Reportage: "Oh nein, bitte nicht schon wieder"

Dramatische Wahlnacht in Cleveland, Ohio. Die Kerry-Anhänger erlebten bei einer Wahlparty ein Wechselbad der Gefühle.

Erstmals kippt die Stimmung gegen ein Uhr Früh, als im mer mehr Staaten an George W. Bush fallen. "Oh God, please no!" Marvin stößt einen Seufzer hervor. Er ist einer der vielen schwarzen Wahlhelfer, die sich im Ballsaal des Sheraton Hotels in Cleveland (Ohio) eingefunden haben, um mit den Demokraten die Party ihres Lebens zu feiern. "Esst, trinkt und seid fröhlich, die Nacht ist noch jung": Stefanie Tubbs- Jones, Kongressabgeordnete und Co-Direktorin der US-weiten Kampagne peitscht hunderte versammelte Kerry-Anhänger auf.

Doch im Saal herrscht Totenstille. Zahlreiche Menschen strömen dem Ausgang zu, zum Feiern ist ihnen nicht zu Mute. "Bleibt hier, bleibt wach", ruft Jones. Marvin schüttelt den Kopf. "Es ist vorbei." Wenige Stunden zuvor hatten sie hier noch enthusiastisch gefeiert und "Kerry"-Sprechchöre intoniert. Doch auch wenn die alles entscheidende Wahlschlacht in dem sogenannten "Swing State" Ohio noch nicht entschieden ist, die Party ist für die meisten Anhänger vorbei.

Ohio ist das "neue Florida": Zuletzt hatten die Kandidaten den Bundesstaat regelrecht abgegrast. Arnold Schwarzenegger kam im Schlepptau von Bush, Bruce Springsteen in jenem von Kerry, und am Sonntag waren überhaupt das demokratische und republikanische Gespann im Staat, jeder der vier Kandidaten allerdings in einer anderen Stadt. Und am Wahltag bildeten sich vor den Wahllokalen lange Menschenschlangen - Indiz für eine Rekord-Wahlbeteiligung.

Im Saal greift Frustration um sich. "Wenn Amerika Bush noch einmal regieren lässt, dann hat das Land nichts anderes verdient." Der verbitterte Demokrat aus dem Staat New York will ungenannt bleiben. "Ich will keine Probleme bekommen."

John Porter, ein demokratischer Bezirksvertreter aus Cleveland, hat andere Sorgen. "Die Republikaner haben das Prozedere in den Wahllokalen verlangsamt, um die Menschen in den Warteschlangen zu entmutigen." In einem Wahlsprengel mit 1300 registrierten Wählern habe es nur zwei Wahllokale gegeben. Laut seinen Informationen sei rund 35.000 Menschen ihr Wahlrecht verweigert worden, weil sie sich nicht ausweisen konnten. In Ohio müssen aber nur Erstwähler einen Personalausweis im Wahllokal vorweisen.

Vor allem in mehrheitlich schwarzen Bezirken hätten Wähler bis zu neun Stunden warten müssen, bis sie ihre Stimme abgeben konnten, sagt Porter. Der alleinerziehende Vater ist verzweifelt. "In Ohio wird jetzt alles noch schlimmer werden." Seit den 20er Jahren seien noch nie so viele Jobs in dem krisengeschüttelten Bundesstaat vernichtet worden. Er selbst sei seit einem Monat auf Arbeitssuche. "Langfristig bleibt Amerika ein Land, das Arbeitgeber unterstützt, und nicht die Arbeitnehmer."

"Die Kirchen haben diese Wahlen entschieden", sagt Victor Mallison. "Die USA sind nicht säkular, Kirche und Staat sind nicht klar getrennt." Bush habe mit Erfolg an die steigende Schar fundamentalistischer Christen appelliert.

Mallison hat noch eine Erklärung parat: "Die Amerikaner schauen zu viel fern." Bush habe die Kunst der "Soundbites", das Herunterbeten von kurzen Slogans, perfektioniert. "Er hat sich als entscheidungsstarker Führer präsentiert." Darüber hinaus wären die Republikaner während des gesamten Wahlkampfs ihrer Linie treu geblieben, meint der junge New Yorker. "Es ist eben einfacher, an Ängste zu appellieren, als komplexe Lösungen anzubieten."

Die Detailanalysen sind für viele Kerry-Anhänger erschütternd. Die Hoffnung auf eine starke Mobilisierung der unter 30-jährigen Wähler hat sich nicht erfüllt. Im Jahr 2000 waren 17 Prozent dieser Wählergruppe zu den Urnen gegangen, vier Jahre später hat sich der Prozentsatz nicht erhöht. Was den Irak-Krieg betrifft, so waren die Jungen mit 49 Prozent Zustimmung und ebenso viel Ablehnung überraschend gespalten. Auch die Rekordwahlbeteiligung hat nicht die ersehnte Unterstützung für Kerry gebracht.

"Die USA sind in ihrer demokratischen Entwicklung zurückgeblieben", sagt Thomas Weiler. Der weißbärtige 60-Jährige hat vor vier Jahren für Ralph Nader gestimmt. "Ich bin kein Demokrat, ich trete für einen moderaten Sozialismus ein." Diesmal hat er für Kerry gestimmt. Es hat nichts genützt.

Nur der harte Kern bleibt der Wahlparty treu. "Ich gehe erst, wenn wir wissen, wer unser neuer Präsident ist", sagt David. Da wird er vielleicht noch eine ganze Weile ausharren müssen. Etliche völlig erschöpfte Wahlhelfer liegen auf dem Boden und schlafen. Ab und zu wird noch vereinzelt geklatscht, wenn die Kongressabgeordnete Jones ans Mikrofon tritt. "Die Hoffnung lebt noch." Die Nacht ist für sie noch lange nicht zu Ende.

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