Tanzparkett Barceloneta. Die Katalanenstadt erlebt derzeit einen Boom der Swingvariante Shim Sham. Abgetanzt wird in Parks oder im Sommer am Meer.
Auf einmal geht alles ganz schnell: Die Passanten, die sich auf der belebten Plaza Catalunya in Barcelona scheinbar zufällig treffen, stellen sich in Reihen auf. Eine tragbare Musikanlage wird eingeschaltet – und los geht der Shim Sham, ein Stil des Swings, der in einer festgelegten Choreografie getanzt wird. Die gut 100 Tänzer und Tänzerinnen haben sich vorher per Internet zu einem Swing-Flashmob zusammengefunden. In den Swing-Tanzschulen der Stadt gab es zur Vorbereitung kostenlose Workshops, denn die Choreografie dieses speziellen Tanzes wird nicht so oft gelehrt.
Ist es Zufall, dass der Swing in Spanien gerade jetzt, in Krisenzeiten, angesagt ist? In den USA entwickelte sich der Swing nach der großen Weltwirtschaftskrise 1929. Den kleineren Combos mangelte es an Aufträgen, die Musiker kamen in größeren Formationen, den Big Bands, zusammen. Die Urvariante des Swings entstand im legendären Savoy Ballroom im Savoy Hotel in New York. Der Tanztempel war, im Gegensatz zu den anderen Tanzsälen, für alle Hautfarben offen. Die New Yorker High Society kam extra von Manhattan nach Harlem, um diesen famosen Tanz, den Savoy-Style-Swing, in Augenschein zu nehmen.
Einheizen mit Count Basie
Barcelona erlebt derzeit einen ähnlichen Boom. Ganze 14 Swing-Tanzschulen gibt es in der katalonischen Hauptstadt mittlerweile, manche von ihnen stilecht in Hinterzimmern von Kneipen untergebracht; die größte brüstet sich mit neun Tanzsälen. Dank des Klimas müssen Tänzer sich in der Hauptstadt Kataloniens nicht nur auf verrauchte Ballsäle beschränken, sondern können auch die Plätze und Parks der Stadt nutzen. Regelmäßig am Sonntag karren die Mitglieder der Associació de Swing de Barcelona ihre Musikanlage auf lauschige Plätze, bevorzugt im alternativen Stadtteil Gràcia, um den Tänzern und Tänzerinnen mit Musik von Teddy Wilson, Count Basie, Benny Carter oder Coleman Hawkins einzuheizen. Im Sommer auch an der Barceloneta, dem Stadtstrand von Barcelona. Ganz legal ist das nicht, aber die Polizisten, die ab und zu vorbeischauen, drücken beide Augen zu und machen den Eindruck, als sei die Lebensfreude, die die wirbelnden Tanzpaare verbreiten, ansteckend.
Obwohl Tänzer aus dem studentischen Milieu die große Mehrheit stellen, kommen regelmäßig auch Tanzpaare im Pensionsalter vorbei, die sich vielleicht an die Vergnügen ihrer Jugend erinnern. Und bei vielen Veranstaltungen spielen sogar Livebands, zum Teil mit Sängern und Sängerinnen. Die bekannteste ist die 19-jährige Andrea Motis, die Saxofon und Trompete spielt und auch singt. (d. eng.)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2014)