Schnellauswahl

Grüne Medizin: Die Heilkraft der Bäume

Blätterwerk eines Baumes
Blätterwerk eines Baumes(c) Erwin Wodicka
  • Drucken

Wer von Holz umgeben ist, schläft tiefer, hat einen ruhigeren Puls und stärkere Nerven – Bäume wirken sich auf vielfältige Weise positiv auf den menschlichen Körper aus.

Ein Eichenrindenbad bei Hautproblemen, Lindenblütentee gegen Erkältungen, Birkenwasser für die Haare oder Birkenlaubtee als Entgiftungs- und Verjüngungskur. In der Volksmedizin setzt man seit Jahrhunderten auf die heilende bzw. vorbeugende Wirkung von Bäumen. In der Schulmedizin hingegen wurde die vermeintliche Heilkraft von Bäumen oftmals als Esoterik belächelt und der Nutzen von aus Holz hergestellten Hausmitteln als Scharlatanerie abgetan. In den vergangenen Jahren aber kam es zu einem Sinneswandel – ausgehend von der etablierten klinischen Forschung, die die vielfältige positive Wirkung von Holz auf den menschlichen Organismus eindeutig nachweisen konnte.

Wer beispielsweise in einem Zimmer aus massivem Holz schläft, erspart sich einer Studie der Medizin-Uni Graz zufolge in einer Nacht die Herzarbeit von einer Stunde. Denn: Puls und Herzschlag werden ruhiger, das vegetative Nervensystem wird gestärkt, die Tiefschlafphasen sind länger, der Schlaf also insgesamt entspannter. Wer dann auch noch den Tag in einem Holzbüro verbringt, verschafft seinem Herzen eine weitere Ruhestunde. „Das ist ein Effekt, den man als lebensverlängernd bezeichnen kann und muss“, sagt der Ingenieur, Förster und Holzunternehmer Erwin Thoma. Zusammen mit dem Mediziner Maximilian Moser schrieb er das Buch „Die sanfte Medizin der Bäume“, das Anfang April erscheint.

Konkret nachgewiesen wurde die Reduzierung des Herzschlags bisher mit Fichtenholz und Zirbe. Mediziner gehen aber davon aus, dass zumindest sämtliche Nadelhölzer dieselbe Wirkung haben. Aber wie kann sich Holz so stark auf den menschlichen Organismus auswirken, welcher Mechanismus steckt dahinter? „Ganz einfach, unser Körper ist das feinste Messgerät, das man sich vorstellen kann“, erklärt Thoma. „Er nimmt unbewusst die Duftmoleküle des Holzes auf, aber auch der Körperkontakt und optische Reize spielen eine Rolle.“ All diese Wahrnehmungen würden dem Gehirn signalisieren, dass sich in unmittelbarer Nähe Holz befindet. Und Holz kennt der Organismus schließlich seit seiner frühesten Entwicklung und weiß, dass von ihm keine Gefahr ausgeht. Thoma: „Damit fällt jeglicher Stress durch unbekannte Materialien und Chemikalien ab. Der Körper schaltet auf Entspannung und Erholung.“


Haltbarste Substanz.
Das bekannteste und heute noch am häufigsten angewendete Heilmittel aus Holz ist die Lärchenharzsalbe. Lärchenharz wirkt auf einzigartige Weise antibakteriell, tötet Pilzsporen und ist somit die haltbarste organische Substanz überhaupt. Nicht umsonst ist Bernstein, der älteste organische Stoff der Erde, aus Nadelholzharz entstanden. Eine ähnliche Wirkung haben Produkte aus Weihrauch, etwa die Weihrauchsalbe. „Noch wichtiger als die Erzeugung solcher Heilmittel ist aber die Vorbeugung und das Nutzen von Bäumen als Energietankstelle und Jungbrunnen“, betont Thoma. „Bäume sind eine Metapher, in der sich das Ausleseverfahren der Natur über Jahrmillionen offenbart. Jeder, der bereit ist zu verstehen, kann von ihnen lernen.“

Dass Bäume mit dem menschlichen Körper derart interagieren, wird besonders vor dem Hintergrund nachvollziehbar, dass Bäume untereinander und auch mit anderen Pflanzen und Tieren kommunizieren können. Ein Phänomen, das seit Längerem bekannt ist. „Kommunikation benötigt per Definition einen Sender, einen Empfänger und eine Sprache, also codierte Informationen, deren Code beiden Teilnehmern zur Ver- und Entschlüsselung bekannt sein muss“, sagt Thoma. „Diese Voraussetzungen erfüllen Bäume in vielen Fällen der Kommunikation.“ Bewusst steuern sie das Verhalten von Mikroorganismen in ihren Wurzeln, die exakt die Nährstoffe bereitstellen, die der Baum gerade benötigt. Beispielsweise für das Wachstum im Frühjahr oder für Wundheilung nach Verletzungen in der Rinde. Die Umstellung solcher chemischer Versorgungsströme in kürzester Zeit ist biochemisch eindeutig nachweisbar.


Warnung vor Angriff. Besonders bemerkenswert ist die Kommunikationsfähigkeit von Bäumen untereinander. Wenn beispielsweise ein Baum von Insekten angefallen wird, „benachrichtigt“ er mithilfe von Duftstoffen und Schwingungen seine in der Nähe befindlichen Artgenossen über die Gefahr, damit diese rechtzeitig Abwehrstoffe produzieren können. Außerdem sind Bäume in der Lage, im Fall eines Insektenangriffs – ebenfalls über Schwingungen und Duftstoffe – natürliche Feinde der angreifenden Insekten anzulocken.

Für Thoma und sein Bauunternehmen wird das wachsende Interesse an der Heilkraft von Holz zunehmend zu einer Goldgrube. Seine Gebäude, die er mit 140 Mitarbeitern konzipiert, stehen mittlerweile auf der ganzen Welt. Er baute eine Uni in Oslo und eine in Moskau, errichtete die Residenz der Königsfamilie in Norwegen und zahlreiche Häuser in Japan, die die Katastrophe von Fukushima unbeschadet überstanden. Die Arbeit mit Holz bezeichnet Thoma als seine Lebensaufgabe. „Gerade in einer Stadt wie Wien, in der man einem Dauerstresspegel ausgesetzt ist, kann man von der Kraft der Bäume in höchstem Maß profitieren“, sagt er. „Mit einem hölzernen Dachgeschoßausbau beispielsweise. Oder einer langlebigen Vollholzeinrichtung statt chemisch kontaminierter Wegwerfmöbel, falls man es sich leisten kann.“ Und falls nicht? „Dann bleiben einem immer noch Naturheilmittel aus der Apotheke. Und Kochrezepte für energiespendende Speisen mit Zutaten, die auf Bäumen wachsen. Holz steckt voller Überraschungen. Lassen Sie sie einfach zu.“

Bäume als Medizin

Neues Buch erscheint Anfang April.
„Die sanfte Medizin der Bäume. Gesund leben mit altem und neuem Wissen“ heißt Erwin Thomas und Maximilian Mosers neues Buch, das Anfang April im Servus-Verlag auf den Markt kommt und 21,95 Euro kostet.

Wissenschaftlich belegte Wirkungen.
Der Ingenieur und der Mediziner beschreiben darin die positiven Wirkungen von Holz auf den menschlichen Organismus, die von der etablierten Forschung wissenschaftlich nachgewiesen wurden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2014)