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Schlapfen und Schiele in Maastricht

NETHERLANDS ARTS
NETHERLANDS ARTS(c) APA/EPA/KOEN VAN WEEL (KOEN VAN WEEL)
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Die Tefaf in Maastricht ist die exklusivste Kunstmesse der Welt. Die Zahl österreichischer Aussteller ist verschwindend, der Auftritt heimischer Kunst auf Wien um 1900 beschränk.

Wie sieht er aus, der typische Kunstsammler? Jung, weiblich, durchschnittlich 1,8 Kinder? Es ist keine wahnsinnig große Überraschung, dass er männlich, zwischen 40 und 69, kinderlos und höchstwahrscheinlich US-Amerikaner ist. Die Axa-Kunstversicherung hat in einer Umfrage bestätigt, was man auf High-End-Veranstaltungen wie der Tefaf in Maastricht – trotz heuer gescheiterter China-Expansionspläne immer noch exklusivste Kunstmesse der Welt – freien Auges beobachten kann: Reifere Herren konferieren mit reiferen Herren über die Kunst reiferer Herren, die gern junge Damen zeigt.


Wertgesicherte Windmühlen.
Das ist derart klischeehaft, dass es einen direkt aus den Schlapfen katapultieren könnte – wenn man das nötige Kleingeld, nämlich 400.000 Euro, hat, sind diese von 1890, aus Holz und zierten einmal Paul Gauguins (zierliche) Malerfüße. Die New Yorker Galerie Dickinson bietet diesen schrägen Fetisch bei der Tefaf an. Gauguin hat die grob geschnitzten Dinger sogar in Paris getragen und damit schockiert, bevor er nach Tahiti abgereist ist; sie tragen sogar seine Signatur. Gleich neben den Schlapfen allerdings hängt etwas, was den typischen Sammler laut Umfrage mehr interessiert als alles andere: das ultimative Gemälde. Großer Name, dekoratives Motiv und (relative) Wertsicherheit garantiert eines der zumindest kostspieligsten Highlights dieser Edelmessenausgabe: Ein recht zahmes Windmühlenbild Van Goghs aus dem Jahr 1887, dessen preisliche Ausmaße man nur kryptisch zu raunen bereit ist – hier bewegt man sich in Gefilden zwischen zehn und 99 Millionen Euro.


Geheimnisvoller Salon de Refuses.
Immer wieder ist es die Attraktion eines käuflichen Museums auf Zeit, die einen in die Messehalle im Dreiländereck zwischen Belgien, Niederlanden und Deutschland reisen lässt. Da kann man tatsächlich erwerben, was man sonst nur bestaunen darf – die 275 besten Kunsthändler der Welt bieten hier das Beste an Alten Meistern, Asiatika, Möbeln, Juwelen, Grafiken, Skulpturen, Handschriften, Kunstkammerstücken an, das es auf dem Markt gibt. Wer hier kauft, bewegt sich auf vergleichsweise sicherem Terrain – bevor die Messe öffnet, durchstreift eine 175-köpfige Expertenkommission das Angebot. Was irgendwie fragwürdig erscheint, kommt unter Verschluss. Dieser Salon de Refuses, dieses natürlich streng geheime Lager der abgelehnten Ware ist der Traum aller Kunstmarktjournalisten, hineingeschafft hat es noch keiner. Neben dem ehemaligen Belvedere-Direktor Gerbert Frodl ist heuer noch ein zweiter Österreicher in dieser Kommission, Tobias Natter, ehemaliger Direktor des Leopold-Museums.

Die Zahl der österreichischen Aussteller ist ähnlich verschwindend, dicht gefolgt von der Zahl der hier sichtbaren österreichischen Sammler und Künstler, nach Wien um 1900 nur die Wüste.

Klammern wir uns erst an die patriotischen Happen in nicht österreichischen Galerien: ein Anton-Webern-Porträt Kokoschkas von 1914 bei der Marlborough-Galerie um 3,5 Mio. Euro. Ein jedes Jahr ähnliches Angebot an (Akt-)Zeichnungen von Schiele, Klimt, Kubin bei Richard Nagy (London). Drei wundervoll minimalistisch-elegant arrangierte Period-Rooms mit Möbeln von Otto Wagner, Adolf Loos und Josef Hoffmann beim französischen Designexperten Macaux.


Man Rays Kamasutra.
Vintage-Design galt heuer überhaupt der Schwerpunkt, zumindest theoretisch (Symposium), die kleine Sektion wurde deshalb nicht aufgewertet. Hier findet man Wolfgang Bauers „Bel Etage“ mit seinem immer recht überladenen Stand Wiener Designs um 1900, zwei tolle silberne Hagenauer-Leuchter konnte er am Beginn verkaufen. Wienerroither und Kohlbacher verstärken in der Grafiksektion den Wiener Auftritt u. a. mit dem altbekannten Schiele-Gemälde „Mutter und Kind“, das sie mittlerweile um 5,3Mio. Euro anbieten. Gleich gegenüber der Stand von dem Fotoexperten Johannes Faber, der seinen Wiener Innenstadtstandort im Juni übrigens schließen wird. Er konnte am ersten Tag das verkaufen, was den typischen Sammler (siehe Anfang) eben so interessiert: das erotische Spätwerk eines älteren Mannes, Man Rays, der 1970 mit Holzpüppchen das Kamasutra nachstellte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2014)