Die Faszination des Reisens scheint ungebrochen. Nie waren laut der Welttourismusorganisation UNWTO mehr Touristen unterwegs als 2013. Und zwar 747 Millionen weltweit allein in den ersten acht Monaten.
Die Faszination des Reisens scheint ungebrochen. Nie waren laut der Welttourismusorganisation UNWTO mehr Touristen unterwegs als 2013. Und zwar 747 Millionen weltweit allein in den ersten acht Monaten. Das sind fünf Prozent oder 38 Millionen mehr als im gleichen Zeitraum 2012. Durchwegs war Optimismus spürbar; selbst Länder, die in letzter Zeit von Krisen, Kriegen und Katastrophen gebeutelt wurden, haben Aufwind.
So feiert vor allem Griechenland ein großes Comeback. Andreas Andreadis, Präsident des griechischen Tourismusverbands, versichert, dass die früher oft überhöhten Preise jetzt sogar unter dem Niveau der Türkei lägen. TUI kolportierte Buchungszuwächse von 28 Prozent für Griechenland, Dertour sprach von mehr als 30 Prozent, auch Neckermann freute sich über ein zweistelliges Wachstum. Treu bleiben die Urlauber weiterhin Spanien, vor allem Mallorca, die Iberer dürften heuer laut Veranstalter ein Rekordjahr erleben.
Ägypten muss indes weiter auf die Rückkehr der Gäste hoffen. Statt nach Sharm-el-Sheik schicken die Veranstalter ihre Gäste einstweilen nach Hurghada – Kairo wird auf Rundreisen noch großräumig umfahren, Nilkreuzfahrten sind erst wieder ab Herbst geplant.
Neben Griechenland heißt der Megatrend Fernreisen, die wegen des günstigen Dollarkurses einen Boom erleben. Zu den Gewinnern zählt das diesjährige ITB-Partnerland Mexiko, das gern von den beliebten Traumstränden in Cancun, Acapulco und Puerto Vallarta zu weniger bekannten Plätzen im Inland locken möchte. Very happy zeigen sich auch die USA. Ein „Bombenjahr“ erwartet etwa Tilo Krause-Dünow, Chef des Nordamerika-Spezialisten Canusa.
Aufbau einer Touristenpolizei
Zum Thema Sicherheit für Frauen in Indien erklärt Tourismusminister Chiranjeevi, dass inzwischen 13 Staaten eine Touristenpolizei gebildet haben. Zusätzlich wurde ein Verhaltenskodex für sicheren Tourismus erarbeitet. Unter dem Dach von „Forum anders Reisen“ inspirieren Spezialveranstalter zu ausgefallenen Touren bis in die entferntesten Winkel der Erde – verbunden mit spannenden Begegnungen, häufig umweht von einem Hauch von Abenteuer oder gar freiwilliger Mitarbeit bei diversen Projekten in Entwicklungsländern.
Immer mehr Reisende interessieren sich für Aufenthalte bei Einheimischen. Lang ist es her, dass ein frierender Herr aus Papua Neuguinea im Lendenschurz und mit Speer im Schnee auf seinen Bus vor den ITB-Hallen gewartet hat. Heute kommen die Touristiker im Anzug, und auch in ihrer Heimat wird der Schurz nicht mehr angelegt. Trotzdem lohnt sich der Aufenthalt in den Dörfern: „Besucher gehen mit den Dorfbewohnern zum Fischen und Feuerholzsammeln und nehmen an den traditionellen Spielen teil“, erzählt Pym Mamindi von Paiya Tours.
Der südamerikanische Staat Surinam ist stolz auf die größte Stadt aus Holz in der Karibik – die Hauptstadt Paramaribo, ein Unesco-Weltkulturerbe. Rund drei Stunden Bootsfahrt auf dem Upper Surinam River entfernt leben rund 10.000 Menschen im Dschungel. Gästehäuser nehmen Traveller auf, die mit den Bewohnern Baumwolle spinnen oder den seltenen blauen Frosch bestaunen.
Auf sanften Tourismus setzt auch der Fremdenverkehrsdirektor von Dschibuti, Mohamed A. Wais, indem er nicht mehr als 60.000 Besucher pro Jahr zulässt. „Wir haben keine Industrie, keine Diamanten, kein Öl“, sagt er. „Doch wir sind reich an herrlicher Natur, an unberührter Unterwasserlandschaft.“ Nach 22 Jahren Abstinenz war neben Dschibuti, Haiti und den Komoren auch einer der kleinsten Staaten Europas, Gibraltar, wieder auf der ITB vertreten. Der „Affenfelsen“ präsentierte sich wegen der fehlenden Mehrwertsteuer vor allem als lukratives Shoppingziel.
Zum ersten Mal zog es auch die kleine Insel Mayotte nach Berlin. Am 1. Januar 2014 trat das französische Übersee-Départment der EU bei, die sich jetzt über ein tropisches Inselparadies freuen darf. Das 374 m2 große Eiland zwischen Mozambique und Madagaskar ist wegen seines intakten Korallenriffs und der Wasserschildkröten in der schönsten Lagune des Indischen Ozeans vor allem bei Tauchern beliebt.
Trendy ist auch purer Luxus, den man sich immer öfter zumindest einmal im Jahr gönnt. So können Südseeträumer die Sinnlichkeit, die der exzentrische Marlon Brando einst auf Tetiaroa fand, in The Brando Hotel Tahiti nachempfinden. Immer stärker nachgefragt sind auch stylische Ferienwohnungen als Alternativen zum Strand- oder Stadthotel. Allein in Berlin vermittelt die Agentur HouseTrip 1277 schicke Apartments. In Dubai nimmt der österreichische Investor Josef Kleindienst wieder Fahrt mit dem künstlichen Inselprojekt „The World“ auf, indem er für die sonnenverwöhnten Araber Schnee und Regen fallen lässt. Wie wohl sich dem Sauwetter frisch entronnene Mitteleuropäer dabei fühlen, sei dahingestellt.
Als „Hauptstadt der islamischen Kultur“ präsentiert sich das Emirat Sharjah. Auch Kultur steht höher im Kurs bei den Urlaubern als je zuvor. Diesem Wunsch wird etwa Flandern mit einer Rubens-Ausstellung in Brüssel gerecht. Auf 160 Exponaten werden im Palast der Schönen Künste Bozar Lust, Gewalt, Macht, Mitgefühl, Eleganz und Poesie präsentiert, darunter auch auf Werken von Rubens-Schülern (25.9. bis 4.1.2015). Familienporträts sind vom 28.3. bis 28.5.2105 im Rubenshaus, Antwerpen, unter dem Motto „Rubens privat“ zu bewundern.
Eine ganze Halle war dem nachhaltigen Tourismus gewidmet. Auf die Gefahren des „Waisenhaustourismus“ wies ECPAT hin, die Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung. „Kinder dürfen nicht als touristische Attraktion zwischen Safari und Badeurlaub benutzt werden“, mahnt Jana Schrempp.
Was wäre die ITB, ohne dass ein Veranstalter total abhebt? Auf Flügen in nie gekannte Sphären etwa, wie Virgin Galactic, die erstmals in diesem Jahr ins All starten. 600 Weltraumtouristen haben den ca. dreistündigen Flug inklusive drei Minuten Schwerelosigkeit bereits gebucht. Um den „Schnäppchenpreis“ von 250.000 US-Dollar. Aber mit Aussicht auf die Erkenntnis von Ex-Astronaut Ulrich Walter: „Vom All erkennst du, dass die Natur alles ist und der Mensch gar nichts.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2014)