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Erster Weltkrieg: "Franz Ferdinand war die führende Taube"

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Sein Buch "Die Schlafwandler" ist in aller Munde: Historiker Christopher Clark über Europas Gedenk-Versagen.

Die Presse: Soeben haben Sie den Bruno-Kreisky-Preis erhalten, bei den Salzburger Festspielen halten Sie die Eröffnungsrede – das zeigt, wie sehr Ihr Werk „Die Schlafwandler“ als Buch mit Botschaft, auch gegenwartspolitisch, rezipiert wird...

Christopher Clark: Es hat auch eine Botschaft: dass Kriege nicht nur durch Bösewichte entstehen, sondern auch durch die Summe von Entscheidungen, die jede für sich rational sein mögen, in der Gesamtwirkung aber irrational werden. So war es 1914.

 

Ihr Buch lehnt die These von Deutschlands Hauptschuld ab, die früher gerade deutsche Forscher stark vertraten...

Ja, die Hauptschuldthese des Historikers Fritz Fischer in den 60ern war von der Absicht geprägt, mit historischen Methoden die Bundesrepublik von den Altlasten des Nationalsozialismus zu entsorgen. Fischer war durch den Nationalsozialismus für das schuldhafte Verhalten der Deutschen 1914 sensibilisiert. Was er aufgedeckt hat, hat er auch nicht erfunden, bloß war es nicht eingebettet in ein gesamteuropäisches Bild. Heute ist es wichtig, von der Schuldfrage wegzukommen und diesen in seinen Ursprüngen wirklich europäischen Krieg europäisch zu betrachten. Mehrere Großmächte waren bereit, einen Krieg zu riskieren.

 

Die „Wer ist schuld“-Frage bleibt beliebt, in Österreich geht man etwa mit Conrad von Hötzendorf ins Gericht...

Conrad war schon besonders kriegsfreundlich, trotzdem muss man die Kriegsentstehung als Interaktion sehen. Es ist wirklich traurig, wie wenig europäisch die Erinnerung ist. Englische Medien zum Beispiel fragen fast nur „Hätte England eingreifen müssen?“, „War das ein gerechter Krieg?“. Und natürlich antwortet man immer gleich mit Ja – man musste die Deutschen niederzwingen, das waren menschenverachtende, babymordende Hunnen, und so weiter... So etwas ist ein Rückfall in den nationalistischen Diskurs des Kriegs selbst. Die Staaten erinnern sich nur an die eigenen Opfer. Europa fehlt ein gemeinsames Empfinden für die Geschichte, und da sollte mein Buch einen Beitrag leisten. Es geht nicht um eine Ehrenrettung Deutschlands, sondern um die Europäisierung eines Diskurses.

 

Deutet die Tatsache, dass es so wenig gesamteuropäisches Gedenken gibt, nicht auch auf ein akademisches Versagen hin?

Sicherlich, aber der Hauptgrund ist, dass die Medien nationalstaatlich strukturiert sind.

 

Warum stützt sich Ihr Buch so wenig auf französische Quellen?

Die archivarischen Quellen waren schon sehr wichtig. Und Sekundärliteratur gibt es einfach wenig. Es gibt ein paar blendende Ausnahmen, aber das sind alte Werke. Aus den letzten 20, 30 Jahren gibt es kaum Studien zum politischen Hintergrund des Krieges. Es würde sich lohnen zu fragen, warum.

Man spricht vom „Attentat in Sarajewo“, nicht vom „Attentat auf Franz Ferdinand“, vielleicht wegen der Unbeliebtheit des Thronfolgers. Aber immerhin war er als einer der wenigen entschieden gegen einen Krieg...

Ja, dieser Mann war die führende Taube in seinen Kreisen. Er hat sich immer gegen den Krieg ausgesprochen, vor den Balkan-Kriegen gewarnt, gesagt, wir wollen keinen einzigen Zwetschkenbaum, keine einzige Ziege von den Serben... Er wusste, die Doppelmonarchie ist nicht imstande, einem Krieg standzuhalten, sie hat ein Heer nur zu inneren Zwecken, sie erträgt keinen Weltkrieg, sie erträgt einen kontinentalen Krieg. Im Lauf des ersten Kriegsjahrs haben die österreichischen Armeen nicht einmal die Serben bezwungen. Franz Ferdinand hat zu diesem Thema immer recht gehabt. Kein Wunder, er hatte die Militärkanzlei, war auch der oberste Inspektor aller Streitkräfte.

Ein warnendes Beispiel für das Heute ist am Jahr 1914 wohl auch der Fatalismus, der damals um sich griff.

Der Topos vom unvermeidlichen Krieg... Das war sehr oft ein Argument der Handelnden, überall hieß es, an uns liegt es nicht, aber wir weichen dem Krieg nicht aus. Alle stellten sich in eine Position der Passivität und meinten, auf den Krieg zu reagieren.

Aber dieser Fatalismus war ja nicht nur politisches Argument. War er nicht auch ein allgemeines Gefühl – der Gegenwartsmüdigkeit, der Zukunftslosigkeit?

Das stimmt, und diese Sichtweise ist sehr gefährlich. Kriege werden immer gewählt, „ein Kuss kommt nicht von allein“, heißt ein Lied – so ist es auch mit dem Krieg.

 

Im Schlusssatz charakterisieren Sie die Protagonisten von 1914 als Schlafwandler; da denkt man an Brochs gleichnamigen Roman, aber auch an Kraus' Diktum, dass der Krieg aus einem Mangel an Fantasie entstand, die Folgen betreffend...

Am wichtigsten war mir das Bild des Schlafwandlers mit seiner unheimlichen Eigenschaft, dass ihm das Bewusstsein über die Konsequenzen seines Tuns fehlt. An Kraus dachte ich nicht, aber es stimmt genau, was er sagt: Die Menschen haben immer nur ein paar Schritte vorausgedacht, durchgedacht bis zum Ende haben sie es nicht. Bei fast allen Entscheidungsträgern merkt man die armselige Enge ihrer Entscheidungsfindung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2014)