Kann man aus den Genen die Gesichter lesen?

(c) www.BilderBox.com
  • Drucken

Die molekulare Forensik, die heute schon aus Genspuren an Tatorten Hinweise etwa auf die Augenfarbe extrahieren kann, will irgendwann getreue Bilder von ganzen Gesichtern erstellen. Der Anfang ist getan.

Was einem morgens aus dem Spiegel entgegenschaut, ist einzigartig, auch wenn es einem nicht immer gefällt und bisweilen noch Spuren des Abends trägt. Aber die verschwinden schon wieder, die Einzigartigkeit hingegen bleibt: Jeder hat sein ganz eigenes Gesicht, ein identisches gibt es auf dem Erdenrund nicht, nicht einmal bei eineiigen Zwillingen, wenngleich sich bei denen natürlich die Macht der Gene zeigt.
Aber nicht nur die werden in ein Gesicht eingeschrieben, auch Hormone spielen mit, und die Biomechanik des ganze Baus tut es, alles zusammen sorgt dafür, dass nichts am Körper eine so komplexe Morphologie hat wie das Gesicht. Trotzdem will Mark Shriver (Penn State University) nun dessen Form aus den Genen lesen, zum einen für die Grundlagenforschung, zum anderen für eine höchst angewandte, die Gerichtsmedizin. Die kann in ihrer molekularen Abteilung heute schon aus DNA-Spuren an einem Tatort einige Hinweise auf den Täter oder die Täterin geben, das Geschlecht steht eindeutig in den Genen, und über die Farbe der Haare oder der Augen hat etwa Manfred Kayser, molekularer Forensiker an der Universität Rotterdam, der Polizei schon Auskunft erteilt: Ob Augen blau sind oder braun, darüber geben die Gene Auskunft, mit immerhin 90 Prozent Sicherheit.
Shriver hat höhere Ambitionen, er will getreue Bilder des ganzen Gesichts („forensic molecular photo fitting“). In dem steht viel, zuallererst natürlich die Ahnenreihe und, über sie, die Umwelt, einerseits die der Natur – der kalte Norden moduliert die Knochen anders als der heiße Süden –, andererseits die der Kultur bzw. der Kulturen, die haben in der Sexualwahl unterschiedliche Vorlieben für Gesichtsformen entwickelt. Zum dritten sind dann da noch die ganz individuellen Genvarianten, die jedes Gesicht so einzigartig machen. Wie will man die verschiedenen Einflüsse auseinanderdröseln?

Mischpopulationen als Schlüssel

Shriver versucht es an drei Populationen, die eine gemischte Herkunft aus Westafrika und Europa haben: Afroamerikaner, Brasilianer, Cap Verdeaner. Von ihnen nahm Shriver Genanalysen, dann Fotos in 3-D, dann musste er sich auf einen weiten Umweg begeben: Die Vermessung von Gesichtern ist nicht weit entwickelt, das hängt einerseits mit rassistischem Missbrauch zusammen, andererseits damit, dass sich in letzter Zeit die Befassung mit Genotypen derart vorgedrängt hat, dass die Phänotypen fast vergessen wurden.
So beschränkt man sich bei Gesichtern auf wenige Markierungspunkte – Nase, Kinn etc. – und misst Abstände und Winkel. Shiver hat das stark verfeinert, auf 7150 Punkte. Parallel dazu durchsuchte er Gendateien auf alles, was mit der Gesichtsform zu tun hat, vor allem bei Fehlbildungen wurde er fündig. Schließlich wurden Testpersonen Fotos vorgelegt, und Fragen dazu gestellt: Ist das ein Schwarzafrikaner? Ein Afroamerikaner, ein Europäer? Ein Mann? Eine Frau?
12,9 Prozent der sichtbaren Unterschiede zwischen Gesichtern ließen sich genetisch dem Geschlecht zuordnen, 9,6 Prozent der ethnischen Herkunft. Der übergroße Rest wird von einzelnen Genvarianten hervorgebracht. „Durch das simultane Modellieren von Geschlecht, Herkunft und Gesichtsgenen können wir Geschlecht und Herkunft aus dem Modell entfernen und die Wirkung der einzelnen Gene extrahieren“, erklärt Shriver: „Zwar können wir damit noch nicht von der DNA auf ein Gesicht schließen, aber es sollte möglich sein.“ (PLoS Genetics, 20. 3.)
Und dann? Dann könnte man nicht nur der Gerichtsmedizin helfen, sondern in ganz andere Dimensionen vorstoßen: Man könnte etwa aus Ihrem Genom die Gesichter Ihrer Urureltern rekonstruieren oder gar die der allerersten Ahnen der Menschheit.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.