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Norwegen: Denkmal für Utöya-Massaker löst Streit aus

Utöya, Norwegen, Denkmal
(c) Reuters (STRINGER)
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Bei Anwohnern der Insel nahe Oslo, auf der der Rechtsradikale Anders Behring Breivik anno 2011 Amok lief, sowie Hinterbliebenen regt sich Widerstand: Das vorgeschlagene Denkmal für die 69 Toten ist ihnen "zu radikal".

Oslo/Stockholm. Eigentlich sollte nach dem Bewerb alles klar sein: Unter 300 Projekten aus 45 Ländern für ein Denkmal zum Utöya-Massaker vom Juli 2011 hatte der schwedische Künstler Jonas Dahlberg gesiegt. Doch vielen Anwohnern und Hinterbliebenen geht sein Gewinnervorschlag jetzt, für viele überraschend, zu weit.

Dahlbergs „Memorial Wound“ sieht vor, die 1,5 Kilometer von Utöya entfernte Halbinsel Sørbråten, deren Spitze auf Utöya zeigt, zu zerschneiden. Die Spitze soll durch eine dreieinhalb Meter breite Spalte vom Festland getrennt werden. An der Innenseite der Schneise sollen die Namen der 69 Opfer eingraviert werden. Der Attentäter Anders Breivik hat sie erschossen, nachdem er im Osloer Regierungsviertel eine Bombe gezündet hatte, die acht Menschenleben forderte.

Die Namen sollen vom Festland aus lesbar, aber wegen der Kluft nicht berührbar sein. Betrachter sollen durch die Wunde in der Landschaft mit dem Trauma konfrontiert werden, so das Konzept. Aus dem Aushubmaterial soll im Regierungsviertel ein zweites Denkmal werden. Bereits zum Gedenktag, dem 22. Juli 2014, soll alles fertig sein. Doch den Utöya-Anwohnern, die selbst durch das Massaker in Blick- und Hörweite traumatiert sind, ist eine Aussicht auf eine amputierte Halbinsel zu grausig. Sie haben eine Kampagne gestartet, um das Denkmal zu stoppen. Es sei „eine Vergewaltigung der Natur“.

 

Zu aufdringlicher Schrecken

Einer der Kritiker, Ole Jensen, argumentiert, dass man jeden Tag mit der Aussicht auf das Denkmal konfrontiert würde; das sei zu aufdringlich, zudem würde es mehr eine „Touristenpilgerstätte als ein friedlicher Gedenkort“ werden. Die Anwohner plädieren dafür, dass nur auf der Insel Utöya selbst ein kleineres Denkmal errichtet wird.

Auch Angehörige sind nicht glücklich: Vanessa Svebakk, Mutter einer auf Utöya ermordeten 14-Jährigen, sagte, sie wolle nicht, dass der Name ihrer Tochter auf dem Monument verewigt werde. „Niemandem darf erlaubt werden, mit dem Namen meiner toten Tochter Geld zu machen. Es ist haarsträubend, dass man uns nie gefragt hat.“

Die Macher des Denkmals sind irritiert. Einige glauben, die Anwohner hätten primär Angst um ihre Immobilienpreise: Viele reiche Osloer haben sich einst bei Utöya Villen gekauft. Svein Bjørkås, Chef der Jury, musste aber einräumen, man habe nicht mit so viel Widerstand gerechnet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2014)