Die rechten Geister, die der Maidan rief

UKRAINE CRISIS
UKRAINE CRISIS(c) APA/EPA/PETRO HROMYH (PETRO HROMYH)

Der „Rechte Sektor“ stand bei der Verteidigung gegen die Spezialkräfte des Regimes an vorderster Front. Für die Proeuropäer ist er aber längst zur Hypothek geworden.

Man nannte ihn Saschko Bily. Der militante Ultranationalist, mit bürgerlichem Namen Oleksandr Muzychko, war ein berüchtigter Anführer der ukrainischen Gruppierung „Rechter Sektor“ – bis er am Dienstag erschossen wurde. Doch wo genau das geschah, und vor allem wie, darüber gibt es zwei Versionen: Laut Innenministerium kam es in einem Café in der westukrainischen Stadt Rivne zu einem Schusswechsel: Muzychko wollte sich der Festnahme entziehen, feuerte auf die Spezialkräfte, und erlag wenig später seinen Verletzungen. Der Parlamentsabgeordnete Oles Doniy berichtete laut BBC aber, dass Muzychko aus seinem eigenen in ein fremdes Auto gezerrt wurde, und wenig später tot aufgefunden wurde. Hingerichtet.

Worüber kein Zweifel besteht: Hätte es Muzychko nicht gegeben, Moskau hätte ihn erfinden müssen, denn er illustrierte einfach perfekt das russische Narrativ von der „faschistischen“ Revolution in der Ukraine. Mitte der 90er kämpfte er gegen die Russen in Tschetschenien, und während des Umsturzes im Februar kursierte ein Video, bei dem er mit einer Kalaschnikow eine Versammlung stürmt.

 

Antisowjetische Tradition

Der „Rechte Sektor“, der sich kürzlich auch als Partei konstituiert hat, und dessen Führer, Dmitro Jarosch, bei der Präsidentenwahl am 25. Mai antritt, ist ein Konglomerat verschiedener rechtsextremer Gruppen, die sich gern auf den antisowjetischen Untergrundkampf nach dem Zweiten Weltkrieg beziehen. Es gibt zwar Berührungspunkte zur sei Jahren bestehenden rechten Partei „Swoboda“, der „Rechte Sektor“ ist aber um vieles radikaler. Die proeuropäische Opposition des Euro-Maidan sah sich allerdings gezwungen, mit beiden ein Zweckbündnis einzugehen. Swoboda-Chef Oleg Tjagnibok, vor Jahren noch ein offener Antisemit, bildete mit Vitali Klitschko und Arseni Jazenjuk das Maidan-Triumvirat, er leistete wertvolle Hilfe bei der Mobilisierung der Massen.

Der „Rechte Sektor“ mit seinen Schlägern wiederum spielte bei der Verteidigung des Maidan gegen die Sondereinheit Berkut eine zentrale Rolle – und bei Übergriffen gegen die Sicherheitskräfte. Teilweise sind die „Selbstverteidigungskräfte“ des Maidan von der Gruppierung unterwandert.

„Swoboda“ erhielt bei der letzten Parlamentswahl 2012 gut zehn Prozent der Stimmen. In jüngsten Umfragen für die Präsidentenwahl im Mai liegt ihr Chef Tjagnibok allerdings nur bei 2,5 Prozent, Jarosch vom Rechten Sektor käme gar nur auf ein mageres Prozent. Auf der einen Seite kann die nationale Aufwallung nach dem Verlust der Krim diesen Parteien natürlich in die Hände spielen. Andererseits sind es klassische Protestparteien, und eine Protestwahl steht nach der Wende nun gerade nicht bevor. Zudem kannibalisieren sich „Swoboda“ und der „Rechte Sektor“ bei der Wählerschaft gegenseitig.

Fraglich auch, ob es „Swoboda“ nützt, mit drei Ministern in die Übergangsregierung eingetreten zu sein. Einen davon, Verteidigungsminister Igor Tenjuk, hat sie am Dienstag bereits durch Rücktritt eingebüßt. Unter seiner Ägide ging die Halbinsel Krim verloren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2014)