, Schneiders Schüsschen aufs leere Tor. Keiner konnte es fassen, alle schrieen vor Enttäuschung. Dennoch wollten sie an ihr Team glauben, bis Baros zum 1:2 einnetzte.

Sofort senkte sich der Lärmpegel, zogen die ersten gesenkten Haupts von dannen. Und ein Leidgenosse schüttelte den Kopf. "Wir sind einfach nicht gut genug."

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