Meine Brust, mein Krebs, oder? Mammografie – eine Groteske

Ein neues Programm zur Früherkennung von Brustkrebs kann Ihre Gesundheit gefährden. Bei Nebenwirkungen können Sie Krankenkasse oder Arzt nicht fragen.

Mit einer Überraschung kann dieser Tage der Arzt Ihres Vertrauens aufwarten: Überweisungen für die Mammografie zur Kontrolle und Früherkennung von Brustkrebs kann er nicht mehr ausstellen. Tut ihm leid. Die Übergangsfrist ist abgelaufen. Seit 1. Jänner 2014 gibt es nämlich dieses neue Programm und Mammos generell nur mehr auf Einladung alle zwei Jahre. Es sei denn ... doch davon später.

Vorerst aber eine Feststellung: Offiziell ist das Brustkrebs-Früherkennungsprogramm für all jene Frauen ein Segen, die aus Nachlässigkeit oder welchen Gründen auch immer den Weg in das Röntgeninstitut nicht geschafft haben. Jetzt werden sie zwischen dem 45. und 69. Lebensjahr extra dazu eingeladen. Das wäre eine wirklich gute Sache.

Wäre. Die Kosten für die als gesundheitspolitische Großtat angepriesene Maßnahme holt man sich auf der anderen Seite durch Beschränkungen, die ein Gesundheitsrisiko bedeuten, wieder herein. Außerdem wurde mit der Aktion ein neues Bürokratielabyrinth geschaffen, in dem man sich verirren kann und dessen Kosten mögliche Einsparungen sicher übersteigen.

Folgen Sie mir dorthin: Die simple Frage, warum der Arzt des Vertrauens keine Überweisung mehr ausstellen darf, führt zuerst in die Wiener Gebietskrankenkasse. Kurze Verweildauer. Es gebe da etwas Neues, man möge sich an die Hotline (0800 500 181) wenden. Dort ist ein junger Mann extrem freundlich. Lange Verweildauer! Nein, es stimme nicht, dass Ärzte nicht mehr zuweisen dürften. Doch! Doch? Nach einer längeren Unterhaltung dann das Eingeständnis, man verwalte die Hotline nur, man arbeite nicht für das Programm. Tut ihm leid.

Bitte die Ärztekammer zu kontaktieren. Ganz kurze Verweildauer! Eine sehr widerwillige Dame vom Patientenservice bietet eine Broschüre an und verweist auf die Gebietskrankenkasse. Tut ihr gar nicht leid. Also alles retour? Wie Karl Valentins „Buchbinder Wanniger“? Das kann man sich sparen. Die Sache ist nämlich ganz einfach, wenn auch nicht ungefährlich für Frauen mit erhöhtem Brustkrebsrisiko, deren jährliche Mammografie zu ihrer Vorsorge gehört. Warten sie zwischen dem 45. und nach dem 69. Lebensjahr auf eine „Einladung“ alle zwei Jahre, kann es zu spät sein. Wer übernimmt dann die Verantwortung?

Bestehen sie in diesem Zeitraum sowie davor und danach auf einer jährlichen Kontrolle, dann müssen sie den Arzt des Vertrauens zu einer Unwahrheit verleiten. Denn dieser muss dann bei einer Überweisung Auffälligkeiten oder Schmerzen anführen, auch wenn es gar keine Veränderung gegeben hat und es sich nur wie bisher um eine Routinekontrolle wegen außergewöhnlichen Risikos handelt. Es bedarf nicht allzu großer Fantasie, wie die Kasse mit jenen Ärzten verfährt, die trotz neuen „Programms“ auffällig viele Mammos anordnen. Das wird die Bereitschaft der Ärzte bei Frauen mit familiärer Belastung auch drastisch reduzieren.

Ob Frauen mit Angst vor der eigenen Familiengeschichte, die entweder zu jung oder zu alt für das offizielle Programm sind und auf einer Kontrolle alle zwölf statt 24 Monate bestehen, sich auf irgendeine Weise in die offizielle Früherkennungschleife hineinreklamieren können, war nirgends zu erfahren. Dass Mammos ja auch nicht so gesund seien oder die Untersuchung ja selbst bezahlt werden könnte, schon. Wo ist da die Logik? Die Kosten für die Allgemeinheit bei Erkrankung sind später um ein Vielfaches höher. Kostenlose Zahnspangen jetzt wichtiger?

Das Schlimmste daran aber ist die Bevormundung und Täuschung: Hinter der Nebelwand der Früherkennung geht wieder ein Stück Selbstbestimmung verloren. Nur die offizielle Einladung zum Screening ist jetzt die „Zugangsberechtigung“. Wann und wie eine Frau „berechtigt“ ist, sich um ihr Krebsrisiko zu kümmern, bestimmt sie nicht mehr selbst, sondern eine neue Bürokratie. Meine Brust, mein Risiko, mein Krebs – oder?

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Zur Autorin:

Anneliese Rohrer
ist Journalistin in Wien: Reality Check http://diepresse. com/blog/rohrer

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2014)