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Neue Burg-Chefin: "Nicht nur Sonnenschein"

Karin Bergmann, Burgtheater
Karin Bergmann(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Die neue Direktorin, Karin Bergmann, wirkt selbstbewusst und hat klare Vorstellungen. Sie will ein gutes, offenes Arbeitsverhältnis mit ihren Schauspielern. Für Mitbestimmungstheater sei jedoch kein Platz an der Burg.

Die Presse: Ich komme gerade von der Pressekonferenz der Anwälte von Matthias Hartmann. In ihrer Klage, die sie nun eingebracht haben, bezeichnen sie seine Entlassung nicht nur als ungerechtfertigt, sondern auch als unwirksam. Teilt das Gericht diesen Standpunkt, hätte das Burgtheater de jure mit einem Schlag zwei künstlerische Geschäftsführer im Amt.

Karin Bergmann: Das wird, so hoffe ich, sehr bald geklärt werden. Vorerst muss ich agieren, und da bin ich zurzeit schwer gefragt.

 

Hartmanns Anwälte behaupten auch, er habe die Eigentümer sehr früh über die schwierige finanzielle Situation des Theaters informiert, doch auf seine Warnungen habe niemand reagiert. Was würden Sie tun, wenn Sie auf Missstände hinweisen und nicht gehört werden?

Ich meine, man muss Missstände der zuständigen Abteilung oder der betreffenden Person in der Form mitteilen, dass es Konsequenzen hat. Das ist doch das Entscheidende! Wenn ich Leiter eines solchen Instituts bin, muss ich kraft meiner Autorität und dem Ernst der Lage entsprechend so handeln, dass es Folgen hat. Es reicht nicht aus, dem anderen nur mitzuteilen, da stimmt etwas nicht. Diese Position ist mit genug Pouvoir ausgestattet, dass man sich durchsetzen kann.

 

Schon bei Ihrer Vorstellung vor einer Woche und auch jetzt machen Sie auf mich einen sehr selbstbewussten Eindruck.

Ich bin eigentlich ein Mensch mit starken Selbstzweifeln, der sich und sein Tun infrage stellt. Aber diese Aufgabe kann ich nur beginnen, wenn ich Vertrauen in meine Entscheidungen habe. Das ist sicher auch eine Frage der beruflichen Erfahrung. Wenn ich mich hier nicht sicher fühle, stagniert alles. Sagen wir, ich bin ein sehr reflexiver, aber entscheidungsfreudiger Mensch.

 

Ihre Bestellung war von großer Euphorie begleitet. Um die beneide ich Sie nicht. Ich stehe diesem Überschwang mit Distanz gegenüber.

Ich auch! Natürlich werde ich es auch nicht allen recht machen können. Ich mache Theater mit den Schauspielern, aber ich mache kein Mitbestimmungstheater.

 

Ein Theaterbetrieb ist ja auch keine demokratische Veranstaltung.

Insoweit aber doch, als hier jeder seine Meinung frei äußern können sollte.

 

Natürlich, aber Sie werden wohl nicht darüber abstimmen wollen, ob „King Lear“ oder „Faust“ gespielt wird, oder darüber, wer Desdemona spielen darf.

Nein, das sicher nicht. Oft kann die Direktion dem Schauspieler nicht das bieten, was er sich von ihr erhofft und erwartet. Aber ich sehe die Schauspieler derzeit jeden Abend vor den Vorstellungen, wenn ich die Runde durch die Garderoben mache. Und da kommt mir sehr viel gute Stimmung entgegen. Gleichzeitig wissen alle, dass nicht nur Sonnenschein auf uns wartet.

Sie hatten nur sehr kurz Zeit, sich für oder gegen die interimistische Direktion zu entscheiden. Was waren für Sie die Eckpfeiler Ihres Entschlusses?

In meinen Gesprächen mit Thomas Königstorfer, den Mitarbeitern der Holding und den politisch Verantwortlichen hat man mir das Gefühl gegeben, dass es für die finanzielle Lage des Hauses Lösungsvorschläge gibt, um von der „Situation zappenduster“ wieder in die Dämmerung zu kommen.

 

Sie müssen den Beteiligten viel Vertrauen entgegenbringen, oder?

Absolut. Das habe ich, und zwar auch in den Aufsichtsrat. Ich gehe davon aus, dass alle das Burgtheater in seiner jetzigen Form erhalten wollen, sodass wir den Kulturauftrag so erfüllen können, wie er jetzt existiert.

 

Womit sind Sie denn zurzeit vor allem beschäftigt?

Eines meiner Ziele ist es auch, bald wieder zu einem Alltag zurückzukehren. Zuallererst habe ich an alle Mitarbeiter einen Brief geschrieben, dass es regelmäßig Sitzungen mit den Abteilungen geben wird, damit alle über die anstehenden Maßnahmen informiert sind. Es ist auch wichtig, über all das zu sprechen, was nicht so gut gelaufen ist. Mitarbeiter sehen ja oft in ihrem Bereich Möglichkeit zur Verbesserung. Aber ich hatte Besprechungen mit der Dramaturgie und telefoniere täglich mit Regisseuren. All jene, die schon von Hartmann vorgesehen waren, konnte ich eine Zusicherung geben, dass wir an den Projekten festhalten werden. Hier muss jetzt an den Besetzungen gearbeitet werden, weil in den vergangenen Wochen doch viel liegen geblieben ist. Zudem gibt es noch Leerstellen im Spielplan. Und dann spielen wir hier ja auch jeden Tag Theater, mit all den kleinen Unwägbarkeiten, die es so gibt, wie plötzlichem Stimmverlust und vielem mehr.

 

Die frühere kaufmännische Geschäftsführerin Stantejsky wurde von vielen Schauspielern als Freundin bezeichnet. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu den Künstlern beschreiben?

Ich habe ein sehr gutes, offenes Verhältnis, weil ich Tacheles mit ihnen rede, und natürlich tausche ich mich auch gerne aus. Ich habe mit ihnen eine sehr schöne Arbeitsbeziehung. Aber befreundet bin ich mit Menschen außerhalb des Theaters. Und das Theater ist keine Servicestation für die Schauspieler, sondern der Arbeitsplatz.

 

Ich weiß, für diese Frage ist es früh. Dennoch: Welche künstlerischen Visionen wollen Sie in dieses Haus tragen?

Visionen sind mir sehr wichtig, und gemeinsam mit der Dramaturgie überlegen wir uns Formate, bei denen es um gesellschaftspolitisch relevante oder auch philosophische Themen gehen kann, die uns alle angehen. Dazu brauche ich aber Luft und Zeit, um Gedanken zu spinnen. Ein Theater soll seine Zuschauer unterhalten, aber für mich ist es genauso wichtig, dass es die Besucher zum Denken verführt. Das Theater ist ein Ort, wo man sich mit den ganz großen Menschheitsthemen beschäftigt und dazu Anstöße für sein eigenes Leben bekommen soll.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2014)