Tagebuch-Slam: Wettstreit der Jugendsünden

Slammerin Miriam liest Auszüge aus ihrem Teenie-Tagebuch.(c) Anna Konrath

Theater an der Gumpendorfer Straße. Beim Tagebuch-Slam kürte das Publikum die lustigsten und peinlichsten Teenie-Geständnisse.

„20.3. 1998. Wann fällt endlich ein Klavier auf mich? So einer wie ich kann nie beliebt sein.“ Als Teenager plagten Josef aus Kitzbühel tiefe existenzielle Krisen – über die er heute, mit Anfang dreißig, wohl lachen kann. Am Sonntagabend saß er im Stoffsakko vor dem Rosa-Herzchen-Bühnenbild im Theater an der Gumpendorfer Straße (TAG) und las aus seinem Tagebuch vor. Im Publikum: rund 150 Leute, die alle zum Tagebuch-Slam gekommen waren, um den Ausführungen von Josef und neun weiteren Tagebuchschreibern zu lauschen. „Stell dich deinen Jugendsünden“ lautete das Motto des Wettbewerbs, dessen Regelwerk von den in der jungen Literaturszene beliebten Poetry Slams abgeleitet war: Fünf Minuten Redezeit, keine Requisiten, den Sieger bestimmt das Publikum.

„Im Grunde sind alle, die im Publikum sitzen, Voyeure. Das waren wahrscheinlich die, die früher die Tagebücher ihrer Geschwister gelesen haben“, sagt die Tirolerin Diana Köhle mit einem Schmunzeln. Sie organisiert und moderiert seit zehn Jahren Poetry Slams in Wien. Vor einem Jahr veranstaltete sie den ersten österreichischen Tagebuch-Slam, seit November werden im TAG regelmäßig die Tagebücher ausgegraben. Anmelden kann sich jeder, der Tagebuch geschrieben hat und sich mit seinen Sorgen von damals auf die Bühne traut.

So hörte man am Sonntag einige persönliche Schmankerln aus alten und weniger alten Tagen der Teilnehmer. Die Bandbreite reichte von Studenten, deren peinliche Teenie-Zeit gar nicht so lange her ist, bis zur 75-jährigen Dame; geboten wurden schreiend komische, weil so authentische Teenager-Geständnisse genauso wie holprige literarische Ergüsse.

Aber warum liest man seine Tagebücher öffentlich vor? Für den Kitzbüheler Josef, der aus dem Wettlesen um die Gunst des Publikums schließlich als Sieger hervorging, hat das durchaus therapeutische Gründe. Seine Tagebucheinträge erzählen von seiner unsicheren Schwärmerei für Michael („Ob der weiß, dass er schon in meinem Tagebuch steht?“), seinen Zukunftszielen („Auf allen fünf Kontinenten Brot essen, einmal in der ,Kronen Zeitung‘ erscheinen mit einem Balken über den Augen“) und jugendlichen Fauxpas („Ich habe mir die Hände wie Madonna bemalt – ein Fehler“). Josef liest, die Menge johlt. „Da erkennt man, dass man eh ganz okay war.“

Die besten Geschichten schreibt das Leben, heißt es oft so schön. Womöglich auch das beste Kabarett. (kanu)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2014)