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Frau Essl emanzipiert sich

Karen Holländer, Balanceakt, 2012, Acryl auf Hartfaserplatte, 110 x 200 cm,(c) Karen Holländer, Foto: Daniela Beranek
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Agnes Essl setzt der österreichischen Kunstgeschichte ihres Mannes eine Frauenausstellung entgegen. Der lauteste Kommentar einer Sammlerin in Österreich bisher.

Ist es wirklich so einfach? Warum gibt es so wenige Kunstsammlerinnen? „Weil Frauen kein Geld haben!“ Und warum ist Kunst von Frauen immer noch weniger wert als die ihrer Kollegen? „Weil sie zu selten ausgestellt werden.“ Sagt Agnes Essl. Sie versucht, für beide Behauptungen die Antithese zu bilden. Von Beginn an, über 40 Jahre ist das her, sammelte sie zwar gemeinsam mit ihrem Mann, aber zunehmend eigenständig. Sie war es schließlich, die als Erste Zugang zur Kunst hatte, als sie in New York in einer Galerie arbeitete. Von nun an tauchte man zwar gemeinsam in den Ateliers der (erst vorwiegend österreichischen) Maler auf. Doch das Selbstverständnis von Agnes Essl änderte sich. Vor allem die Künstlerinnen haben es ihr mittlerweile angetan, zu einigen entstand eine Nähe, eine Freundschaft.

Agnes Essl begann selbst zu kuratieren, die Baumax-Firmenzentrale, das Schömer-Haus wurden ihr Terrain, während ihr Mann im viel prominenteren nahen Museum in den vergangenen 15 Jahren immer wieder als Kurator auftrat. Sie blieb im Hintergrund. Damit ist es jetzt vorbei. Und zwar gründlich, sie will dem „Statement“ ihres Mannes, der in den Galerieräumen nebenan vor Kurzem seine dialogisch aufgebaute, ganz persönliche österreichische Kunstgeschichte eröffnete, sogar bewusst „etwas entgegensetzen“.

Diese späte Emanzipation mag man zwar ein wenig belächeln, aber sie ist mehr, viel mehr, ja es ist sogar das lauteste Statement, das irgendeine Sammlersgattin bzw. Sammlerin in Österreich bisher von sich gab. Völlig gleichberechtigt stehen sich jetzt im Essl Museum zwei völlig verschiedene Ausstellungen gegenüber. Dort die elegant kombinierte, kunsthistorisch ambitionierte, die neue Verbindungen aufzeigen möchte, was zumindest im ersten Raum überraschend gelingt, wo die Landschaften von Max Weiler auf die von Hundertwasser treffen. Hier die aufs Persönliche und aufs Geschlecht pochende Auswahl Agnes Essls. Dort ausschließlich die „Big Names“, hier Künstlerinnen, die teils noch nie im Essl Museum zu sehen waren, einige vergessene ältere, einige ganz junge – hier kann man hinter jeder Ecke Entdeckungen machen.

Alles wird gut – bald

Manchmal rumpelt das ein wenig dahin von Lieblingsbild (Maria Lassnigs „Woman Power“) zur Lieblingsidee (die verwunschenen Preziosenbilder von Lassnig-Schülerin Gudrun Kampl danebenzuhängen). Manchmal reihen sich einfach schöne Werkgruppen aneinander – die großartigen kleinen collagierten Bildgeschichten von Barbara Vögel. Der brachial-romantische Himmel über Peking, der die junge Malerin Bianca Regl zurzeit täglich begleitet. Die zarten, sich fast auflösenden Öl-Landschaften von Brigitte Bruckner. Die zauberhaften 3-D-Holzschnitte Karen Holländers von ihr nahestehenden Menschen, etwa ihrer Tochter, wie sie auf einem Seil balanciert.

Ein derartiger Balanceakt ist auch jede ausgewiesene Frauenausstellung. Zwei Meinungen stehen sich hier unversöhnlich gegenüber – und das schon seit Mitte der 1970er-Jahre, als Valie Export in der Galerie St. Stephan die Erste davon in Österreich, „Magna“, kuratierte. Schon damals gab es Künstlerinnen, vor allem bereits erfolgreiche, die ein derartiges „Ghetto“ vehement ablehnten. Andere wiederum ergreifen schlicht und einfach die Chance, überhaupt eine Ausstellungsmöglichkeit zu bekommen.

So ist das Beunruhigendste an der mittlerweile kanonisierten Form der Frauenausstellung: Sie ändert nichts. Daran, dass Präsenz und Preise der Künstlerinnen stagnieren. Im Gegensatz zu den steigenden Zahlen an Absolventinnen der Kunsthochschulen. Das ist auch Agnes Essl aufgefallen. Sie versucht zu trösten – in ein paar Jahren werden die Verhältnisse sich umgedreht haben, sagt sie. Dann wird wohl sie eine kunsthistorisch ambitionierte Ausstellung machen, in der nebenbei auch Arbeiten von zwei oder drei Männern hängen. Und ihr Mann zeigt nebenan seine „Andere Sicht“, das Männer-Reservat.


Bis 21. September, Di–So: 10–18h, Mi: 10–21h

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2014)