Was mit einem Geplänkel zwischen katholischen und griechisch-orthodoxen Geistlichen begann, führte 1853 zum Krimkrieg. Zar Nikolaus I. hoffte, vom kränkelnden Osmanischen Reich zu profitieren.
Groß und stramm steht er da, trägt einen reich verzierten Mantel, ein Schwert und ein riesiges Teleskop in den Händen, mit dem er in eine Landschaft schielt, auf der in Großbuchstaben „Europe“ steht. Zar Nikolaus I. ist auf dieser und den anderen Zeichnungen des französischen Illustrators Gustave Doré ein finsterer und kompromissloser Herrscher. Doré, er gilt als Urvater des Comics, beschreibt Wesen und Wirken des Zaren, indem er in dieser Zeichenserie ein Gespräch zwischen ihm und einem Bojaren wiedergibt. Er dichtet: „Als Zar Nikolaus der Gute / Krieg begann mit kühnem Mute / Fragte ein Bojar: / Glaubt Ihr nicht, mein Zar / Dass der Feind sich auch sehr wehrt? / Nikolaus hierauf belehrt / Den Vermessenen empört: / Ich bin unüberwindlich!“
Es ist 1854, und dieser „Comic“, erschienen in der „Historie vom heiligen Russland“, hat einen bestimmten Zweck: die Franzosen auf den bevorstehenden Krim-Krieg vorzubereiten. Humoristisch, aber triefend vor Klischees zeichnet Doré – buchstäblich – das Bild eines barbarischen russischen Volks. Dabei wird Frankreich Napoleon III. den bevorstehenden Feldzug Richtung Krim nicht wirklich übelnehmen. Den Grund dafür skizziert Doré mit spitzer Feder: Ein Franzose stopft einem Russen gewaltsam die Zahlen 1812 in den Mund. Es ist das Jahr des Russland-Feldzuges, bei der Napoleons Grande Armée von den Russen schmachvoll geschlagen und vertrieben wurde. Rund 40 Jahre flammt nun die Möglichkeit einer Abrechnung auf, so zieht Frankreich mit Pauken und Trompeten auf die Krim, gemeinsam mit England und dem Osmanischen Reich, um den ersten modernen Krieg der Geschichte zu führen. Die Auseinandersetzung dauert von 1853 bis 1856, und als Folge wird Russlands Position im Orient geschwächt, Frankreich legt einen kurzzeitigen Höhenflug auf dem europäischen Parkett hin, und in England wirbelt der Einsatz die Politik und Zivilgesellschaft massiv auf. Nicht zuletzt verhindert diese kriegerische Auseinandersetzung, dass das Osmanische Reich einen schnellen Tod stirbt.
Gendarm Europas. Im Reich des Sultans – auf dem Thron sitzt der laut Zeitgenossen melancholisch erscheinende Abdülmecid I., der sich zwar reformwillig zeigt, aber nur halbherzig – liegt auch die Saat des Krim-Krieges. Das Osmanische Reich hat zu diesem Zeitpunkt seinen Zenit bereits überschritten und gilt als der „Kranke Mann auf dem Bosporus“, dessen Zerfall nur noch eine Frage der Zeit sein konnte. Das wusste auch der Zar, der zunächst die Schwarzmeerregion, dann Konstantinopel im Visier hatte – das Herzstück des dahinvegetierenden Reichs der Sultane. Bereits zuvor war der Expansionsdrang von Nikolaus I. zutagegetreten, etwa in den Regionen Iran und Armenien, und seine Präsenz auf den Feldern brachte ihm den Beinamen „Gendarm Europas“ ein. Was weder England noch Frankreich noch das Osmanische Reich wollte, war einen außer Rand und Band geratener Zar.
Konkret aber entflammte sich der Konflikt weitab des Schwarzen Meeres, an einem laut Historikern trivialen Geplänkel zwischen Geistlichen im Heiligen Land („Mönchsgezänk“). Katholische und griechisch-orthodoxe Kleriker stritten unter anderem um den Schlüssel zur Geburtskirche in Bethlehem und um das Vorrecht für Messen in der Jerusalemer Grabeskirche. Dieser Streit wurde auf einem Land ausgetragen, das dem Sultan gehörte, rief aber den Zaren auf den Plan, der sich als Beschützer der rund 13 Millionen Orthodoxen sah, die im Osmanischen Reich lebten. Für die Katholiken bezog Frankreich Stellung. Der Sultan saß zwischen den Stühlen, gab beiden Seiten widersprüchliche Versprechen und verursachte dadurch eine handfeste russisch-französische Krise.
Der diplomatische Eiertanz fand dabei in Konstantinopel statt: Der Zar hatte als Verhandler den eingebildeten und prahlerischen Alexander Sergejewitsch Menschikow geschickt, der dem Sultan immer mehr Forderungen abzuverlangen suchte. England und Frankreich stellten sich hinter die Hohe Pforte, bis Nikolaus schließlich den entscheidenden Schritt setze: Im Juli 1853 besetzte er die unter osmanischer Hoheit stehenden Fürstentümer Moldau und Walachei. Drei Monate später brach der Krieg zwischen Russland und dem Osmanischen Reich offiziell aus.
