Schnellauswahl

Aus dem Wörterbuch der Manager: Von A wie arrogant bis Z wie zynisch

Warum neigen gerade Pseudoschulreformer und Modernisierungsmanager zum englisch-deutschen Sprachkauderwelsch? Weil Sprache ein Machtinstrument ist.

Bundesdeutschen Gazetten entnehme ich, dass soeben der Titel „Sprachwahrer des Jahres“ verliehen wurde. Träger der Auszeichnung ist die Deutsche Bahn. Sie kämpft gegen Anglizismen. In Zukunft wird über Auskunftsstellen „Information“ statt „Service Point“ stehen, ein „Flyer“ soll „Handzettel“ heißen, statt „Call a bike“ wird man „Radverleih“ lesen. Ich finde das großartig.

Lehnt man heute Anglizismen ab, begegnet man rasch dem Vorwurf der Deutschtümelei, auch wenn man kein nationalistischer Sprachpurist ist. Sprache ist etwas Lebendiges. Sie lässt Überholtes absterben, nimmt Neues auf und gibt alten Begriffen frische Bedeutungen. Manche Fremdwörter sind einfach treffender. Wir alle verwenden Ausdrücke wie Laptop, E-Mail oder SMS ganz selbstverständlich, weil sie eine klare Bedeutung haben und es kein deutsches Wort dafür gibt.

Wenn aber Flüge gecancelt statt abgesagt und Internetinhalte downgeloadet statt heruntergeladen werden, ist das genauso lächerlich, als ob jemand betonte, er sei seinem Unternehmen committed statt verpflichtet. Hier sollen Anglizismen Weltgewandtheit andeuten. Die Mischung von Deutsch und Englisch, das Denglisch, ist zum Markenzeichen einer selbst ernannten Elite geworden. Das sprachliche Modernisierungsfieber ist in zwei Gruppen besonders verbreitet: den Pseudoschulreformern und den Modernisierungsmanagern.

Die Schuldebatten sind seit Jahrzehnten von Anglizismen durchsetzt. Die Leistungsfeststellung wurde zur Output Control, statt Vorbildwirkung sagt man Best-Practice-Modell und von den Lehrern wird eine bessere Performance gefordert, was immer das sein soll. „Doch ein Begriff muss bei dem Worte sein?“, fragt der Schüler im „Faust“. „Schon gut! Nur muss man sich nicht allzu ängstlich quälen, denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein!“ So lautet die Antwort des Mephisto.

Nur eine Sprache, die Krebs hat, neigt zu Wucherungen. Am augenfälligsten ist das im Managerjargon. In seinen Anglizismen schimmert Zynismus. Wenn auf der Agenda der High Potentials, den Terminplänen der Hoffnungsträger also, das Risk Management undersized war und die Benchmark nicht erreicht wurde, könnte man auf Deutsch sagen: Verantwortliche haben sorglos Kredite vergeben. Doch das soll uns kein Kopfzerbrechen machen. Es ist ja nur die Cash-Burn-Rate gestiegen, auf Deutsch: Gutes Geld wurde verbrannt. Dass deshalb die CEOs beim nächsten Get-together eine Roadmap mit Downsizing und der Reduktion des Headcounts, also Kürzungen und Kündigungen, beschließen müssen, ist ein bedauerlicher Side effect. Zu hoffen ist, dass dadurch die Work-Life-Balance der Chief Executives nicht allzu sehr leidet. Aber letztlich ist man ohnehin too big to fail.

Hinter diesen Sprüchen verbirgt sich Selbstherrlichkeit. Man jongliert mit einem Kauderwelsch, der harmlos klingen und für die Mehrzahl der Bürger unverständlich bleiben soll: Sprache wird zum Herrschaftsinstrument.

Lewis Carroll lässt in „Alice hinter den Spiegeln“ Humpty Dumpty sagen: „Wenn ich ein Wort verwende, dann bedeutet es das, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.“ Alice antwortet entgeistert: „Aber die Frage ist doch, ob du den Worten so viele verschiedene Bedeutungen geben kannst.“ Humpty Dumpty darauf abschätzig: „Die Frage ist, wer die Macht hat – das ist alles.“

Früher sagte man, dass es die Diplomaten waren, denen Gott die Sprache gab, um die Wahrheit zu verschleiern. Das ist ungerecht. Heute ist es ein Managerjargon, der Werte wie Ehrlichkeit, Verantwortung, Leistung und Charakter durch eine pseudoenglische Schaumschlägerei ersetzt. Man sollte alle jene, die sich hinter Phrasen verstecken, warnen. Irgendwann wird das geschehen, was man früher auf dem Land mit drohendem Unterton so gesagt hat: „Mit euch wird man auch noch einmal Deutsch reden!“

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor:

Kurt Scholz war von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit Anfang 2011 ist er
Vorsitzender des Österreichischen
Zukunftsfonds.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2014)