Vor 70 Jahren: Wehrmacht lässt 9000 "nutzlose Esser" sterben

Vor 70 Jahren: Wehrmacht lässt 9000 "nutzlose Esser" sterben
Symbolbild Wehrmacht-Soldaten(c) imago/Rech (imago stock&people)

NS-Soldaten trieben im März 1944 über 46.000 Menschen in ein Sumpfgebiet, eingezäunt mit Stacheldraht – und begingen eines der schwersten Verbrechen gegen Zivilisten überhaupt.

„Es ist geplant, aus der frontnahen Zone der Armee alle nicht arbeitsfähigen Einheimischen in den aufzugebenden Raum zu bringen und bei der Frontzurücknahme dort zurückzulassen." Der Eintrag im Kriegstagebuch der deutschen 9. Armee vom März 1944 dokumentiert „eines der schwersten Verbrechen der Wehrmacht gegen Zivilisten überhaupt", wie der Historiker Dieter Pohl in seinem Buch „Die Herrschaft der Wehrmacht" schreibt. Denn innerhalb von nur sieben Tagen sollten in dem weißrussischen Dorf Osaritschi 9000 Menschen in einem von Stacheldraht umzäunten Sumpfgebiet ihr Leben verlieren. Hunderte sollten sich mit Typhus und Fleckenfieber infizieren und damit die russischen Truppen anstecken.

Es ist Anfang März 1944 als sich die Soldaten der 9. Armee auf dem Rückzug befinden. Die Belagerung von Leningrad musste zuvor aufgegeben werden, die sowjetischen Truppen befinden sich entlang der Ostfront auf dem Vormarsch nach Westen. Die Deutschen versuchen, der Roten Armee Einhalt zu gebieten. Gebäude und Brücken werden zerstört, Felder abgebrannt, Vorräte geplündert, einheimische Männer den Truppen einverleibt. Übrig bleiben die „arbeitsunfähigen Angehörigen". Das Armeeoberkommando gibt den Befehl durch, „sich von dieser, auch ernährungsmäßig erheblichen Bürde ... zu befreien".

46.000 Menschen umringt von Stacheldraht

General Johann-Georg Richert, Kommandeur der 35. Infanteriedivision, veranlasst, die „Nutzlosen" in einem Lager in der Nähe des weißrussischen Dorfes Osaritschi zu konzentrieren. Notdürftig werden auf einer Fläche von fünf Hektar drei Lager aufgebaut. Es handelt sich um ein karges Sumpfgebiet, das mit Stacheldraht umzäunt wird. Vereinzelt gibt es Wachtürme, die nähere Umgebung wird vermint.

Dann folgen die Menschen. Laut dem deutschen Sicherheitsdienst treiben die Soldaten bis zum 12. März rund 46.000 Zivilisten in die improvisierten Lager. Andere Quellen sprechen von über 50.000 „Arbeitsunfähigen". Hunderte sterben schon auf dem Weg dorthin: Mindestens 500 von ihnen werden „von den Begleitmannschaften erschossen, weil sie nicht mehr weiterlaufen wollten", schreibt Pohl. Auch nach der Internierung schießen die Wachen „oft beim geringsten Anlass oder ganz ohne Grund, auch auf Kinder ... sogar auf Versuche der Internierten hin, vom Sumpfwasser zu trinken."

„Wir haben uns hinter die Leichen gelegt"

„Es gab nur den Boden und um uns herum Stacheldraht", wird sich die damals sechsjährige Larisa Staschkewitsch Jahre später gegenüber der „Esslinger Zeitung" erinnern. Die Gefangenen bekommen weder Nahrung noch Wasser, auch Decken gibt es nicht, obwohl die Temperaturen nachts auf bis zu minus 15 Grad sinken. An Typhus und Fleckenbfieber Infizierte werden ebenfalls in den Sumpf verfrachtet. Nach sieben Tagen sind bereits 9000 Menschen tot. „Um uns gegen die heftigen Frühjahrsstürme zu schützen, haben wir uns hinter die Leichen gelegt", schildert die heute 76-Jährige.

Bei der Wehrmacht wird die Aktion lobend im Kriegstagebuch vermerkt: „Die Erfassungsaktion hat für das gesamte Gefechtsgebiet eine wesentliche Erleichterung gebracht. Die Wohngebiete wurden erheblich aufgelockert und für Truppenunterkünfte frei. Für nutzlose Esser wird keine Verpflegung mehr verbraucht. Durch Abschieben der Seuchenkranken wurden die Infektionsherde bedeutend verringert."

1526 Typhusfälle

In der Nacht des 18. März wird es still, die deutschen Truppen fliehen vor der herannahenden Roten Armee. Am 19. März räumen die sowjetischen Truppen das Lager, doch das Sterben geht weiter. Viele Befreite können nicht gerettet werden, Kranke infizieren die Soldaten. Bis zum 31. März sollen laut einer sowjetischen Untersuchungskommission 1526 Typhusfälle bei den Überlebenden aufgetreten sein. Vielen ehemaligen Gefangenen werden Hände und Beine amputiert.

Zur Verantwortung gezogen wird General Richert: Im Jahr 1946 verurteilt ihn ein Gericht in Minsk zum Tode.

In der historischen Forschung wird das Geschehen in Osaritschi vielfach aufgegriffen. Über die Bezeichnung für das dort betriebene Massensterben herrscht aber Uneinigkeit. Während Pohl von „Evakuierungslagern" für Zivilisten spricht, schreibt der Osteuropa-Historiker Hans-Heinrich Nolte von einem Konzentrationslager, Christian Gerlach von „Todeslagern". Ihr Resümee aber lautet gleich. Pohl formuliert es folgendermaßen: „... die Morde an erschöpften Zivilisten in den Evakuierungslagern um Osaritschi" waren die „größten Verbrechen beim Rückzug", die die Wehrmacht zu verantworten habe.

Literatur

Christian Gerlach: Kalkulierte Morde: Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944. Hamburg 2000
Dieter Pohl: Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941–1944. Oldenbourg, München 2008
Dieter Pohl: Die Kooperation zwischen Heer, SS und Polizei in den besetzten sowjetischen Gebieten. In: Christian Hartmann, Johannes Hürter, Ulrike Jureit: Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte. München 2005
Hans-Heinrich Nolte: Osarici. 1944. In: Gerd R. Ueberschär: Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Darmstadt 2003

>> Interview in der „Esslinger Zeitung"