Wien als Vermittler. Österreich kam in dieser Konstellation insofern ins Spiel, als es die Rolle des Vermittlers annahm. Empfindlich getroffen von der letztlich gescheiterten Revolution 1848 konnte Österreich nichts weniger als einen europäischen Krieg gebrauchen, der vor der eigenen Tür – auf dem Balkan – einen potenziellen Schauplatz hatte. Die Bemühungen Wiens waren insofern fruchtbar, als sich die Russen von den Donaufürstentümern zurückzogen und von kaiserlichen Truppen ersetzt wurden. Dass sich Österreich als Nichtkriegsteilnehmer in den Ort des Geschehens hineinschob, hemmte letztlich eine kriegerische Auseinandersetzung. Die Aufmerksamkeit der Alliierten wandte sich daher zur Krim, zu dem wichtigen Hafen Sewastopol.
Zuvor konnte die russische Flotte vor dem türkischen Hafen Sinop einen ersten Sieg erringen, als es die dortige osmanische Flottille verheerend schlug und in Brand setzte. Dieser Sieg empörte die englische Presse derart, dass sie einen beispiellosen Feldzug auf dem Papier begann, was die Entsendung britischer Truppen beschleunigte (der Krim-Krieg wurde gewissermaßen auch auf der Fleet Street ausgetragen – dazu später mehr). England und Frankreich traten in den Krieg ein, und ab dem Frühling 1854 begannen die Auseinandersetzungen auch auf dem Wasser. Das Schwarze Meer war dabei nur ein Schauplatz, etwa neben der Ostsee und dem Hafen vor Sankt Petersburg.
Gegen Ende des Jahres 1854 versuchten die Alliierten, Sewastopol einzunehmen. Auf der nördlichen Seite war die Stadt befestigt, eine teilweise Belagerung gelang vom Süden her. Der Kampf um die Stadt führte zur Schlacht von Balaklawa (Oktober 1854), der für die Briten verheerend endete, die Belagerung Sewastopols aber nicht zu beenden vermochte. Ein Jahr dauerte der Kampf um die Stadt, ehe die russischen Truppen die Stadt aufgeben mussten.
Im südlichen Kaukasus, wo die Soldaten des Zaren gegen osmanische Truppen kämpften, verzeichnete Russland mehr Erfolge, was den Verlust Sewastopols zunächst wettmachte. Auch wenn die Scharmützel eine Fortsetzung fanden – der neue Zar Alexander II. ließ sich nicht für den Krimkrieg begeistern. Im März 1856 wurde in Paris Frieden geschlossen.
Keine Zensur. In den jeweiligen Ländern wurde der Krimkrieg verschieden dargestellt und interpretiert. In England war der Einsatz von Anfang an eine öffentliche Angelegenheit. Die Presse wurde nicht zensiert, eine Flut von Berichten, Karikaturen, Kommentaren und Bildern gelang in die Hände aller Schichten der Bevölkerung. Die Berichte über die katastrophale Versorgungslage der Soldaten versetzten das Königreich derart in Aufruhr, dass die Bevölkerung gewissermaßen eigenhändig dafür gesorgt hat, den Soldaten Essen und Medizin zu schicken. Queen Victoria soll Armbinden für ihre Truppen gestickt haben. In Frankreich, auch in Russland, wurden die Berichte zensiert, wobei die zeitgenössisch-russische Darstellung des Krimkrieges einen eher literarischen Zugang hatte (man denke an die Sewastopoler-Erzählungen von Leo Tolstoj).
Für alle Länder galt aber, dass in diesem Krieg erstmals der Reporter auftauchte. Ein Augenzeuge, der direkt vom Schlachtfeld berichtete oder zeichnete, wie die Studien des Fotohistorikers Ulrich Keller belegen. Noch nie war die Heimatbevölkerung so nah an einem weit entfernten Krieg. Und: noch nie war ein Krieg moderner. Generäle gaben per Telegraf ihre Befehle, die Waffen wurden per Eisenbahn an die Front geschickt. Das Lazarettwesen wurde aufgebaut, auch wenn die romantisierenden Darstellungen von fürsorglichen Krankenschwestern am Kopfende der verwundeten Soldaten wenig mit der Realität zu tun hatten. Von Hygiene war man weit entfernt. Bis zu neunzig Prozent der gefallenen alliierten Soldaten starben während des Krimkrieges an einer Krankheit.
DAS BUCH
Orlando Figes
Krimkrieg
Berlin Verlag
768 Seiten
37,10 Euro
Macht und Krieg
Das Osmanische Reich hatte Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Zenit bereits überschritten und galt als der „Kranke Mann am Bosporus“. Das zaristische Russland hingegen strebte nach Expansion, auch zulasten des Sultans. Ein starkes Russland versuchten wiederum England und Frankreich zu verhindern. Am Krim-Krieg (1853–1856) nahm auch das Königreich Sardinien teil. Über die Zahl der Opfer gibt es unterschiedliche Angaben. Allein bei der einjährigen Belagerung Sewastopols sollen 300.000 Menschen gestorben sein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2014)