Cleveland: Ohio: Hoffnung der Demokraten

Ohio zählte zu den am härtesten umkämpften US-Bundesstaaten. Die US-Demokraten wollten bis zuletzt nicht an eine Niederlage glauben.

Noch bevor die ersten Prognosen über den riesigen Schirm in den Ballsaal des Sheraton Hotels in Cleveland flimmern, ist im Ballsaal im Sheraton Hotel in Cleveland, Ohio, kein freier Sessel mehr zu finden. Wessen Herz in Cleveland für die US-Demokraten schlägt, der ist Dienstagnacht hier zu finden. Die Wahlparty der Demokraten steht allen offen. Zu diesem Zeitpunkt glauben sie fest, dass sie gewonnen haben.

"Sogar ein Bush-Wähler aus Cincinnati wäre willkommen", sagt Joy Roller, Vorsitzende der "Ohio Women für Kerry" lachend. "Wahrscheinlich wäre er aber heute nicht gerne hier." Die Wahlbeteiligung hat alle Erwartungen übertroffen. Der Andrang war so groß, dass die Wahllokale zwei Stunden länger als geplant offen halten mussten.

Auch John Kerry ist hier - in mehreren Ausgaben. Sogar als Pappkamerad an die Wand gelehnt bekommt er von den Vorübergehenden ein strahlendes Lächeln ab. Stars and Stripes ist die Marke der meisten Pullover und T-Shirts. Auch Stefanie Tubbs Jones, Co-Direktorin der US-weiten Kerry-Wahlkampagne, trägt eine Bluse in den US-Nationalfarben. Als die afro-amerikanische Kongressabgeordnete den Raum betritt, brandet Jubel auf. Eine zarte Frau mit strähnigem Haar stürzt auf sie zu. "Darf ich Sie umarmen?" Sie fällt Jones um den Hals. "Danke für alles." Die Frau, die den Aufkleber einer Veteranenorganisation trägt, hat Tränen in den Augen. "Wir haben so lange auf diesen Moment gewartet." Jones lacht über das ganze Gesicht: "Wir haben Großartiges geleistet."

Bill Synk hat in den vergangenen Wochen mit tausenden Menschen telefoniert, um sie für John Kerry zu gewinnen. Der 55-jährige Vietnam-Veteran hat sich zum ersten Mal politisch engagiert. Die Wahl werde das politische Klima in den USA nachhaltig verändern, meint Synk. "Wir verlangen erstmals Rechenschaft von unseren Politikern." Vor allem beim Thema Terrorismus habe er bei seinen Gesprächspartnern starke Zweifel gespürt, ob ein Demokrat effektiv dagegen vorgehen werde. "Aber Bush hat so viel Vertrauen verloren." Synk ist zu diesem Augenblick noch überzeugt, dass sich sein Einsatz gelohnt hat. Am Morgen des 2. November passiert Ron Fisher das, was ihm in mehr als 50 Berufsjahren nur selten unterlaufen ist. Er kommt zu spät zur Arbeit. Um 7 Uhr früh wollte der 70-Jährige, der nach seiner Pensionierung als Mathematikprofessor sein eigenes Transportunternehmen gegründet hat, in Cleveland (Ohio) seine Stimme für den künftigen US-Präsidenten abgeben. Die Menschenschlange vor seinem Wahllokal hatte er nicht erwartet. "So etwas habe ich seit 1968 nicht mehr gesehen." Der überzeugte Demokrat ("wenn Bush gewinnt, habe ich vier weitere lausige Jahre vor mir") ist davon überzeugt, dass das Prozedere in seinem Wahllokal absichtlich erschwert wurde.

"Statt zehn Wahlzellen gab es diesmal nur sechs, und die Wähler mussten durch einen Parcours von Checks." Die Angst vor Unregelmäßigkeiten hatte seit Wochen für erhitzte Debatten in Ohio gesorgt. Erst am Montag hatten zwei Bundesrichter entschieden, dass politische Repräsentanten die Wahllokale nicht betreten dürften, um Wahlberechtigungen anzufechten.

Die US-Republikaner hatten angekündigt, jeden einzelnen Wähler zu überprüfen, da es durch die große Anzahl an neuen Wählern zu Unregelmäßigkeiten kommen könnte. Trotz des Entscheids habe es langwierige Überprüfungen gegeben, bestätigte Kenneth Grundy, Politologe der Case Western University in Cleveland, der "Presse".

Kerry kämpfte bis zuletzt Grundy war am Dienstag als unabhängiger Wahlbeobachter der "Election Protection" unterwegs gewesen. Doch weder die bürokratischen Hürden noch das schlechte Wetter konnte die Rekord-Wahlbeteiligung beeinträchtigen. Manche Wähler warteten stundenlang im strömenden Regen. Schon am Vorabend hatten rund 50.000 Menschen im Cleveland City Park demonstriert, dass sich John Kerry auf ihre Unterstützung verlassen könne. Im Nieselregen und bei eisigem Wind hatten die Kerry-Anhänger rund vier Stunden ausgeharrt, um den Auftritt des Präsidentschaftskandidaten zu erleben.

Als Kerry nach einem umjubelten Auftritt von Bruce Springsteen unter den Klängen von "No surrender" auf die Bühne läuft, ist die Stimmung am Kochen. "Hier ist er, unser neuer Präsident", sagt Elaine Allen, die seit Wochen als Wahlhelferin für die US-Demokraten im Einsatz ist. "Wir wollen unser Land zurück." In ihrer Hand hält sie eine Bush-Puppe mit Pinocchio-Nase. "Ohio wird das Schicksal der Wahl entscheiden.

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