Wie Vulkane helfen, Sonnenuntergänge auf Leinwände zu zaubern

William Turner
William Turner(c) wikipedia.com
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Die Aerosole im hoch in den Himmel hinaufgespuckten Qualm streuen das Licht, sie verschieben seine Palette, von Grün zu Rot. Turners Bilder zeigen es.

Wenn die Großen der Malerei ihre Blicke zum Himmel heben, dann wird es spannend, vor allem, wenn der Himmel verhangen ist und die Sonne tief steht. Monet wusste das, er übersiedelte von 1899 bis 1901 nach London, weil dort der Smog so dicht hing, dass das Licht kaum durchkam; Munch wurde eher überfallen, eines Abends erschütterte ihn am Rand von Oslo ein „plötzlich blutrot werdender Himmel“, er diente ihm dann als Hintergrund zum „Schrei“; und der Meister der Lüfte auf der Leinwand, William Turner, hat sich sein Leben lang von der Himmelsmalerei faszinieren und inspirieren lassen. Ihnen allen ging es natürlich um die ästhetische Erfahrung, sie packt auch die Betrachter der Bilder, aber in ihnen steckt ganz nebenbei noch etwas: Information über die Verschmutzung der Luft.

Etwa darüber, ob am anderen Ende der Welt ein Vulkan ausgebrochen ist, ein großer, der seinen Qualm so hoch in die Atmosphäre spuckt, dass er rund um die Erde wandert. Einer davon stand hinter dem Rot in Munchs „Schrei“, man weiß nur nicht so recht, welcher: Munch malte die berühmteste Version des Bilds 1893, ein Jahr zuvor war in Indonesien der Auwu ausgebrochen. Aber die Landschaft im „Schrei“ passt nicht zum Jahr 1893, sie war bebaut worden, ein paar Jahre zuvor. Munch hatte seine Bestürzung vielleicht früher – und malte später aus dem Gedächtnis –, es könnte 1883/84 gewesen sein, da färbte auch ein Vulkan, der Krakatau.

The answer? Blowin' in the wind!

Aber sicher ist das nicht. Deshalb sonderte Christof Zerefos, Atmosphärenphysiker in Athen, den „Schrei“ aus, als er 2007 versuchte, ein neues Umweltarchiv zu erschließen, das der Sonnenuntergänge auf den Leinwänden. In den Künsten haben andere auch schon Wetterspuren gesucht, in der Literatur etwa, der geschriebenen – griechische Tragödien und das Werk Mark Twains wurden ausgewertet – und der gesungenen: „You don't need a weather man to know, which way the wind blows“, heißt es in Bob Dylans „Homesick Blues“ (1965), und Alan Robock, Meteorologe der Rutgers University, kann das nur bestätigen: Er hat eine Eloge auf die Beobachtungsgabe und die metaphorische Wucht Dylans verfasst, in dessen Werk es von Wetter nur so wimmelt (Bulletin of the American Society, 2005, S.483): Robock zählte in 465 Songs 63-mal die Sonne, 55-mal den Wind und 40-mal Regen, er fand eine Beschreibung eines Gewitters, die ihresgleichen sucht („Chimes of Freedom“, 1964), und er fand natürlich die große Frage, wie oft man hinaufschauen muss, bis man den Himmel wirklich sieht.

Obwohl Robock den Song jahrzehntelang im Ohr hatte, kam ihm erst 2002, als er eine Konferenz auf Santorin organisierte – dem Vulkan, der Thera hieß, als er vor 3600 Jahren explodierte und die kretische Kultur auslöschte –, eine neue Interpretation: „Ich bemerkte, dass ,blowin' in the wind‘ auf Emissionen von Vulkanen in die Atmosphäre bezogen werden kann.“

Hier knüpfte Zerefos 2007 an: Die Emissionen von Vulkanen bestehen teilweise aus Aerosolen – vor allem Schwefeldioxid (SO2) –, und sie streuen das Licht, sie verschieben damit seine Palette, von Grün zu Rot: Diese „red-to-green (R/G) ratio“ kann man messen, in der Luft und in der gemalten Luft: Dort hatte Zerefos auf 500 Bildern aus den Jahren 1500 bis 1900 nach „vulkanischen Sonnenuntergängen“ gesucht, er fand 45 – die anderen dienten als Referenz für einen reinen Himmel –, bei Turner, auch etwa bei Caspar David Friedrich und Klimt, er sah seine Vermutung bestätigt: „Die rotesten Sonnenuntergänge zeigen die schmutzigsten Himmel“ (Atmospheric Chemistry and Physics 7, S.4027).

Das war eine hübsche Geschichte, aber sie stieß auf Zweifel: Zerefos hatte die analysierten Bilder den Homepages vieler Museen entnommen, und es war nicht klar, ob die Farben jenen der Originale entsprachen. Deshalb hat er sich in einer zweiten Runde auf Turner konzentriert, und auf das Museum, in dem seine Bilder hängen, die Tate Gallery, hinzu nahm er 186 Landschaftsbilder verschiedener Maler in der National Gallery London. Sie alle hat er getreu fotografiert und zugleich Klimaarchive ausgewertet, Eisbohrkerne, in denen der Grad der Luftverschmutzung dokumentiert ist (Atmospheric Chemistry and Physics 14, S.1). Der alte Befund hielt: „Wir haben gefunden, dass die ,red-to-green ratios‘ in den Bildern der großen Meister gut mit den Vulkanaerosolen in der Atmosphäre korrelieren, unabhängig davon, wer der Maler ist, welche Laune er gerade hat und zu welcher Schule er gehört“, berichtet Zerefos. Und er hat noch etwas gefunden: Auch der Hintergrund ist nicht gleich geblieben, in den letzten 150 Jahren hat sich das Rot generell vorgedrängt, es liegt an der Luftverschmutzung durch die Industrialisierung, wieder vor allem am SO2.

Experiment: Wüstenstaub wirkt auch!

Aber es muss nicht SO2 sein, andere Trübungen der Luft haben den gleichen Effekt: Zum Test seiner Hypothese hat Zerefos den Landschaftsmaler Panayiotis Tsetsis gebeten, an zwei Tagen hintereinander den Sonnenuntergang zu malen: Er tat dies, an der Küste seiner Heimat, der Insel Hydra, die Bilder fielen ganz verschieden aus, am ersten Tag war viel mehr Rot um die Sonne herum. Das lag an etwas, was Tsetsis nicht wusste, Zerefos aber sehr wohl: Am ersten Tag hatte ein Sturm Staub aus der Sahara hoch über die Insel geweht, am zweiten war die Luft wieder rein.

TURNER UND DER TAMBORA

Joseph Mallord William Turner (1775–1851) war bei seinen Zeitgenossen umstritten, gilt aber heute als „der Maler des Lichts“ (und als Vorläufer des Impressionismus). Seine letzten Worte sollen seinem Lieblingssujet gegolten haben: „The sun is God.“ Erhöht wurde die Wirkung dieses Gotts durch mehrere Vulkanausbrüche während der Schaffensperiode Turners, am stärksten war der des Tambora in Indonesien 1815. Ihn sah Turner natürlich nicht, aber seine Auswirkungen am Himmel schon.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2014)

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