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Luisa Spinatelli: Vogelperspektive

(c) Christine Pichler
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Nicht zum ersten Mal stattet Luisa Spinatelli eine „Schwanensee“-Produktion aus. In der Staatsoper folgt sie nun der Devise: Leicht und luftig möge es sein.

amt und Seide, fließend wie Wasser, Velours, schmeichelnd und schwerelos, Chiffon, lichtempfindlich wie Glas. Zart wie Schwanenfedern sind die Stoffe, die Luisa Spinatelli für die neue Ausstattung von Rudolf Nurejews Choreografie des Balletts „Schwanensee“ ausgesucht hat. Sanfte Farben, gedämpftes Licht, schimmerndes Wasser schaffen eine Atmosphäre zwischen Tag und Traum. Das Märchen von der verzauberten Prinzessin im Schwanengefieder nimmt seinen Anfang. Vier Akte später schlagen die Wellen des Sees hoch. Schwan bleibt Schwan. Wahre Liebe gibt es auch im Märchen nicht. Wie viele Variationen des Ballettklassikers Spinatelli schon ausgestattet, wie viele Prinzen und Schwäne sie schon eingekleidet hat, weiß sie nicht genau. „Sechs oder sieben“, sagt sie wegwerfend und ist ganz auf ihren aktuellen „Lago“ (Italienisch für „Schwanensee“: „Il lago dei cigni“) konzentriert. Blatt um Blatt des mit zarten Wasserfarben und feinem Pinsel gemalten Bühnenbilds breitet sie liebevoll aus, präsentiert die winzigen Figurinen des Prinzen, des weißen Schwans Odette und der verführerischen schwarzen Odile, zeigt Hofdamen mit gotisch anmutendem Kopfputz, die Königin in royalem Blau und die weit gespannten Flügel des Adlers, der sie für das Kostüm Rotbarts, des bösen Zauberers, inspiriert hat. „Greifen Sie den Stoff an, hier die Applikationen, kein Gewicht, nichts beschwert die Tänzerinnen und Tänzer.“

Weg mit dem 19. Jahrhundert. Wie schwierig ist es, wenn man gerade einen „Schwanensee“ in Berlin ausgestattet hat und einen anderen in Russland, gleich wieder neue Ideen zu gebären? „Ich lasse mich jedes Mal ganz von Neuem auf die Geschichte ein.“ Mit dem Choreografen kann sie nicht mehr sprechen, Rudolf Nurejew ist vor mehr als 20 Jahren gestorben. „Il direttore Legris, er hat mir gesagt, was er will: weg vom 19. Jahrhundert, keine störenden Säulen, kein schweres Material.“

Also weg mit den alten Zöpfen, aber auch nichts zu Heutiges: „Es ist ein Märchen. Die Kostüme sind eine Mischung aus Renaissance und Gotik mit zeitgemäßem Touch. Alles ist leicht und luftig, es gibt sogar Brokatstoffe, die man kaum spürt. Das Wichtigste aber ist, dass die Kostüme gut sitzen, elastisch sind, damit die Ballerinen sich bewegen können.“ „Eine barocke Ausstattung“, sagt Spinatelli, „ das wäre nicht schwer, einfach üppiges Dekor, ohne zu sparen.“ Sie aber liebt die Einschränkung, zieht es vor, zu reduzieren, „bis das Wesentliche übrig bleibt.“ „Il Lago“ ist die dritte Arbeit, die Spinatelli für die Wiener Staatsoper macht. Als Roland-Petit-Kennerin erhielt sie den Auftrag, das 2009 in Wien vom Choreografen selbst neu bearbeite Ballett „Die Fledermaus“ auszustatten. Und erst kürzlich hat sie Donizettis „Anna Bolena“ und deren Entourage eingekleidet. „La Spinatelli“, als Kostüm- und Bühnenbildnerin an der Mailänder Accademia di Brera ausgebildet, kennt die Bühnen der Welt. Ob London oder Zürich, Verona, Berlin oder Tokio, Moskau oder Peking, ihre sorgfältige Arbeit, ihr unverwechselbarer Stil sind international bekannt und begehrt. Das erste Bühnenbild entwarf sie 1965 an der Mailänder Scala für das Ballett „Francesca da Rimini“ zur Musik von Tschaikowsky.

Lichtspiele mit Tüll. Seitdem lässt das klassische Ballett sie nicht mehr los, auch wenn sie immer wieder mit Theater- und Opernregisseuren wie etwa Giorgio Strehler zusammengearbeitet hat. Für ihre Ausstattung des Berliner „Schwanensees“ in der Choreografie von Patrice Bart wurde sie 1997 mit dem Ballett-Oscar „Prix Benois de la danse“ ausgezeichnet; 2005 erhielt sie für die Ausstattung von „Raymonda“ (Alexander Glasunow/Marius Petipa) in Tokio den nach der Begründerin des Balletts in Japan benannten Preis Akiko Tachibana. In Wien arbeitet La Spinatelli, die von sich gern in der dritten Person spricht, mit Vergnügen: „Hier funktioniert alles, pünktlich, akkurat und freundlich. Legris mischt sich auch nicht drein. Er hat einmal meine Entwürfe angesehen und sich sehr angetan gezeigt.“ Was Legris für das Gastspiel verlangt hat, war ein transportables Bühnenbild. Er und Spinatelli kennen einander schon viele Jahre: „Ich habe ihn, als Étoile in Paris, für viele Rollen eingekleidet.“ Am liebsten ist es ihr, wenn sie, wie diesmal, die Generalin ist, die Kostüme und das Bühnenbild entwerfen darf: „Das ist doch keine Frage“, sagt sie und zeigt den Entwurf für die Schlossterrasse im ersten Akt.

Die führt direkt auf den See. „Der See ist quasi immer vorhanden, er ist das Zentrum der Geschichte, einmal ruhig und dann wieder sehr bewegt. Der Himmel und das Schloss spiegeln sich darin.“ Das Wasser, lichtdurchlässig, trügerisch, und den Vogelflug, luftig, fragil, hatte sie als Idee stets im Hinterkopf. Und Ludwig II. von Bayern, der „Schwanensee“ nie gesehen, sich aber den Schwan zum persönlichen Wappentier gewählt hatte. So erinnert die Außenansicht des königlichen Schlosses an Ludwigs Schloss „Neuschwanstein“. Ein Schwarm fliegender Schwäne, auf Tüll gemalt, gibt auf dem transparenten Zwischenvorhang während der Ouvertüre das Thema vor. Auch die Tutus der Schwäne sind aus Tüll, im Licht opak und konkret: „Im Gegenlicht wird der Stoff fast unsichtbar. Wenn die weiße Schwanenprinzessin beim Ball im dritten Akt im Hintergrund erscheint, ist sie da und doch nicht da.“ Die Choreografie Nurejews kann und will sie nicht verändern. „Aber ich habe einige Distanzen verbessert, es ist jetzt mehr Platz.“ Was ist mit dem Schluss, den hochgetürmten Wellen, die den treulosen Siegfried verschlingen? Die Antwort kommt spontan: „Der bleibt. Mit dem original blauen Tuch. Als Hommage an Nurejew.“

Tipp

„Schwanensee“, Premiere: 16. 3., Staatsoper. Weitere Vorstellungen: 18., 20., 21., 28. 3.; 6., 13., 26. 4. www.wiener-staatsoper.at