"Putin erschießen": Merkel lässt Timoschenko rügen

Hat für Berlin Grenzen überschritten: Ex-Premierministerin Julia Timoschenko
Hat für Berlin Grenzen überschritten: Ex-Premierministerin Julia TimoschenkoEPA

In Berlin stößt der verbale Ausfall der Ex-Premierministerin sauer auf. Der ukrainische Premier Jazenjuk kündigt an, im Fall einer russischen Militärintervention im Südosten seines Landes kämpfen zu wollen.

Das war dann doch zu viel: Die deutsche Regierung, die während ihrer Zeit im Gefängnis immer eine schützende Hand über die ukrainische Ex-Premierministerin Julia Timoschenko gehalten hatte, rügte die Politikern wegen ihrer jüngsten Anti-Putin-Ausfälle: "Bei aller Opposition zum russischen Vorgehen auf der Krim und bei allen Meinungsverschiedenheiten auch ganz grundsätzlicher
Art gibt es natürlich doch Grenzen in Sprache und Denken, die nicht überschritten werden dürfen", ließ Kanzlerin Angela Merkel über ihren Sprecher Steffen Seibert am Mittwoch ausrichten: "Gewaltbilder,
Gewaltphantasien liegen weit jenseits dieser Grenzen".

Timoschenko hatte in einem abgehörten und im Internet veröffentlichten Telefonat mit dem ehemaligen Vizechef des Nationalen Sicherheitsrates gesagt, sie sei notfalls bereit, "eine Maschinenpistole in die Hand zu nehmen und diesem Bastard in die Stirn zu schießen". Gemeint war damit Russlands Präsident Wladimir Putin. Man müsse "zu den Waffen greifen und diese verdammten Russen zusammen mit ihrem Anführer abknallen".

Timoschenko hat das Gespräch mit Nestor Schufritsch im Gegensatz zu diesem grundsätzlich eingeräumt, macht allerdings geltend, dass es an einer weiteren Passage Manipulationen gegeben habe. Auf die Frage von  Schufritsch, was man den nun mit den acht Millionen Russen, die in der Ukraine geblieben seien, machen solle, erwidert Timoschenko scheinbar: „Man sollte sie mit Nuklearwaffen erledigen.“ Ihren Angaben nach soll das aber nicht in dem Zusammenhang gesagt worden sein, sondern sei zusammengeschnitten worden.

"Putin will Kaiser einer UdSSR 2.0 werden"

Der ukrainische Premier Arseni Jazenjuk will sein Land im Fall einer russischen Militärintervention am südöstlichen Rand der Ukraine mit allen Mitteln verteidigen. "Wir werden kämpfen", sagte Jazenjuk in einem Interview mit dem US-Sender PBS. Das sei auch die Pflicht der Bürger in der Ukraine. Dafür sei aber die Hilfe anderer Länder notwendig: "Wir brauchen technische und militärische Unterstützung, um das ukrainische Militär zu überholen, um es zu modernisieren und um bereit zu sein, nicht nur zu kämpfen, sondern zu gewinnen."

Die USA hatten ein entsprechendes Gesuch der Übergangsregierung in Kiew nach Medienberichten abgelehnt, um die Spannungen mit Russland nicht weiter anzuheizen. Auch Jazenjuk stellte allerdings klar, dass er einen militärischen Konflikt nicht suche. "Es ist glasklar, dass niemand einen Dritten Weltkrieg will."

Die Absichten Russlands seien eindeutig. Kremlchef Wladimir Putin wolle die Sowjetunion wiedererrichten und "Kaiser einer neuen Art UdSSR, Version 2.0" werden, sagte Jazenjuk. Doch der Druck Moskaus habe auch zur Einigkeit der Ukraine beigetragen. "Ich glaube, dass wir das russische Regime in ein paar Jahren mit einer besonderen Medaille für die Einheit meines Landes ehren werden."

Schmidt nennt Sanktionen "dummes Zeug"

Der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt hat indes Verständnis für das Vorgehen Russlands auf der Krim-Halbinsel geäußert. Die Sanktionen gegen Moskau bezeichnete er in der Wochenzeitung "Die Zeit" als "dummes Zeug". Auch der Rauswurf Russlands aus der G 8 sei falsch: "Es wäre ideal, sich jetzt zusammenzusetzen. Es wäre jedenfalls dem Frieden bekömmlicher als das Androhen von Sanktionen", wird Schmidt zitiert.

Dass Russland nach der Krim auch nach der Ostukraine greift, hält der 95-Jährige dem Bericht zufolge zwar für denkbar. Es sei aber ein Fehler, "wenn der Westen so tut, als ob das zwangsläufig der nächste Schritt sei. Das führt dazu, dass er möglicherweise auf russischer Seite den Appetit anregt." Auch der australische Ex-Premier Malcom Fraser übte in Wien Kritik an der Politik des Westens.

Ukraine will Militärmanöver mit Nato

Die Ukraine will in diesem Jahr an Militärmanövern mit Nato-Partnern teilnehmen, auch wenn eine Mitgliedschaft in dem nordatlantischen Bündnis ausgeschlossen wird. Übergangspräsident Oleksander Turtschinow beantragte am Mittwoch beim Parlament in Kiew, der Teilnahme an den Manövern "Rapid Trident" und "Sea Breeze" zuzustimmen. Das würde zur Folge haben, dass US-Einheiten in unmittelbarer Nähe zu Russland an Manövern beteiligt wären.

Die Regierung von US-Präsident Barack Obama hat starke Kürzungen bei Programmen zur Modernisierung der Streitkräfte der Ukraine und anderer Ex-Sowjetrepubliken angekündigt. Eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums in Washington sagte jedoch, die Manöver "Rapid Trident" und "Sea Breeze" sollten wie geplant stattfinden.

Das Manöver "Sea Breeze" hatte in der Vergangenheit bereits zu Irritationen in Moskau geführt, weil es bisweilen die Halbinsel Krim mit einbezog, auf der die russische Schwarzmeerflotte stationiert ist. Russland übernahm in den vergangenen Wochen die Kontrolle über die Krim. Seit Mittwoch ist an allen Militärstandorten auf der Krim die russische Flagge gehisst.

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(APA/DPA/Red.)