Das Gastspiel von Regisseur Viktor Bodó beim Burgtheater-Festival „Szene Ungarn“ ist eine tiefschwarze Satire, die ausgelassen demonstriert, woran die Gesellschaft krankt.
In solch ein Krankenhaus möchte man auf keinen Fall eingeliefert werden: Juli Balázs hat die Bühne des Akademietheaters für das Gastspiel des Katona József Theaters und die freie Gruppe Szputnyik Shipping Company am Sonntag kunstvoll verdreckt. Eine Küchenschabe und ein Igel zählen zur Ausstattung, ein Kaffeeautomat, der manchmal Asche produziert, sowie ein Mülleimer links vorn und ein hässliches Münztelefon. Rechts aber bergen zehn Schubladen die häufig anfallenden Leichen. Wer hierher kommt, sollte alle Hoffnung fahren lassen, das zeigt schon der Zerberus von der Aufnahme im Hintergrund. Meckernd begrüßt er Hilfesuchende, weiß keine vernünftige Antwort, führt sie in die Irre.
Dieses Verlorensein ist die alles beherrschende Botschaft an diesem gut 80 Minuten langen Abend. Viktor Bodó, der seit einigen Jahren quasi Hausregisseur im Schauspielhaus Graz ist, glänzt nun auch in Wien mit dem zwei Jahre alten Stück „Anamnesis“, das sich bissig, überdreht und stellenweise auch tiefernst mit dem Gesundheitswesen auseinandersetzt. Zur Farce: Ein Mann will seine tote Mutter abholen, an der Aufnahme weiß man nicht, wo sie zu finden ist. Der Sohn hastet durch die Szene, begegnet dabei Schwerverletzten, die ebenfalls völlig allein gelassen werden. Er spricht schließlich Personal an. Das zeigt ihm schließlich diverse Tote, Frauen wie Männer. Die Mutter findet er nicht. Oder: Ein Mann verliert einen Finger, während er einem Arzt eine Tür einsetzen hilft. Blut quillt, Fleisch und Knochen fliegen. Der Arzt bleibt inaktiv, vertröstet den Verletzten. Noch weitere Finger wird der Arme spektakulär verlieren, geholfen wird ihm nicht.
Eine Revue aus scharfen Schwestern, arroganten Ärzten und dummen Pflegern tanzt ausgelassen durch den Raum. Sie setzen Spritzen, beschädigen Patienten, decken diverse Leichen schließlich teilnahmslos zu. Sogar der Tod in Person darf die Sense schwingen. Gefühl kommt nur auf, wenn ein Bett leer bleibt. Das könnte den Betrieb gefährden, denn, wie eine Szene zeigt, Politiker sind vor allem auf Einschnitte im Gesundheitswesen aus. Sie wollen zusammenlegen, reduzieren – so radikal, „wie man es mit den freien Theatergruppen gemacht hat“, schlägt einer der Reformer vor.
In rasanten Szenen voller Slapstick entsteht ein überdrehter Eindruck vom Tatort Spital. Bodó hat dieses Stück und die 21 Darsteller klug abgestimmt. Dazu gehört, dass all der Trubel, der musikalisch furios mit „Bye, bye, life“ endet, geschickt durch kontemplative Momente gekontert wird. In kurzen Videosequenzen kommen reale Ärzte und Pfleger zu Wort, die unsentimental aus ihrem harten Alltag berichten. Da weiß man: Es gibt doch auch etwas Hoffnung auf Humanität in diesem Moloch. Das System wird von Menschenfreunden am Leben erhalten.
Weitere Absagen zum Festival
Vor dem Gastspiel konnte man beim Ungarn-Festival in einer Diskussion im Burgtheater Kasino erfahren, was die freie Szene beim Nachbarn am Leben erhält. Leider gab es auch für dieses Gespräch, so wie bei den Aufführungen, kurzfristige Absagen. Es stellten sich nur zwei Manager des Katona Jószef Theaters und eine Journalistin aus Budapest der Herausforderung, fünf Diskutanten blieben der Veranstaltung fern. So aber waren sich Direktor Gábor Máté und sein Verwaltungschef Bence Mattyasovszky sowie die Kritikerin Judit Csáki rasch einig, dass das kulturelle Klima unter der rechtskonservativen bis autoritären Regierung Orbán für kritische Geister nicht günstig sei und das offizielle Ungarn die Heldenverehrung pflege.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2014)