Sammlung Essl: Galeristen warnen vor Kauf

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Vor allem Galeristen plädieren dagegen, dass der Staat die Sammlung Essl als Ganzes übernimmt: Lieber sollte er das Ankaufsbudget der Museen erhöhen. Aber wie viel ist die Klosterneuburger Sammlung wirklich wert?

Kaufen oder nicht kaufen: Seit Karl-Heinz Essl erklärt hat, seine Sammlung an die Republik verkaufen zu wollen, entzweit diese Frage österreichische Kunstexperten, Galeristen, Museumsdirektoren und Kunsthändler. Teile der Sammlung Essl wären für die staatlichen Bestände eine Bereicherung, darüber ist man sich einig. Aber alles kaufen?

Die Skepsis überwiegt bei Weitem. Gerade Museumsdirektoren mit Beständen moderner Kunst warnen – wohl auch aus Angst, im Fall eines Ankaufs noch weniger Geld für eigene Anschaffungen zu bekommen. „Grundsätzlich muss festgehalten werden, dass die österreichische Kunst des 20. Jahrhunderts sowie das zeitgenössische Kunstschaffen mit den Sammlungen des Belvedere/21er Haus, der Artothek des Bundes und des Mumok ausreichend repräsentiert werden“, schreibt etwa Belvedere-Direktorin Agnes Husslein: „Es steht aber außer Frage, dass einzelne Blöcke der Sammlung Essl passgenaue Ergänzungen für die Bestände dieser Häuser darstellen würden. In jedem Fall muss die Sammlung im Detail evaluiert werden.“

Die Leiterin des Museums der Moderne in Salzburg, Sabine Breitwieser, rät ebenfalls zur Vorsicht: Fachleute der Museen müssten unbedingt beurteilen, ob die Sammlung überhaupt von öffentlichem Interesse sei.

 

Würde der Markt überschwemmt?

Das findet Florian Steininger, Kurator beim Kunstforum Bank Austria, schon: „Es ist ein wichtiges Zentrum für österreichische Malerei nach 1945.“ Steininger, der selbst ein Jahr lang bei Essl gearbeitet hat, fände eine Veräußerung der Kunstwerke „aus Sicht der Künstler fatal, weil dann der Markt überschwemmt würde“. Und bei einem Kaufpreis von 86 Millionen – so der Buchwert – wäre die Sammlung „ein Schnäppchen“, ihr Wert gehe in die Hunderte Millionen. Steininger nennt Spitzenarbeiten von Baselitz aus den 1960er- und 1970er-Jahren, Bilder von Anselm Kiefer, die Maria-Lassnig- und Arnulf-Rainer-Schwerpunkte. Am wertvollsten sei das vierteilige Wolkenbild von Gerhard Richter, das Steininger auf 20 bis 30 Millionen schätzt.

Aber würde es überhaupt mitverkauft? Das Richter-Bild sei im öffentlichen Verzeichnis der Sammlung gar nicht angeführt, sagt Werner Rodlauer, Obmannstellvertreter des Gremiums Kunsthandel in der Wirtschaftskammer. Er sieht die Sammlung Essl durchaus skeptischer: „Sie hat einen gewissen Wert, was manche Strömungen in der österreichischen Kunst betrifft, z.B. einen Teil des österreichischen Informel. Sie könnte in kleinem Ausmaß Lücken schließen, aber nicht so sehr, dass ein Ankauf der ganzen Sammlung gerechtfertigt wäre.“

„Die Museen hatten in den letzten Jahren kaum noch Ankaufsbudget“, kritisiert Rodlauer. „Und hier soll in einem Handstreich eine Sammlung, die sicher in Details hochinteressant ist, in Bausch und Bogen gekauft werden! Das ist nicht in Ordnung mit öffentlichen Geldern, die transparent eingesetzt werden müssen.“

Auch Galerist Ernst Hilger findet, man solle, statt eine sehr persönliche Sammlung „en bloque“ zu kaufen, lieber das Ankaufsbudget der Museen erhöhen.

 

Ankauf nur mit Gesetzesänderung?

Die Sammlung müsste erst einmal öffentlich gemacht werden, meint Gabriele Senn, Chefin des Verbands österreichischer Galerien moderner Kunst: „Man weiß ja gar nicht, was zur Sammlung gehört und was vielleicht Privatbesitz der Familie ist.“ Und sie warnt vor einer raschen Entscheidung unter „vehementem Druck“: „Zu sagen, wir verkaufen die Sammlung Essl um 89 Millionen, und dann haben wir 4000 Arbeitsplätze gerettet, das ist höchst populistisch.“

Kaufen, ja, aber nur mit Gesetzesänderung: Das schlägt Michael Kovacek, Geschäftsführer des Auktionshauses Im Kinsky, vor: „Sinnvoll wäre ein Ankauf nur, wenn es den staatlichen Museen endlich gesetzlich erlaubt würde, Werke auch zu verkaufen. Sonst kauft der Staat 7000 Bilder, obwohl nur 3000 interessant sind.“ In Amerika sei das gang und gäbe. „Es ist sinnlos, tausende Objekte in den Depots zu lagern, die nie jemand sieht, anstatt sich von den schwächeren Dingen zu trennen und neue zu kaufen.“

Auch der ehemalige Geschäftsführer der Kunstauktionen Im Kinsky, Otto Hans Ressler, plädiert seit Langem für eine Gesetzesänderung. „Dieses Verkaufsverbot stand schon im ersten Gesetz, das die junge österreichische Republik 1918 beschlossen hat. Damals war das sinnvoll, man stand vor riesigen Reparationszahlungen und wollte verhindern, dass die Siegermächte die Museen ausräumen. Aber heute? Die Qualität einer Sammlung profitiert von Straffungen.“

Derzeit ist diese Diskussion freilich müßig – eine Gesetzesänderung scheint politisch kein Thema. Ressler ist allerdings trotzdem für den Ankauf. „Wenn die Sammlung zerrissen und verkauft wird, würde der Markt zusammenbrechen, denn die Sammlung Essl repräsentiert ein Mehrfaches dessen, was der Markt normalerweise aufnimmt.“

 

Vergleich mit Sammlung Leopold

Ressler hat im Auftrag Essls eine Schätzung der Sammlung durchgeführt und soll auf rund 250 Millionen Euro gekommen sein, er selbst weigert sich, Zahlen zu nennen. Aber er verweist auf die Sammlung Leopold. Über ihren Ankauf habe es große Diskussionen gegeben; heute sei der Wert eines einzigen Bildes daraus, „Leben und Tod“ von Klimt, so hoch wie der damalige Kaufpreis.

Gerade das Leopold-Museum ist für den Grünen Kultursprecher Wolfgang Zinggl eine Warnung: „Die Strategie, eine Kunstsammlung zu kaufen, diese in eine Privatstiftung einzubringen und dann auf jegliche Rechte verzichten, hat sich kulturpolitisch als Schuss ins Knie erwiesen.“ Auch FPÖ und Liste Stronach äußerten sich am Dienstag gegen einen Kauf. Kulturminister Josef Ostermayer (SP) ist gegen eine „Zerschlagung“ der Sammlung. SP-Kulturstadtrat Mailath-Pokorny kann sich eine Aufteilung nach dem Kauf vorstellen – ein Teil könnte an die Bundesmuseen gehen, ein Teil in Klosterneuburg bleiben.